Gefährliches Vergnügen. Eisradeln am Neusiedlersee

Eisradeln am Neusiedlersee

Teil 1: Es ist ein seltenes Ereignis. Eisradeln am Neusiedlersee. Zuletzt 2017, 2024 und eben gerade (abgesehen von ein paar sehr kurzen, wenn auch hauchdünnen Versuchen die Jahre dazwischen). Der Neusiedlersee ist zugefroren. So, dass das weitläufige Betreten auf eigene Gefahr möglich ist. Das muss an dieser Stelle festgehalten werden. Es besteht immer die Gefahr, einzubrechen. Was EisläuferInnen, EisseglerInnen (klassisch oder neumodern, mit Wing) und manchmal auch Radfahrer nicht davon abhält, ihr persönliches Abenteuer zu wagen. Eisradeln am Neusiedlersee ist ein rar gewordenes Phänomen, umso prickelnder das Gefühl, mit dem Rad über das Eis zu fegen.

Das Eis oder das Wasser? Einer von beiden ist der Chef

Als ich gestern am See war und allein auf weiter Flur dastand, hatte ich ganz ehrlich gesagt Schiss. Was brauche ich in meinem Alter ein kaltes Seebad samt Rad! So stand ich am Ufer und starrte in die Ferne. Irgendwas hielt mich davon ab, das Eis zu befahren. Minutenlang. Dann aber doch. Vorsichtig rollte ich am Ufer über das Eis direkt in den See. Dieses Jahr war das Eis nicht wirklich glatt. Unterschiedliche Farben und Formen, Risse und auch Eisschollen an der Oberfläche ließen mich Vorsicht walten. Mitten in der Ruster Bucht parkte zudem ein Spezialgerät zur Absaugung des Schlammes. Dieses hatte wohl in Eisbrecher-Manier eine breite Schneise gezogen. Nicht gut für’s Auge. Es war nicht zu erkennen, ob hier Eis oder Wasser Vorrang hatte. Um es herauszufinden, wagte ich mich ins Ungewisse. Fein dokumentiert mit Drohnenaufnahmen. DJI Neo – die erste Generation.

Es gibt Momente im Leben, da kann man mit allen Sinnen gleichzeitig (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Gleichgewicht, Bewegung, Wärme, Tiefe, Gedanken) Dinge wahrnehmen. Am Eis durchlebte ich so einen Moment. Es war, als hätte ich tausend Fühler ausgestreckt, um ja nicht den Moment eines möglichen Einbruchs zu verpassen. Einbrauch, auf den ich auch nicht vorbereitet gewesen wären.

Ein Rad, ein See, ein weiter Himmel. Und hoffentlich dickes Eis

Ich hatte Schiss. Das steht klar. Erst als zwei Eisläufer ebenfalls mit Mut verpackt die Eisfläche betraten und um mich Pirouetten drehten, wuchs langsam das Vertrauen in mein Schicksal-Schutzschild. Meine Bewegungen wurden schneller, mein Denken befreiter und meine Wege länger. Das war jetzt schon nahe am Eisradeln am Neusiedlersee, so wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte.

Das Eis glänzte weiter draußen in der Bucht und spiegelte die Sonne wider, als hätte der See selbst ein Licht verschluckt und nun in tausend Facetten zurückgegeben. Meine Spikes griffen zuverlässig bei jedem Tritt, schnitten leise durch die Stille und hielten mich auf Kurs – ein leiser Tanz aus Kraft und Balance. Vor mir lag die Weite, die fast ein bisschen nach Ewigkeit schmeckte, hinter mir die Spur: ein zarter Abdruck eines Moments, eingefroren im Jetzt, vergänglich wie jeder Atemhauch im Winterlicht.

Hier draußen, zwischen Himmel und Eis, wo die Geräusche leiser werden und das Denken langsamer, spürt man plötzlich, wie viel Platz in einem selbst ist. Und wie wenig es manchmal braucht: ein Rad, ein See, ein weiter Himmel. Und hoffentlich dickes Eis. Das ist kein Abenteuer mit lautem Tamtam – das ist ein stilles Staunen. Ein tiefes Einatmen. Das ist das Winterwunder Burgenland. Wie damals 2024. Ich mittendrin, statt nur daheim. 

Nachahmung auf eigene Gefahr

Zuerst ängstlich und am Ende übermütig. Bis es rund um mich verdächtig krachte, krachte, knisterte und knirschte. Auch dieses sonderbare „Piuhhh-Geräusch“ stoppte mich abrupt.

Ich sag’s noch einmal – laut und deutlich: Das Betreten und Befahren des mit Eis bedeckten Neusiedlersees geschieht auf eigene Gefahr. Immer. Der See wird niemals offiziell freigegeben. Punkt. Auch wenn Burgenland Tourismus fürs Wochenende extra das Gastro-Angebot rund um den See aufmöbeln will – vermutlich in der Hoffnung, dass auch eingebrochene Gäste noch Hunger auf burgenländische Schmankerln haben. ((Ironie off. Wirklich.))

Laut Prognose gibt es am Samstag (10.01.26) leichte Plusgrade, bevor ab Sonntag knackige Kälte die pannonische Tiefebene erneut bescuhen wird. Der Schneefall heute? Eher Deko als hilfreich – das Eis wird dadurch nicht besser. Aber am Sonntag rechne ich mit mehr Mutigen. Ob darunter auch Radfahrer:innen sein werden? Keine Ahnung. Ich fahre auf jeden Fall noch einmal – zum Eis. Und übers Eis.

Passt auf euch auf da draußen. Kein Selfie ist es wert, beim Eisradeln am Neusiedlersee im See zu verschwinden.

 

Update: Eistag Nummer 2 am Neusiedlersee

Ich habe Lunte gerochen. Und ich gebe es gerne zu. Zugefroren habe sogar ich Gefallen am Neusiedlersee. Darin zu baden, steht weit unten auf meiner Bucket-List. Dafür ganz weit oben, das Befahren mit dem Rad. Sofern und sobald der See zugefroren ist. Es lag also auf der Hand, dass ich nochmals hinmusste. Diesmal war ich nicht allein. Als Radfahrer sehr wohl. Aber es waren Hunderte, wenn nicht noch mehr. Alle wollten Eislaufen. Wie damals. Mittendrin, statt nur daheim? Ganz genau.

Und es war genial. So lange unterwegs und so weit hinaus bin ich über den See noch nie gefahren. Vom Ufer weg – hinaus in die Ewigkeit. Ohne Horizont, ohne Ziel und ohne Furcht. Nicht ganz. Meine Gefühle schwankten zwischen Unsterblichkeit und Vergänglichkeit. Ich versuchte, negative Gedanken zu verdrängen. Bei jedem Geräusch aber, poppten sie wieder auf. Oft waren es nur die Laschen meines Rucksacks, manchmal aber auch die Drohrufe der Eisdecke.

Zwischen wollen und müssen liegt die Sucht nach Besonderem

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Eis gibt es am Neusiedlersee seltener denn ja. Vermeintlich dickes, wie jetzt, noch weniger. Ein großes Abenteuer würde ich gerne noch erleben. Eine Überquerung des Sees. Nicht mit der Fähre, sondern miit dem Rad. Gestern habe ich es versucht. Von Mörbisch nach Illmitz. Eine apere Schneise hat jedoch meinen Weg gekreuzt. Ich war mir nicht sicher. Warum das Risiko? Kommando retour. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Die Prognosen sagen noch zwei Eistage voraus. Was das heißt? Das wird sich zeigen. Ob es sich lohnt. Die Sucht nach Besonderem liegt zwischen wollen und müssen. Vernunft passiert.

Der gestrige Tag am See (auf dem See – über dem Eis) war mit Sicherheit einer meine besten am Rad. So viel Freiheit auf einmal hat man nicht alle Tage. Und dazu noch die Blicke aller, die auf den eigenen Beinen unterwegs waren. Neugier, Kopfschütteln, Zuspruch … von allem etwas. Von nichts genug. Und ich? Ich hab nur gespürt: Mehr braucht’s manchmal nicht.

Winterwunder Burgenland

Wenn das Winterwunder Burgenland nicht nur eine Tourismus-Schlagzeile ist, dann gibt das Eis den Takt vor und dein Kopf schreibt deine eigene Geschichte. Wer hier in die Pedale tritt, tritt ein in eine andere Welt. Kein Verkehr, keine Eile, nur das leise Summen der Kälte und das befreiende Gefühl, Teil eines Wintermärchens zu sein. Echtes Naturkino, ohne Filter – aber mit Gänsehaut.


Passt auf euch auf.
Cristian aka #ktrchts

Mehr Abenteuer am Rennrad gibt es hier. Hoffentlich eisfrei.

Danke für die Empfehlung

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