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Was ich die Woche vor dem Ötztaler Radmarathon 2026 noch alles zu erledigen habe

Ötztaler Radmarathon 2026

Es ist Montag. Am Sonntag findet der Ötztaler Radmarathon 2026. Das bedeutet: Ich habe noch sechs Tage Zeit. Sechs Tage, um all jene Dinge zu erledigen, für die andere Menschen ungefähr neun Monate einplanen würden. Aber andere Menschen fahren vermutlich auch nicht freiwillig 227 Kilometer über vier Alpenpässe, um am Ende dort anzukommen, wo sie sechs Tage zuvor schon waren.

Die gute Nachricht: Ich bin vorbereitet. Die schlechte: Mir fällt gerade auf, was ich noch alles erledigen muss.

Zum Beispiel vier Kilo abnehmen.

Meine Form aufbauen.

Meine Form gleichzeitig durch Tapering schützen.

Meine Kohlenhydratspeicher leeren.

Meine Kohlenhydratspeicher füllen.

Mein Fahrrad leichter machen.

Meine Trikottaschen schwerer machen.

Nichts Neues mehr ausprobieren.

Und dringend noch ein paar neue Dinge ausprobieren.

Es wird eine intensive Woche.

Montag: Noch schnell vier Kilo abnehmen

Das Wichtigste zuerst. Renngewicht. Ich hatte seit September 2025 Zeit dafür. Das erschien mir allerdings unnötig früh. Außerdem waren Weihnachten, Ostern, Geburtstage, Urlaube, Wochenenden und mehrere Montage, Dienstage, Donnerstage, Freitage, Samstage, Sonntage und auch mehrere Mittwoche dazwischen. 

Jetzt bleiben sechs Tage. Das muss reichen. Vier Kilo weniger wären am Timmelsjoch schließlich vier Kilo weniger. Physik ist da erfreulich eindeutig.

Wie genau man in sechs Tagen vier Kilo verliert, ohne am Sonntag auf Höhe Kühtai von einem Sanitäter mit Traubenzucker wiederbelebt zu werden, ist hingegen ein Detail, mit dem ich mich später beschäftigen werde.

Vorerst gilt: Kaloriendefizit. Salat. Wasser. Keine Süßigkeiten. Keine Kohlenhydrate. Jedes Gramm zählt. Am Donnerstag beginne ich dann mit dem Carboloading. Man muss Prioritäten setzen. Die Kunst der modernen Sporternährung besteht schließlich darin, Montag bis Mittwoch möglichst wenig zu essen, um anschließend Donnerstag bis Samstag möglichst viel zu essen und am Sonntagmorgen exakt dasselbe Gewicht zu haben wie vorher.

Nur mit schlechter Verdauung.

Dienstag: Noch schnell Form aufbauen

Das Körpergewicht wäre damit theoretisch geklärt. Kommen wir zum zweiten kleinen Problem. Der Form. Sie ist grundsätzlich vorhanden. Irgendwo.

Ich habe sie nur zuletzt nicht gesehen. Deshalb werde ich am Dienstag noch einmal einen gezielten Trainingsreiz setzen. Vielleicht VO₂max. Ein paar Schwellenintervalle. Sweetspot wäre auch wichtig. Grundlage fehlt eigentlich ebenfalls noch ein bisschen.

Und wenn ich schon unterwegs bin, könnte ich noch eine längere Einheit machen, weil 227 Kilometer am Sonntag bekanntlich leichter werden, wenn man am Dienstag 180 Kilometer fährt.

Allerdings muss ich tapern. Das sagen alle Experten. Tapering bedeutet, den Trainingsumfang deutlich zu reduzieren, damit der Körper ausgeruht in den Wettkampf geht. Ich werde daher dazwischen 45 Minuten locker fahren. Mit drei kurzen Aktivierungen. Und vielleicht einem Segment. Nur um zu schauen, wie die Beine sind. Wenn die Beine gut sind, fahre ich das Segment voll. Wenn die Beine schlecht sind, fahre ich es ebenfalls voll, weil ich wissen muss, warum. Danach weiß ich zumindest, wie meine Beine fünf Tage vor dem Ötztaler sein werden.

Nämlich müde. Perfekt. Der Trainingsreiz sitzt. Jetzt nur noch erholen. Und gleichzeitig Form aufbauen.

Mittwoch: Nichts mehr am Fahrrad verändern

Eine der wichtigsten Regeln vor einem großen Rennen lautet: Never change a running system. Deshalb werde ich am Mittwoch nichts mehr an meinem Fahrrad verändern.

Außer vielleicht die Reifen. Die sind zwar völlig in Ordnung, aber ich habe gestern einen Test gelesen, laut dem ein anderer Reifen bei 40 km/h 1,7 Watt weniger Rollwiderstand hat. 1,7 Watt! Auf elf Stunden gerechnet ist das praktisch ein E-Bike. Außerdem könnte ich noch die Kette wachsen. Die Bremsbeläge kontrollieren. Die Schaltung nachjustieren.Die Kassette wechseln. Neue Cleats montieren. Den Sattel zwei Millimeter nach vorne schieben. Und vielleicht brauche ich doch einen anderen Reifendruck. 4,2 bar? 4,3? 4,1 vorne und 4,35 hinten?

Wie warm wird der Asphalt am Brenner? Welchen Einfluss haben 2.000 Höhenmeter auf den Innendruck? Und muss ich bei der Berechnung bereits jene vier Kilo berücksichtigen, die ich bis Sonntag abgenommen haben werde?

Fragen, die man sechs Tage vor dem wichtigsten Rennen des Jahres unbedingt beantworten sollte. Wer sechs Monate zu wenig trainiert hat, kann in der letzten Woche zumindest noch sehr präzise Luft einfüllen.

Mittwochabend: Noch schnell 38 Gramm sparen

Wenn das Fahrrad schon auf dem Montageständer steht, kann ich auch gleich das Gewicht optimieren. Etwas Lenkerband weg. Überflüssig. Noch Leichtere Schläuche. Vielleicht noch leichtere Flaschenhalter. 38 Gramm sollten drin sein. Das macht am Timmelsjoch einen Unterschied. 

Danach teste ich in meine Trikottaschen: Zwölf Gels, sechs Riegel, zwei Flaschen, Regenjacke, Weste, Armlinge, Beinlinge, lange Handschuhe, kurze Handschuhe, Überschuhe, Werkzeug, Ersatzschlauch, CO₂-Kartusche, Minipumpe, Handy und Powerbank sollte locker Platz finden.

Ich starte ja nicht zur Gaudi. 

Donnerstag: Jetzt wirklich tapern

Donnerstag wird nichts mehr gemacht. Gar nichts. Absolute Ruhe. Ich muss dem Körper vertrauen. Das Problem ist nur: Der untätige Körper fühlt sich komisch an. Er kommuniziert stelbständig mit dem Gehirn. Die zwei reden wirres Zeugs. Streiten. Bis einer nachgibt und ich doch noch auf den Rettenbachgletscher hinauffahre. Höhentapern klingt interessant.

Donnerstagabend: Carboloading

Jetzt kommt der wissenschaftliche Teil. Carboloading. Nachdem ich Montag, Dienstag und Mittwoch versucht habe, vier Kilo abzunehmen, muss ich nun möglichst schnell möglichst viele Kohlenhydrate in denselben Körper bekommen. Die Empfehlungen sind eindeutig. Irgendwas zwischen sehr viel und völlig absurd viel.

Ich rechne kurz nach und komme zu dem Ergebnis, dass ich bis Samstag ungefähr die Jahresproduktion einer mittelgroßen italienischen Nudelfabrik essen sollte.

Kein Problem. Nudeln. Reis. Brot. Haferflocken. Reiswaffeln. Saft. Noch mehr Nudeln.

Am Freitagmorgen stehe ich auf die Waage. Plus 2,3 Kilo. Panik. Google: „Carboloading Gewichtszunahme Wasser normal?“ Google sagt: normal. Ich glaube Google nicht.

Ich habe schließlich noch zwei Tage, um jetzt 6 Kilo abzunehmen.

Freitag: Wetter

Am Freitag beginnt die wichtigste Phase der Rennvorbereitung. Die Wetterbeobachtung. Ich schaue Wetter Sölden. Dann Kühtai. Innsbruck. Brenner. Sterzing. Jaufenpass. St. Leonhard. Timmelsjoch. Bergfex sagt Regen. Windy sagt trocken. Apple sagt Sonne. Yr sagt Gewitter. Eine andere App sagt Schnee auf 2.500 Metern.

Das ist unseriös. Also lösche ich sie. Zehn Minuten später installiere ich sie wieder, weil Bergfex inzwischen noch schlechter geworden ist. Das Ziel professioneller Wetteranalyse vor dem Ötztaler besteht nicht darin herauszufinden, wie das Wetter wird. Das Ziel besteht darin, so lange verschiedene Wettermodelle aufzurufen, bis eines davon das Wetter vorhersagt, das man gerne hätte.

Dieses Modell wird anschließend zum „zuverlässigsten“ erklärt. Bis zum nächsten Update.

Freitagmittag: Die Übersetzung

Jetzt fällt mir auf, dass ich möglicherweise die falsche Übersetzung fahre. Das ist interessant, weil ich mit dieser Übersetzung seit Monaten trainiere. Aber das Timmelsjoch ist am Renntag immer steiler als die restlichen Tage im Jahr. 

Ich recherchiere. Ein Forum sagt: 34/30 reicht locker. Ein anderer schreibt: Unter 34/34 würde er niemals starten. Ein Dritter fährt 36/28. Er wiegt allerdings 59 Kilo und hat 5,2 Watt pro Kilo. Arschloch. Ich bestelle vorsichtshalber eine neue Kassette. Express. Lieferung Samstag. Ins Hotel. Never change a running system.

Freitagnachmittag: Konkurrenzanalyse

Zeit für Strava. Nur kurz. Ich möchte lediglich sehen, was die anderen so gemacht haben. Herbert aus Rosenheim ist letzten Sonntag 210 Kilometer mit 4.000 Höhenmetern gefahren. Interessant. Thomas ist am Dienstag noch fünfmal einen Berg hochgefahren. Interessant. Markus schreibt „Easy Spin“ und hat dabei 287 Watt normalisiert. Sehr interessant.

Ich beginne zu rechnen. Wenn Herbert am Sonntag 210 Kilometer gefahren ist, müsste er eigentlich müde sein. Vielleicht war das aber sein letzter großer Trainingsreiz. Vielleicht ist er in Überform. Vielleicht fährt Herbert 9:20. Wer ist Herbert überhaupt? Keine Ahnung. Aber ich hasse ihn. Ich kontrolliere seine Aktivitäten der letzten sechs Wochen. Nur zur Beruhigung.

Freitagabend: Zielzeit berechnen

Meine bisherige Zielzeit war: ankommen. Das ist mir inzwischen zu unpräzise. Also Excel. Best Case: 9:29. Realistisch: 9:47. Mit guter Gruppe am Brenner: 9:38. Mit Gegenwind: 9:56. Wenn ich jetzt noch 6 Kilo abnehme: 9:21. Wenn ich die 1,7 Watt schnelleren Reifen montiere: vermutlich 9:19. Mit Aero-Socken möglicherweise 9:18. Wenn Herbert aus Rosenheim am Brenner vor mir fährt und ich mich in seinen Windschatten hänge: 9:14.

Das wird langsam realistisch. Am Sonntag werde ich diese Kalkulation ungefähr nach 180 Kilometern durch eine neue ersetzen.

Sie lautet: Bitte einfach nur Sölden.

Samstag: Ernährung perfektionieren

Die Verpflegung für Sonntag muss geplant werden. 100 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. Bei ungefähr zehn Stunden sind das 1.000 Gramm Kohlenhydrate. Bei elf Stunden 1.100. Falls es zwölf werden, möchte ich darüber jetzt nicht nachdenken. Ich lege Gels und Riegel auf den Tisch. Es sieht aus, als würde ich einen kleinen Tankstellenshop eröffnen.

Ich beschrifte alles. Stunde 1. Stunde 2. Kühtai. Brenner. Jaufen. Timmelsjoch. Notfallgel. Notfall-Notfallgel. Dann entdecke ich ein neues Supergel mit 60 Gramm Kohlenhydraten. Eigentlich soll man vor einem Wettkampf nichts Neues ausprobieren. Deshalb probiere ich es sicherheitshalber Samstagabend.

Das zählt nicht als Renntag. Wissenschaftlich sauber.

Samstagnachmittag: Packen

Die Wetterprognose hat sich geändert. Natürlich. Jetzt brauche ich möglicherweise: Regenjacke. Gabba. Weste. Armlinge. Beinlinge. Überschuhe. 
Dünne Handschuhe. Dicke Handschuhe. Buff. Vielleicht eine zweite Weste.

Die Herausforderung beim Ötztaler besteht darin, Bekleidung für Hitzschlag und Erfrierung gleichzeitig mitzunehmen und trotzdem über das Gewicht des Fahrrads zu diskutieren.

Ich lege alles aufs Bett. Meine Freunding fragt, ob ich ausziehe. Ich sage: „Ötztaler.“ Sie nickt. Nach 12 Jahren Beziehung stellt man keine weitren Fragen mehr.

Samstagabend: Entspannen

Jetzt ist alles erledigt. Ich muss nur noch entspannen. Handy weg. Keine Wetter-App. Kein Strava. Keine Foren. Keine Ötztaler-Berichte. Mental zur Ruhe kommen. 21:03 Uhr: Wetter. 21:17 Uhr: Strava. 21:31 Uhr: Wetter. 21:46 Uhr: WhatsApp-Gruppe. 22:04 Uhr: Wetter Timmelsjoch. 22:19 Uhr: „Ötztaler Radmarathon Timmelsjoch Schnee Erfahrungen“. 22:43 Uhr: Herbert aus Rosenheim hat nichts hochgeladen.´Verdächtig.

23:12 Uhr: Ruhepuls kontrollieren. 23:48 Uhr: Noch einmal Wetter. 00:23 Uhr: Überlegen, ob 4,3 bar wirklich richtig sind. 01:07 Uhr: Googeln, ob Schlafmangel vor Ausdauerwettkampf Leistung reduziert. 01:42 Uhr: Beschließen, jetzt wirklich zu schlafen. 01:43 Uhr: Harndrang. 02:11 Uhr: Timmelsjoch. Irgendwann schlafe ich ein. Vermutlich beim Carboloading.

Sonntag, 6:30 Uhr

Start. Und plötzlich ist alles egal. Das Gewicht. FTP. Der Reifendruck. Die Wetter-App. Die 1,7 Watt. Die Aero-Socken. Die Kassette. Die Kohlenhydrate. Herbert aus Rosenheim.

Vor mir liegen Kühtai, Brenner, Jaufen und Timmelsjoch. Hinter mir liegen sechs Tage perfekter Vorbereitung. Also: vier (und dann sechs) Kilo abnehmen. Form aufbauen. Gleichzeitig tapern. Kohlenhydrate vermeiden. Kohlenhydrate maximieren. Nichts am Fahrrad verändern. Das halbe Fahrrad verändern. Gewicht sparen. Drei Kilo Zeug einpacken. Keine Menschen treffen. Mit tausenden Menschen starten. Nichts Neues ausprobieren. Neue Reifen, neue Kassette und neue Gels ausprobieren. Nicht aufs Wetter schauen. Alle sieben Minuten aufs Wetter schauen. Nicht an die Zielzeit denken. Eine Excel-Tabelle für die Zielzeit bauen.

Entspannen. Panik.

Im Grunde exakt das, was man in der letzten Woche vor dem Ötztaler machen sollte. Denn eines muss man mir zugutehalten: Ich bin kein Anfänger mehr. Ich weiß inzwischen ganz genau, was ich tue. Zumindest sollte ich das.

Wer zum 21. Mal fährt und sechs Tage vorher noch vier Kilo abnehmen und seine Form aufbauen will, betreibt keine Rennvorbereitung mehr. Das ist längst schon Tradition.

Wir sehen uns. Allen ein gutes Gelingen.

Cristian Gemmato aka @ktrchts

 

Carnia 300 – 302 Kilometer rund um die Karnischen Alpen

Carnia 300

302 Kilometer. 3.800 Höhenmeter. Netto Fahrzeit unter 10 Stunden. Einmal rund um die Karnischen Alpen. Wer jetzt glaubt, Carnia 300 sei kein Rennen gewesen, liegt falsch. Offiziell.

Carnia 300 ist eine Ausfahrt ohne Startschuss, ohne Startnummer, ohne Zeitnehmung (dafür mit Zeitdruck) und ohne Podium (die Schnelslten Damen und Herren, wissen, dass sie schnell sind und brauchen deshalb keine Urkunde oder Medaille). Nur 28 Rennradverrückte– darunter vier Damen, einige bekannte Gesichter aus dem Spitzensport (OlympiateilnehmerInnen Skibergsteigen, Mountainbike …) und ein Begleitfahrzeug mit Christian am Steuer, besser bekannt als “Schweinsbraten” (sachdienliche Hinweise direkt bei Christian anfragen).

Mehr braucht es offenbar nicht, damit sich eine Ausfahrt verdächtig nach Rennatmosphäre anfühlt. Spoiler: Es war tatsächlich kein Rennen – es hat sich aber ganz genau so angefühlt. Frei nach dem Motto: „Jedes Training ist ein Rennen und jedes Rennen ist ein Training“.

Die Strecke der Carnia 300: 302 Kilometer rund um die Karnischen Alpen

Los ging’s bei ungewohnter Frische zuerst durchs Gailtal, hinein und hinauf ins Lesachtal bis oben auf den Kartitscher Sattel. Über Tassenbach nach Innichen, weiter nach Sexten, rauf auf den Kreuzbergpass, dann rasant hinunter nach Valgrande, Padola und Santo Stefano di Cadore, später wieder hinauf Richtung Sappada und Cima Sappada (hier entspringt der Piave!). Danach über Rigolato, Comeglians, Ovaro (Zoncolan würde ausgelassen, warum auch immer) und Tolmezzo nach Carnia, weiter über das Kanaltal Richtung Pontebba und Tarvis, um schließlich wieder durchs Gailtal zum Startpunkt zurückzukehren.

302 Kilometer. Rund 3.800 Höhenmeter. Klingt idyllisch. War es auch. Zumindest für die Augen. Weniger für die Beine.

Carnia 300 - die karnischen Heldinnen

Kein Rennen? Fühlt sich aber verdammt danach an

Für die Beine war es eher ein zehnstündiges Intervalltraining mit gelegentlichen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des eigenen Hobbys. Im Selbstgespräch – versteht sich von selbst. Hinten in der Gruppe gemütlich rollen? Vergiss es.

Kaum wurde irgendwo das Tempo minimal herausgenommen, flog vorne schon wieder jemand los. Einer testete die Beine. Der Nächste das Ego. Der Rest durfte entscheiden, ob er mitspielt oder sich später allein durch Italien navigiert. Sobald ich einmal die Beine etwas hängen ließ, wurde ich in Bruchteile einer Sekudne nach hinten durchgereiht. Einmal hinten angekommen, fing alles wieder von vorne An. Ein Intervall nach dem anderen, um dem Ziehharmonika-Effekt zu entkommen.

Irgendwo zwischen dem Mantra “Das ist kein Rennen.” und der Sinnfrage “Warum fahren wir hier gerade wieder knapp 50 km/h?” verschwamm die Realität ohnehin. Und genau deshalb gab es fünf Zwangspausen. Kartitscher Sattel. Sexten. Cima Sappada. Carnia. Tarvis.

Offiziell zum Sammeln und Essen. Inoffiziell vermutlich deshalb, damit aus dem Nicht-Rennen-Rennen nicht doch noch ein Rennen-Rennen wurde. Eine ausgezeichnete Idee übrigens.

Denn trotz dieser fünf Stopps stand am Ende ein Netto-Schnitt von über 30 km/h auf dem Radcomputer. Für 302 Kilometer. In den Bergen. Sagen wir so: Zone 2 hatte an diesem Tag frei. Nicht Zone 2:5 – Squadra Esperienza auf Klagenfurt. Die waren mittendrin, statt nur dabei. Meistens vorne weg. Ihnen und dem DSC Racing Team Lesachtal war es zu verdanken, dass am Ende der geplante 30er Schnitt Realität war. Nicht nur: Beide Teams sorgten bei Defekten dafür, dass niemand auf der Runde verloren ging und wundersam wieder den Anschluss ans Hauptfeld schaffte.

Teamwork macht die Carnia 300 erst besonders

Es gibt bei Ausfahrten MitfahrerInnen. Das sind jene, die mitfahren. Und es gibt Menschen, die dich regelmäßig daran erinnern, dass Aufgeben zwar theoretisch möglich wäre – sie diese Option aber nicht akzeptieren. Danke dafür. Zeitweise hatte ich schon meine Zweifel, ob ich dieses Tempo und diesen Rhythmus die ganzen 302 Kilometer mithalten hätte wollen. Meine Beine wollten es unbedingt schaffen, mein Kopf bremste. Bis er die Challange akzepiertz hatte. SpitzensportlerInnen sind mir in Sachen Mindset um Meilen voraus. Nach Carnia 300 weiß ich aber, dass ich meine Grenzen noch lange nicht ausgelotet habe.

Ein großes Dankeschön geht natürlich auch an Christian alias “Schweinsbraten”, der uns mit dem Begleitfahrzeug den Rücken freigehalten hat. Ohne ihn wäre die Carnia 300 nur halb so entspannt gewesen. Einige wären verhungert, andere verdurstet.

Autofahrer, Hupkonzerte und ein besonders unrühmlicher Auftritt

Nicht ganz so dankbar war ich manchen Autofahrern. Speziell auf der Auffahrt nach Sappada dürfte es einen Wettbewerb gegeben haben, wer die lauteste Hupe eingebaut hat. Das Hupkonzert war jedenfalls beeindruckend. Vermutlich hatten einige Angst, wir würden die Straße tatsächlich benutzen. Trotz Einser-Reihe (in Italien Pflicht) kam es aufgrund unterschiedlicher Kondition und Performance-Bereitschaft da und dort zu einer Ansamlung motivierter Rennradfahrerinnen innerhalb einer Fahrspur im Anstieg. Nur kurz. Zu lange für die hinten nachkommenden Autos. Geduld und Rücksicht sind wohl die letzen Jahre verloren gegagen und kaum wieder auffindbar. Schade.

Besonders in Erinnerung bleibt allerdings ein LKW-Fahrer der Firma Foppa in Innichen. Selten erlebt, dass jemand so viel Energie investiert, um RadfahrerInnen mitzuteilen, dass er RadfahrerInnen nicht besonders mag.

Schade eigentlich. Denn dieselbe Straße war für uns alle da.

Doppelter Platten: Wenn ein Schlagloch effizient arbeitet

Natürlich gab’s auch Rückschläge. Ein Schlagloch hat mir gleichzeitig Vorder- und Hinterreifen zerlegt. Pfffft. Vorne. Pfffft. Hinten. Zwei TPU-Schläuche auf einen Streich. Effizienz kann man diesem Schlagloch wirklich nicht absprechen. Wenigstens weiß ich jetzt, wie mein Geld aussieht, wenn es die Papierform verlässt und als Rosa-Kunststoff auf der Straße liegt. Ich verlasse die Runde mit dem Titel „Snake Bite Champion“.

Und bitte keine Diskussionen darüber Tubeless-Reifen wären besser oder Butylschläuche hätten das ausgehalten. Hätte, hätte …. Wir werden es nie erfahren. Niemals.

Mein Fazit zur Carnia 300

Perfektes Rennrad-Wetter. Geniale Idee. Makellose Organisation. Beeindruckende Landschaft. 28 Menschen, die sich freiwillig 302 Kilometer antun und am Ende trotzdem lachen können.

Oder vielleicht gerade deshalb. Würde ich es wieder machen? Wenn ich Zeit habe, ohne eine Sekunde nachzudenken. Weil Carnia 300 eben kein Rennen ist, sondern lediglich eine Ausfahrt mit extrem starken Renncharakter. Und genau das macht ihren Reiz aus. Das schöne an Carnia 300 liegt irgendwo zwischen sportlichem Wahnsinn, italienischem Espresso, endlosen Auf- und Abfahrten und 28 Menschen, die am Ende alle dasselbe Grinsen im Gesicht haben.

Wahrscheinlich werde ich nie mehr dafür Zeit haben (Achtung Ironie). Jammerschade. Auf jeden Fall bis nächstes Jahr. Dann hoffentlich mit weniger Hupen. Und weniger Straßenlöchern.

Wobei … eines von beiden wäre schon ein Anfang.

Cristian aka @ktrchts

PS: Danke Helmut und Gruppo Carnia für die Initative und die Einladung mitfahren zu dürfen.

Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens.

Eine Woche. Tausend Gründe, wiederzukommen. Sieben Tage Monte Grappa lassen sich nur schwer in Kilometer oder Höhenmeter fassen. Es sind die frühen Sonnenaufgänge, die endlosen Kehren, die Straßen durch die Prosecco Hills, der Passo San Boldo, der erste Espresso am Morgen und das wohlverdiente Gelato am Nachmittag. Es sind die kleinen Umwege, die später zu den besten Geschichten werden. Vor allem aber sind es die Menschen, mit denen man all das erlebt. Dieser Beitrag ist keine Tourenbeschreibung. Er ist eine Liebeserklärung an eine Region, die Rennradfahren mit italienischer Lebensfreude verbindet – und an einen Berg, der jedes Mal eine neue Geschichte erzählt Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens. Und mittlerweile mein Hausberg.

Der Berg ist nur die Ausrede.

Eigentlich fahren wir wegen des Monte Grappa nach Bassano. Das glauben zumindest alle, die noch nie dort waren. Denn auf der Landkarte ist es einfach: Da ist dieser berühmte Berg zwischen Brenta und Piave. Mythos. Monument. Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen. Wer ihn bezwingt, hat eine Geschichte zu erzählen. Seine und die eigene.

Wer allerdings schon einmal dort war, weiß: Der Monte Grappa ist nur die Eintrittskarte. Was wirklich bleibt, ist das Gesamtpaket. Das erste italienische „Buongiorno“ am Morgen. Der Espresso an der Bar. Die vertrauten Gassen von Bassano. Das Lachen vor der Ausfahrt. Die Gewissheit, dass hinter jeder Kehre wieder etwas wartet, das einen kurz innehalten lässt. Auch wenn es meinstens die nächste Kehre ist.

Irgendwann wird aus einem Reiseziel ein Lieblingsort. Und genau dann beginnt man, nicht mehr zu überlegen, ob man wiederkommt. Sondern wann.

Der Wecker darf heute unbeliebt sein.

03:00 Uhr. Normalerweise eine Uhrzeit, die höchstens Bäcker und Flughafen-Shuttles sympathisch finden. Am Monte Grappa beginnt um diesen Zeit jedoch ein besonderwe Tage. Noch im Halbschlaf wird die Kaffeemachine in Betrieb genommen. Ein paar Keckse müssen als Energielieferant herhalten. Und sobald der Helmverschluss zuklickt weiß man, es geht los. Leise wird das Rennrad zum Hotelausgang getragen. Auf Zehenspitzen. Man will doch nicht den Rest der Truppe wecken. Rest, der nur davon träumen kann, wie schön ein Sonnenaufgang am Monte Grappa ist. Vor dem Hotel stehen sie. die AbenteurerInnen. Einklicken, Licht und Garmin einschalten. Und ab geht’s. Auf den ersten Kilometern schneiden schmale Lichtkegel durch die Dunkelheit. Mehr hört man nicht. Kein Verkehr. Kein Lärm. Nur das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt und das Rascheln im Gebüsch.

Die ersten Kilometer fährt jeder ein wenig mit sich selbst. Bis sich langsam der Himmel verändert. Schwarz wird dunkelblau. Dunkelblau wird orange. Irgendwann taucht die Sonne die Belluneser Dolomiten in warmes Licht, während das Tal noch schläft.

Für solche Momente gibt es keine App. Keine Statistik. Keine Zahl. Man muss sie erleben. Und plötzlich wirkt das frühe Aufstehen wie die beste Entscheidung des Tages.

Jede Kurve erzählt eine andere Geschichte.

Am Monte Grappa gibt es keine Routine. Obwohl ich ihn mittlerweile unzählige Male gefahren bin. Oder vielleicht gerade deshalb. Mal beginnt der Tag im Dunkeln. Mal kämpft sich die Sonne schon früh durch die Baumwipfel. Mal fordert einen die Hitze heraus. Mal die eigenen Beine. Und manchmal steht man oben und fragt sich ernsthaft, ob eine zweite Auffahrt wirklich eine gute Idee ist.

Spoiler: Meistens ist sie es. Genau deshalb gibt es den Early Grappa. Genau deshalb gibt es den Doppio Grappa. Nicht, weil höher, schneller oder härter das Ziel wären. Sondern weil dieser Berg so viele Gesichter hat, dass eines einfach nicht reicht. Es sind die 10 Auffahrten und die 10 Abfahrten. Kein Berg ist so vielfältig und kein anderer Berg kann so viele nummerierten Kehren sein Repertoire nennen. Er ist der letzten seiner Zunft vor der unendlichen Ebene, die direkt in die Adria übergeht. Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens.

Straßen, die offensichtlich Rennrad fahren.

Zwischen Valdobbiadene und Vittorio Veneto gibt es offiziell keinen Fleck namens Prosecco Hills. Eigentlich ein Versäumnis. Denn genau so fühlt sich diese Landschaft an. Sanfte Hügel wechseln sich mit kurzen Anstiegen ab. Weinberge ziehen sich bis zum Horizont. Kleine Straßen schlängeln sich durch die Reben, als hätte ihr Planer selbst ein Rennrad in der Garage stehen.

Hier fährt man nicht auf direktem Weg. Warum auch? Jede zusätzliche Schleife lohnt sich. Mal wegen der Aussicht. Mal wegen eines kleinen Dorfplatzes. Und manchmal einfach, weil hinter der nächsten Kurve schon wieder ein neues Postkartenmotiv wartet. „Strada del Prosecco“ nennt sich dieses Paradies. Nicht die große. Jene die von Touristen befahren wird. Im SUV. Voll mit Proseccoflaschen. Nein. Die kleinere, zierlichere, atemberaubende, idyllischere. Ein Bilderbuch.

Tunnelblick? Ausnahmsweise erwünscht.

Der Passo San Boldo ist kein langer Pass. Und genau deshalb unterschätzen ihn viele. Bis sie davorstehen. 18 Kehren insgesamt. Fünf davon verschwinden in Tunneln mitten durch den Fels. Eine Straße, die eher aussieht wie eine geniale Idee als wie ein Bauprojekt. Dabei ist sie genau das.

In nur 100 Tagen gebaut. Von Kriegsgefangenen, Einheimischen und den Kaiserjägern. Nicht für den Tourismus. Nicht für Rennradfahrer. Sondern als Versorgungsstraße für einen Krieg, der – wie so viele – unendlich viel kostete und am Ende doch nur um ein Stück Erde geführt wurde, das groß genug für alle gewesen wäre.

Die Steigung? Erstaunlich moderat. Nicht aus Rücksicht auf Rennradfahrer. Sondern weil damals Maultiere Kanonen, Munition und Versorgungsgüter hinauftragen mussten. Und dann steht man plötzlich vor einer nahezu senkrechten Felswand. Instinktiv stellt man sich dieselbe Frage wie vermutlich jeder zum ersten Mal: Wie soll es denn hier bitte weitergehen? Die Antwort liegt im Berg.

Man fährt in den ersten Tunnel. Die Temperatur fällt schlagartig. Das Echo der Freiläufe begleitet jede Pedalumdrehung. Wenige Sekunden später öffnet sich der Blick wieder, bevor die nächste Tunnelkehre wartet. Es ist ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, Geschichte und Gegenwart, Staunen und Radfahren. Der Passo San Boldo dauert nicht lange. Aber er bleibt.

Vielleicht, weil er zeigt, dass manche Straßen weit mehr sind als eine Verbindung von A nach B. Sie erzählen Geschichten. Von Ingenieurskunst. Von menschlichem Leid. Und heute – glücklicherweise – von Menschen, die sie aus einem sehr viel schöneren Grund hinauffahren. Mit Gänsehaut.

Der Plan war anders.

Natürlich läuft nicht jede Tour nach Plan. Zum Glück. Denn perfekte Tage sind oft erstaunlich schnell vergessen. Nicht die gesperrte Straße, der Schotter, den niemand bestellt hat und das kurze Tragen der Rennräder über Felsen, die sonst nur jenen, die die Berge hochklettern, vorbehalten sind. Unvergesen bleibt auch das gemeinsame Lachen über den Satz: „Das Navi sagt, hier geht’s weiter.“ In genau diesen Momenten entstehen die Geschichten, die noch Monate später erzählt werden. „Nur noch 8 Kilometer“ oder „nur noch ein Hügel“ reihen sich nahtlos in die Reihe unrichtiger Wahrheiten ein.

Nicht die perfekten Kilometer bleiben. Sondern die kleinen Abenteuer dazwischen.

35 Grad. Im Schatten. Welcher Schatten?

Irgendwann wird aus warm einfach heiß. Der Asphalt flimmert. Die Trinkflaschen sind schneller leer als geplant. Brunnen werden zu kleinen Oasen. Und jeder Schatten, egal wie klein, bekommt plötzlich eine erstaunlich hohe emotionale Bedeutung.

Zum Glück gibt es Italien. Dort, wo andere über Regeneration sprechen, bestellt man eben ein Gelato. Oder eine Oransoda. Oder beides. Rein wissenschaftlich kann ich den leistungsfördernden Effekt nicht belegen. Aus eigener Erfahrung möchte ich ihn trotzdem nicht mehr missen.

Allein fährt man. Gemeinsam erlebt man.

Man könnte den Monte Grappa auch alleine fahren. Natürlich. Aber irgendetwas würde fehlen. Das gegenseitige Warten am Berg. Der kurze Blick, der sagt: „Alles gut?“ Das gemeinsame Schweigen kurz vor dem Sonnenaufgang.

Und das gemeinsame Lachen danach. Irgendwann spielt es keine Rolle mehr, wer an diesem Tag der Schnellste war. Viel wichtiger ist, dass am Abend alle dieselbe Geschichte erzählen. Nur jeder aus seiner eigenen Perspektive.

Bassano del Grappa. Mehr als eine Brücke.

Wer in Bassano del Grappa den Ponte degli Alpini nur fotografiert, macht nichts falsch. Wer nach einer langen Ausfahrt langsam über seine Holzbalken rollt, versteht ihn. Er ist Treffpunkt. Orientierung. Ritual. Hier beginnt das erste Herzklopfen des Tages. Hier endet die Ausfahrt. Oder sie beginnt schon wieder – zumindest in den Gesprächen. Bassano schafft etwas, das nur wenige Orte schaffen. Man reist an. Und fühlt sich erstaunlich schnell zuhause.

Was am Ende wirklich zählt.

Natürlich könnte ich jetzt Zahlen aufzählen. Kilometer. Höhenmeter. Achtmal die Cima Grappa. Viermal Early Grappa. Zweimal Doppio Grappa. Aber Hand aufs Herz. Wer erinnert sich ein halbes Jahr später noch an die Durchschnittsgeschwindigkeit? Ich erinnere mich an das erste Licht des Tages. An den Duft der Weinberge. An den Passo San Boldo. An Gelato Artigianale bei 38 Grad. An den Espresso auf der Piazza. An alle, die als MitfahrerInnen gekommen und als FreundInnen gefahren sind.

Genau darum geht es. Urlaub machen und Rennrad fahren. Nicht, weil es die meisten Höhenmeter bringt. Sondern weil manche Reisen mehr hinterlassen als nur Fotos am Handy.

Sie hinterlassen Geschichten. Und die nächste beginnt meistens schon auf der Heimfahrt.

Cristian

PS: im nächsten Jahr geht es wieder zum Monte Grappa. Vom 19. bis 26. Juni 2027. Jetzt schon Termin vormerken. Ein weiterer Termin in Mai kommt vielleicht dazu.

Eurobike 2026. Kleinere Messe. Große Innovationen.

Eurobike 2026 - die Zukunft des Rennrades

Die EUROBIKE 2026 war eine Messe im Umbruch. Weniger Aussteller, weniger Showfläche, dafür ein umso klarerer Blick auf die Techniktrends der nächsten Jahre. Rund 800 Unternehmen waren vertreten, darunter auffallend viele Anbieter aus China. Die Messe selbst steht vor einer Neuausrichtung: Ab 2027 soll sie stärker als reine Fachmesse funktionieren.

Trotzdem war Frankfurt 2026 technisch spannend. Die großen Themen: mehr Integration, mehr Software, mehr Leistung bei E-Bikes, breitere Reifen, neue Cockpit-Konzepte und ein deutlich sichtbarer Auftritt asiatischer Hersteller.

Ein besonderes Highlight abseits klassischer Fahrräder war Canyon Predict. Dahinter steckt ein vernetztes Sicherheitssystem, das den Fahrer in kritischen Situationen unterstützen soll. Gemeinsam mit dem speziell entwickelten Stingr Smart Helmet kommuniziert das System über Sensoren und Kameras miteinander. Erkennt das System eine potenziell gefährliche Situation – etwa ein sich schnell näherndes Fahrzeug oder ein erhöhtes Kollisionsrisiko –, wird der Fahrer über optische und akustische Signale gewarnt. Zusätzlich verfügt der Helm über integrierte Beleuchtung, Bremslicht und Blinker, die sich direkt vom Lenker aus steuern lassen. Damit zeigt Canyon, dass die Zukunft des Fahrrads nicht nur leichter und schneller, sondern auch deutlich intelligenter und sicherer wird. Gerade im urbanen Verkehr könnten solche Assistenzsysteme in den kommenden Jahren zu einem neuen Standard werden.

Rennrad: Aerodynamik wird neu gedacht

Im Rennradbereich ging es 2026 weniger um komplett neue Rahmenformen als um das, was wirklich Geschwindigkeit bringt: Fahrerposition, Cockpit, Reifen und Systemintegration.

Canyon zeigte am Aeroad CFR, wohin die Reise geht. Das Rad bekam ein neues Cockpit, das leichter, aerodynamischer und auf eine tiefere Fahrerposition ausgelegt ist. Interessant daran: Nicht der Rahmen ist die Revolution, sondern die Kontaktstelle zwischen Fahrer und Rad.

Auch Eddy Merckx griff den Trend zur optimierten Sitzposition auf. Der neue 525R nutzt neue Spielräume bei der Geometrie, um Aerodynamik und Langstreckenkomfort besser zusammenzubringen. Höherer Stack, steilere Sitzposition und eine offenere Hüfte zeigen: Aero bedeutet nicht mehr automatisch unbequem. (Cyclingnews)

Ein weiteres Detail: Rennräder werden breiter. 28 mm sind nicht mehr mutig, sondern fast konservativ. 30 bis 34 mm Reifenfreiheit werden im Performance-Segment zunehmend normal. Das bringt Komfort, Kontrolle und oft auch weniger Rollwiderstand.

Spannend war außerdem der Blick auf kleinere und handwerkliche Hersteller. TOOT zeigte mit dem Eris ein Titan-Rennrad mit 3D-gedruckten Titanbauteilen. Der Rahmen wird individuell auf den Fahrer abgestimmt und kostet rund 9.000 Euro.

Beim Zubehör fiel der Prologo Choice-Sattel auf: flach, aerodynamisch, mit abnehmbaren Carbon-Rails und Preisen um 490 Euro.

Gravel: Race statt Adventure

Gravel bleibt eines der spannendsten Segmente. Der Trend geht klar weg vom reinen Abenteuer- und Bikepacking-Rad hin zum schnellen Race-Gravelbike.

Canyon zeigte ein noch unveröffentlichtes All-Terrain-Racebike mit 2,1-Zoll-Reifen, Aero-Cockpit und Shimano-Mix aus Dura-Ace und GRX. (BikeX) Ridley präsentierte einen aggressiven Gravel-Prototyp mit Aero-Optik, breiter Reifenfreiheit und klarer Race-Ausrichtung.

Auch Raymon brachte mit dem Kenthii Ultimate ein modernes Carbon-Gravelbike: Aero-Look, integriertes Staufach, SRAM Force XPLR AXS, Carbon-Cockpit, Fulcrum-Carbonlaufräder und 50-mm-Reifen. Der Preis liegt bei 6.499 Euro.

Bei den Antrieben setzt sich 1×13 weiter durch. SRAM beschreibt Force XPLR AXS als vollständig kabellose 13-fach-Gravelgruppe mit Full-Mount-Schaltwerk. Das passt perfekt zum Race-Gravel-Trend: weniger Komplexität, viel Bandbreite, robuste Schaltwerke.

Ein echter Hingucker waren 32-Zoll-Laufräder. Noch ist das kein neuer Standard, aber mehrere Konzepte zeigen: Die Branche sucht nach mehr Laufruhe, besserem Überrollverhalten und höherer Geschwindigkeit auf Schotter.

E-Bikes: Der Antrieb steht im Mittelpunkt

Die größten Neuheiten gab es bei E-Bike-Antrieben. Hier entsteht gerade ein neuer Wettkampf: Bosch, Avinox, Gobao, Panasonic, Mahle und weitere Anbieter versuchen, Motor, Getriebe, Akku und Software enger zu verzahnen.

Bosch überraschte mit der Hub Line, dem ersten Nabenmotor der Marke. Gleichzeitig wurde die Active Line Plus überarbeitet: kompakter, rund 500 Gramm leichter, mit 60 Nm Drehmoment, 600 Watt Spitzenleistung und bis zu 340 Prozent Unterstützung. Dazu kommen neue Akkus, das Intuvia 200 Display, ein kleinerer LED Controller und ein neues ConnectModule.

Avinox zeigte mit dem MG Concept einen Motor mit integriertem Getriebe. Das System soll unter Last und im Stand schalten können, mit Schaltzeiten unter 0,1 Sekunden. Entwickelt wurde das Konzept unter anderem mit Canyon, Commencal, Forbidden und Mondraker.

Noch offensiver tritt Gobao auf. Der chinesische Hersteller präsentierte das X-System beziehungsweise den X1P: Motor und stufenloses e-CVT-Getriebe in einer Einheit, bis zu 150 Nm Drehmoment und 1.500 Watt Spitzenleistung laut Hersteller. Das zeigt deutlich: Asiatische Anbieter sind nicht mehr nur Zulieferer, sondern greifen technologisch direkt an.

Auch Hepha fiel auf. Das Urban-X-Concept setzt auf einen Gobao-iCVT-basierten Antrieb, eine Rücktritt-ähnliche Verzögerung über den Motor und einen 504-Wh-Akku, der laut Hersteller in 17 Minuten auf 80 Prozent geladen werden soll. Die Markteinführung ist für 2028 geplant.

Ein weiteres spannendes Zubehör-/Nachrüstthema ist Skarper. Die Drive Unit soll normale Fahrräder per angeclipptem System zum E-Bike machen: 250 Watt Zusatzleistung, 240 Wh Akku, bis zu 50 km Reichweite und etwa 5 kg Systemgewicht.

Die fünf wichtigsten Trends für die nächsten Jahre

Erstens: Asiatische Hersteller werden wichtiger. Marken und Zulieferer aus China und Taiwan treten selbstbewusster auf. Gusto zeigte ein neues Gravelbike, Gobao greift bei Motor-Getriebe-Einheiten an, Akeeyo will mit günstigen Actioncams gegen DJI und GoPro antreten.

Zweitens: E-Bike-Antriebe werden zu Plattformen. Motor, Akku, Display, App, Diebstahlschutz, Navigation und Cloud-Dienste wachsen zusammen.

Drittens: Das Schaltwerk bekommt Konkurrenz. Avinox und Gobao zeigen, dass integrierte Motor-Getriebe-Systeme das E-Bike langfristig wartungsärmer und sauberer machen könnten.

Viertens: Gravel wird schneller. Aero-Rahmen, 1×13, breite Reifen, Carbonlaufräder und integrierte Staufächer machen aus dem Abenteuerbike immer häufiger ein Rennrad für schlechte Wege.

Fünftens: Zubehör wird smarter. Canyon zeigte mit Predict ein intelligentes Sicherheitssystem fürs Rennrad und mit Stingr Smart einen passenden Helm. Der Eurobike Award ging unter anderem an Mr. Spoke AI, eine KI-Plattform für Komponenten, Ersatzteile und Werkstattprozesse. (Eurobike)

Fazit: Evolution statt Revolution – aber mit großer Wirkung

Die EUROBIKE 2026 war keine Messe der lauten Sensationen. Sie war eine Messe der konsequenten Weiterentwicklung.

Beim Rennrad entscheidet immer stärker die Systemperformance: Cockpit, Position, Reifen und Integration. Beim Gravelbike verschiebt sich der Markt Richtung Race. Und beim E-Bike beginnt der vielleicht spannendste Technologiesprung seit Jahren: Motoren werden intelligenter, stärker und verschmelzen mit Getrieben und Software.

Besonders auffällig ist der Aufstieg asiatischer Hersteller. China und Taiwan liefern nicht mehr nur günstige Rahmen oder Komponenten, sondern bringen eigene Motorplattformen, Kameras, Gravelbikes und Performance-Konzepte auf die Messe.

Wer wissen will, wohin sich die Fahrradbranche bewegt, muss 2026 weniger auf einzelne Traumräder schauen – und mehr auf die Systeme dahinter. Genau dort entsteht gerade die Zukunft des Radfahrens.

 

Emilia Romagna: Der Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen

Emilia Romagna: Der Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen

Manche Straßen fahren sich leicht. Andere brennen sich ins Gedächtnis. Nicht, weil sie besonders lang wären. Sondern weil sie alles verlangen. Eine pechschwarze, frisch asphaltierte Straße, die die Hitze zurückwarf wie ein Pizzaofen. Kein Baum. Kein Schatten. Kein Lüftchen. Und zum Schluss eine Rampe aus Kopfsteinpflaster, auf der mein Vorderrad kurz überlegte, lieber Richtung Himmel zu steigen als Richtung Ziel zu rollen. Willkommen in Verrucchio. Eigentlich war ich wegen eines Rennens hier. In Wahrheit aber wegen einer Region, die mich seit Jahren immer wieder zurückholt. Emilia Romagna: Der Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen.

Ein Bergzeitfahren? Eigentlich gar nicht meine Disziplin

Ich mache kein Geheimnis daraus: Bergfahrer war ich noch nie. Flache Straßen, sanfte Wellen, lange Küstenabschnitte – dort fühle ich mich zu Hause. Wenn das Höhenprofil allerdings aussieht wie der Puls eines Espressojunkies, beginnt meine Komfortzone langsam zu verschwinden.

Das Bergzeitfahren nach Verrucchio war mit seinen knapp 2,4 Kilometern und rund 270 Höhenmetern genau so ein Fall. Kurz. Steil. Brutal ehrlich. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb, liebe ich solche Momente.

Denn manchmal geht es gar nicht um Watt, Platzierungen oder Zeiten. Es geht darum, sich wieder eine Startnummer ans Rad zu hängen. Dieses leichte Kribbeln vor dem Start zu spüren. Den kleinen Wettkampfdruck zu genießen, der plötzlich dafür sorgt, dass man noch einmal tiefer in den Lenker greift und sich fragt, ob da nicht doch noch ein paar Reserven im Körper versteckt sind.

Ja, ich habe gelitten. Aber ich habe jede Minute genossen.

Rennrad fahren in der Emilia Romagna
EMCC TeilnehmerInnen in Monteleone

Wenn 35 Grad plötzlich ganz schön heiß werden

35 Grad im Schatten. Das Problem war nur: Schatten gab es praktisch keinen. Die Straße nach Verrucchio war frisch asphaltiert. Tiefschwarz. Die Hitze stieg nicht nur von oben herab, sondern kam auch von unten zurück. Jeder Tritt in die Pedale fühlte sich an, als würde man gegen einen unsichtbaren Föhn ankämpfen. Und dann kam dieses letzten Stück. Kopfsteinplaster. Steil genug, dass mein Vorderrad kurz den Kontakt zur Realität verlor und lieber nach oben steigen wollte als nach vorne zu rollen.

Es gibt Zieleinfahrten, die vergisst man nicht. Diese gehört definitiv dazu.

Der eigentliche Gewinn begann nach der Ziellinie

Eingeladen wurde ich von ATP Servizi Emilia-Romagna. Gemeinsam mit Visit Romagna organisierten sie den alljährlichen European Media Cycling Contest (EMCCI) im Rahmen des Velo-City World Summit. Rund 30 JournalistInnen, BloggerInnen, InfluencerInnen und Tour-Operatoren aus verschiedenen Ländern Europas kamen dabei zusammen.

Natürlich wurde über Fahrräder gesprochen. Über Tourismus. Über nachhaltige Mobilität. Und über neue Ideen.

Aber genauso über Espresso, Lieblingsanstiege, die beste Piadina und darüber, warum Italiener scheinbar mühelos jeden Berg hochfahren. Genau diese Mischung macht solche Veranstaltungen besonders. Man lernt Menschen kennen, die das Fahrrad nicht nur als Sportgerät sehen, sondern als Teil einer Lebenskultur.

Rimini wurde für ein paar Tage zur Welthauptstadt des Fahrrads

Wer in diesen Tagen durch Rimini spazierte, merkte schnell: Hier drehte sich alles ums Fahrrad. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern trafen sich, diskutierten über die Zukunft nachhaltiger Mobilität, tauschten Erfahrungen aus und zeigten, wie Radverkehr Städte lebenswerter machen kann.

Die Velo-Parade durch die Innenstadt war dafür ein wunderbares Symbol. Hunderte Fahrräder. Ohne Verkehr. Unzählige Nationen. Eine gemeinsame Sprache. Das Fahrrad verbindet. Nicht nur Sportler. Sondern Menschen.

Und genau deshalb passte das Bergzeitfahren nach Verrucchio perfekt in dieses Gesamtbild. Es zeigte, dass Radfahren in der Emilia-Romagna viele Gesichter hat: Alltag, Tourismus, Sport und Lebensfreude schließen sich hier nicht aus – sie ergänzen einander.

Gastfreundschaft kann man nicht ins Programm schreiben

Was mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt, sind die Menschen. Nicholas. Andrea. Robert. Und das gesamte Organisationsteam. Natürlich war alles hervorrahgend vorbereitet. Aber das ist gar nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie herzlich man aufgenommen wird. Mit welcher Selbstverständlichkeit man Gästen die eigene Heimat zeigt. Nicht geschniegelt für Hochglanzprospekte. Sondern ehrlich. Mit Stolz. Mit Leidenschadft. Mit Geschichten über Kultur, Architektur und Kulinarik. Kleine Orte und große Traditionen.

Die Emilia Romanga muss man sich nicht vorstellen. Sie überzeugt ganz von selbst.

Das Schlaraffenland für Rennradfahrer

Ich werde häufig gefragt, warum ich Jahr für Jahr wieder hierherkomme. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Weil die Emilia-Romagna für mich das Schlaraffenland Europas ist. Wo sonst findet man auf so engem Raum alles, was das Rennradherz höherschlagen lässt? Eine geniale Küstenstraßen entlang der Adria. Sanfte Hügel mit endlosen Kurven. Anspruchsvolle Anstiege im Hinterland. Verkehrsarme Nebenstraßen. Historische Dörfer, die aussehen, als wäre dort die Zeit stehen geblieben.

Und dazu eine Kulinarik, die jeden zusätzlichen Höhenmeter rechtfertigt. Piadina gehört hier genauso dazu wie Parmigiano Reggiano, Prosciutto di Parma oder ein Glas Sangiovese beim Abendessen. Man fährt hier nicht einfach Rad. Man erlebt eine Region. Mit allen Sinnen.

Genau deshalb kehre ich immer wieder zurück

In den vergangenen Jahren durfte ich unzählige Kilometer durch die Emilia-Romagna fahren. Ich kenne die berühmten Straßen. Vor allem aber kenne ich die kleinen. Diejenigen, die in keinem Reiseführer stehen. Die Bar, in der der Espresso noch 1,10 Euro kostet. Den Dorfplatz, auf dem nachmittags die alten Herren Karten spielen. Die kleine Bäckerei, in der man nach einer Ausfahrt den stärksten Zuckerschock bekommt. Oder den Aussichtspunkt, an dem plötzlich das Meer auftaucht.

Es sind genau diese Momente, die einen Rennradurlaub unvergesslich machen. Nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit. Nicht die Wattwerte. Nicht einmal die Höhenmeter. Sondern die Geschichten, die man später erzählt.

Emilia Romagna - Urlaub machen und Rennrad fahren
Foto by @parissophiawood17

Urlaub machen. Rennrad fahren. Ankommen.

Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich anderen genau diese Region zeigen darf. Urlaub machen und Rennrad fahren. Gemeinsam mit FunAcitve TOURS begleitet ich seit vielen Jahren Rennrad- und Gravelbike-Reisen in die Emilia-Romagna. Nicht als klassische Gruppenreise. Sondern als Einladung, diese Region so kennenzulernen, wie ich sie selbst lieben gelernt habe.

Mit traumhaften Straßen, mit regionaler Küche. mit kulturellen Schätzen, mit jeder Menge italienischer Lebensfreude. Und mit dem beruhigenden Gefühl, dass jemand dabei ist, der nicht nur die Sprache spricht, sondern auch jede Menge versteckte Lieblingsplätze kennt.

Das Bergzeitfahren nach Verrucchio war nach wenigen Minuten vorbei. Die Erinnerung daran bleibt. Noch viel stärker aber bleibt dieses Gefühl, das mich jedes Mal begleitet, wenn ich die Emilia-Romagna verlasse. Dass ich gar nicht wirklich abreise. Sondern mich schon auf das nächste Wiedersehen freue.

Denn manche Regionen besucht man. In die Emilia Romagna kehrt man zurück.

Cristian

PS: Resturlaub in Cesenatico: 17. bis 24. und 24. bis 31. Oktober 2026. Jetzt buchen.

Specialized Allez Sprint Custom – Testbericht

Specialized Allez Sprint

600 Kilometer. Über 16.000 Höhenmeter. Sieben Tage. Genug Zeit, um die ersten Schmetterlinge aus der Kennenlernphase zu vertreiben und herauszufinden, ob ich mich mit dem Specialized Allez Sprint nur auf einen Sommerflirt eingelassen habe oder ob ich bereits die große Liebe fahre.

Der Holzfäller entdeckt den Presslufthammer

Die Dolomiten. UNESCO-Weltkulturerbe. Gibt es einen idealeren Ort, ein neues Rennrad mit null Kilometern zu testen? Wohl kaum. Danke an Mountainbiker am See für die „fünf-nach-zwölf Aufbauaktion“. Ich hätte nicht mehr damit gerechnet. Ein Projekt, welches ich seit Jahren im Kopf habe, war fast vollendet. Ich war bereit für Neues. Mit dem nötigen Feintuning. Und Feingefühl. 

Das Wesentliche vorweg: Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlte sich der Wechsel aufs Specialized Allez Sprint zunächst an, als würde ich vom handgefertigten Jagdgewehr direkt auf einen modernen Karabiner umsteigen. Das Holz hatte Charme, Seele und eine ganz eigene Art, Geschwindigkeit zu erzeugen. Das Allez Sprint hingegen kennt nur eine Richtung: vorwärts. Und zwar sofort.

Testbericht Specialized Allez Sprint

Fluchtinstinkt auf zwei Rädern

Manche Räder wollen überredet werden. Das Allez Sprint nicht. Sobald Druck aufs Pedal kommt, reagiert es wie ein Windhund, der die Leine losgelassen bekommt. Jede Beschleunigung fühlt sich an, als hätte jemand heimlich ein Gummiband gespannt und plötzlich losgelassen. Das Rad besitzt eine beinahe unverschämte Spritzigkeit, die immer wieder dazu verleitet, noch einmal aus dem Sattel zu gehen. Nicht, weil man muss. Sondern weil man wissen möchte, ob es wirklich noch einmal so explosiv anschiebt.

Tut es.

Das Allez Sprint fühlt sich an wie der Wechsel vom handgefertigten Florett zum Samurai-Schwert. Beide sind schnell. Aber nur eines hat permanent das Bedürfnis, irgendetwas anzugreifen.

Bergauf: Wo die PRs wohnen

Die größte Überraschung spielte sich dort ab, wo normalerweise die Ausreden beginnen: am Berg. Trotz eines gewissen Optimierungspotenzials beim Systemgewicht – also Rad plus Fahrer – purzelten die persönlichen Bestzeiten erstaunlich regelmäßig. Die Wattwerte waren dieselben. Die Beine ebenfalls. Nur die Ausreden wurden plötzlich knapp.

Das Allez Sprint klettert nicht wie ein federleichtes Bergwunder, sondern eher wie ein durchtrainierter Rugbyspieler: etwas mehr Masse, aber mit einer Brutalität im Vortrieb, die jede Rampe zusammenschrumpfen lässt. Gerade an steileren Anstiegen entsteht der Eindruck, dass kein Watt verloren geht. Das Rad nimmt jede Kraft an, verarbeitet sie ohne Diskussion und verwandelt sie unmittelbar in Vortrieb. Bürokratie gibt es hier nicht.

Wer jahrelang auf Holzrahmen unterwegs war wie ich, kennt das Gefühl, wenn ein Rad einen gewissen Eigencharakter mitbringt. Das Allez Sprint dagegen wirkt wie ein leistungsorientierter Personal-Trainer. Es diskutiert nicht. Es liefert.

Specialized Allez Sprint im Test

Weniger Reach, mehr Angriffslust

Mit 1,9 Zentimetern weniger Reach als beim Vorgänger hat sich auch die Sitzposition deutlich verändert. Auf dem Papier klingt das unspektakulär. Auf der Straße fühlt es sich an, als wäre ich vom gemütlichen Ledersessel auf den Schleudersitz eines Kampfjets gewechselt.

Meine Position ist kompakter, direkter und aktiver. Das Vorderrad ist deutlich näher bei mir, wodurch jede Lenkbewegung unmittelbarer umgesetzt wird. Das Ergebnis: ich habe ein Rennrad, das ständig bereit wirkt, die nächste Kurve, den nächsten Anstieg oder die nächste Attacke anzunehmen.

Ich sitze darauf und spüre förmlich, wie das Rad sagt: „Wir könnten hier einfach weiterrollen. Aber wir könnten auch angreifen.“

Kurvenräuber mit leichtem Hang zur Nervosität

Besonders beeindruckend ist die Wendigkeit. Wo der alte Rennesel eher ein ICE war, der majestätisch auf seinen Schienen durch die Landschaft gleitet, erinnert das Allez Sprint eher an einen Rallye-Wagen auf einer Alpenprüfung. Ein kurzer Impuls genügt und die Linie wird geändert. Dabei bleibt das Rad erstaunlich spurtreu. Es vermittelt jederzeit Sicherheit und Vertrauen, verlangt aber etwas mehr Aufmerksamkeit als der Vorgänger.

Der direkte Vergleich zum Rennesel zeigt die Unterschiede deutlich: Durch das höhere Gewicht im Bereich des Steuerrohrs lag dieser satter auf der Straße und wirkte in schnellen Kurven noch etwas präziser und stoischer. Während der Rennesel jede Kurve mit der Gelassenheit eines Langstreckenpiloten anflog, nähert sich das Allez Sprint derselben Kurve eher wie ein Kampfpilot im Tiefflug.

Nicht nervös. Aber jederzeit hellwach.

Komfort? Mehr als befürchtet. Viel mehr als erwartet.

Aluminium wird gerne mit Begriffen wie „hart“, „ruppig“ oder „Bandscheibentest“ in Verbindung gebracht. Das Allez Sprint interessiert das herzlich wenig.

Natürlich fährt es sich nicht wie ein Sofa auf Luftfederung. Aber der Custom-Aufbau, die tiefen Carbon-Laufräder und die moderne Reifenbreite sorgen dafür, dass auch lange Tage mit mehreren tausend Höhenmetern nicht zur Leidensprüfung werden. Nach sieben Tagen Dauereinsatz war jedenfalls nicht der Rahmen der limitierende Faktor.

Leider.

Das gefährlichste Detail? Die Motivation.

Die größte Stärke des Allez Sprint lässt sich weder wiegen noch messen. Es ist die Art, wie das Rad seinen Fahrer manipuliert.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche nur ein paar entspannte Grundlagenkilometer sammeln. Das war zumindest der Plan. Doch das Allez Sprint verfolgt eine andere Agenda. Jeder Ortsausgang wird zur Einladung. Jeder Anstieg zur Herausforderung. Jede freie Straße zur Versuchung.

Man sitzt darauf und denkt: “Ach komm, die nächste Kuppe noch.” Zehn Kilometer später fährt man einen persönlichen Rekord.

Das ist vielleicht die größte Qualität dieses Rades. Es vermittelt nicht nur Geschwindigkeit. Es erzeugt Lust auf Geschwindigkeit. Und es macht aus Trainingsfahrten kleine Rennen gegen sich selbst und verwandelt bekannte Strecken plötzlich wieder in Abenteuer.

Specialized Allze Sprint RH 56

Fazit

Das Specialized Allez Sprint ist kein Rad für Menschen, die entspannt durch die Gegend rollen und dabei das Panorama studieren möchten.

Es ist ein Rad für Fahrer, die bei jeder Ortstafel kurz überlegen, ob sie sprinten sollten. Für Fahrer, die „locker rollen“ sagen und zehn Minuten später einen KOM angreifen. Für Fahrer, die eigentlich regenerieren wollten.

Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlt sich der Wechsel an, als hätte jemand die Handbremse gelöst. Das Allez Sprint ist aggressiv, spritzig, unglaublich motivierend und besitzt eine nahezu unbändige Flucht nach vorne. Es verbindet direkte Kraftübertragung mit erstaunlichem Komfort, hohe Wendigkeit mit genügend Spurtreue und eine Geometrie, die jederzeit nach Angriff statt nach Kompromiss verlangt.

Nach 600 Kilometern und 16.000 Höhenmetern bleibt vor allem eine Erkenntnis: Das Allez Sprint ist vielleicht nicht das leichteste Rad in meinem Fuhrpark. Aber definitiv dasjenige, das sich am leichtesten schnell fahren lässt. 

 

Custom Aufbau

Rahmen: Specialized Allez Sprint RH 56
Rahmenfarbe: Satin Sea Foam/Gloss Dune White
Rahmenmaterial: Aluminum Disc frame with D’Aluisio Smartweld Sprint Technology
Komponenten: Shimano Ultegra Di2 12fach mit Shimano Dura Ace Powermeter
Laufräder: Pancho Rush 50
Sattel: Pro Stealth Carbon
Reifen: Vittoria N.ext 26 mm
Schlauch: TPU
Gewicht: fahrbereit ca 8 kg
Pedale: KEO Blad Carbon

Rennradguide Ausbildung: Vier neue zertifizierte Rennradguides in Bad Gleichenberg

Rennradguide Ausbildung

Manchmal gibt es Tage, an denen sich viele Stunden Vorbereitung, Training und Engagement in einem einzigen Moment bündeln. Für mich als Ausbildungsleiter der Rennradguide Ausbildung von Bikeguide Austria war der 28. Februar 2026 genau so ein Tag.

Bei frühlingshaften 14 Grad und strahlendem Sonnenschein trafen wir uns im Gasthof Scheer in Bad Gleichenberg, um die Abschlussprüfung unserer aktuellen Rennradguide-Ausbildung durchzuführen. Vier Teilnehmer:innen – zwei Frauen und zwei Männer – stellten sich an diesem Tag der Herausforderung. Am Ende durfte ich ihnen zur erfolgreichen Prüfung gratulieren und sie offiziell in die Community der zertifizierten Bikeguide Austria Rennradguides aufnehmen.

 

Die Rennradguide Ausbildung: Mehr als nur Radfahren

Viele denken beim Begriff Rennradguide zuerst an jemanden, der eine Gruppe über schöne Straßen führt. In Wirklichkeit steckt deutlich mehr dahinter.

Genau deshalb ist mir in der Ausbildung eines besonders wichtig: Ein guter Rennradguide muss nicht nur sportlich sein, sondern auch Verantwortung übernehmen können.

Bevor unsere Teilnehmer:innen überhaupt zur Abschlussprüfung antreten, absolvieren sie:

  • fünf intensive Ausbildungstage
  • mindestens 20 Stunden Praxis
  • zahlreiche Übungen in Tourplanung, Gruppenführung und Sicherheit

Denn wer eine Gruppe auf dem Rennrad führt, trägt Verantwortung – für Sicherheit, für Organisation und auch für das Erlebnis der Teilnehmer. 

Die Abschlussprüfung: Theorie trifft Praxis

Die Abschlussprüfung ist bewusst praxisnah aufgebaut. Als Prüfer möchte sehen, wie die angehenden Guides in realen Situationen handeln.

Während der Prüfung müssen sie ihr Können in mehreren Bereichen zeigen:

  • sichere und dynamische Gruppenführung
  • Tourplanung und Navigation
  • Fahrtechnik und methodische Vermittlung
  • Bikecheck und Pannenhilfe
  • rechtliche Grundlagen
  • Notfallmanagement und Erste Hilfe
  • Wetterkunde und Trainingslehre

Das Ziel ist klar: Am Ende der Ausbildung sollen die Guides nicht nur eine Gruppe begleiten können, sondern ein echtes Gesamterlebnis für Rennradfahrer:innen schaffen.

Rennradguides als Botschafter des Radsports

In den letzten Jahren hat sich Rennradfahren stark entwickelt – auch im Tourismus.

Österreich bietet dafür perfekte Voraussetzungen: von sanften Hügellandschaften bis hin zu alpinen Passstraßen. Gleichzeitig wächst das Interesse an geführten Rennradtouren.

Hier kommen professionell ausgebildete Rennradguides ins Spiel. Sie sorgen nicht nur für Sicherheit auf der Straße, sondern vermitteln auch Wissen über Technik, Training und Region.

Ein guter Guide ist deshalb immer auch:

  • Motivator:in
  • Organisator:in
  • Sicherheitsexpert:in
  • technische:r Ansprechpartner:in
  • Wetterfrosch
  • Botschafter:in des Rennradsports und der Region in der er und sie sich herumtreibt
Rennradguide Ausbildung - Nebeneinander fahren

Vier neue zertifizierte Rennradguides

Am Ende des Prüfungstages durfte ich vier engagierten Absolvent:innen zur bestandenen Prüfung gratulieren.

Sie dürfen sich ab sofort offiziell „Zertifizierte Bikeguide Austria Rennradguides“ nennen – ein Titel, der für Qualität, Sicherheit und Leidenschaft im Rennradsport steht. 

Für mich persönlich sind diese Momente immer etwas Besonderes. Hinter jeder bestandenen Prüfung stehen viele Stunden Vorbereitung, Training und persönliches Engagement.

Herzliche Gratulation an die neuen Rennradguides!

Cristian 
aka @ktrchts

Nächste Rennradguide Ausbildung

Die nächste Ausbildung zum Bikeguide Austria Rennradguide findet vom 28. April bis 2. Mai 2026 in Wieselburg statt.

Wer Rennradfahren nicht nur als Hobby sieht, sondern seine Leidenschaft weitergeben möchte, findet hier eine fundierte Ausbildung mit Praxisbezug und professionellen Standards.

 

Der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short

Der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short

Einmal im Jahr gibt es ihn. Diesen einen Tag. Unmittelbar nach dem Winter. Das Thermometer zeigt 12 Grad Außentemperatur. Die Sonne steht plötzlich höher. Der Asphalt riecht nicht mehr nach Streusalz, sondern nach Heldentum. Das Quecksilber steigt nach oben. Die Apps lügen sich zu Superlativen. Als wäre der Sommer von einem Tag auf den anderen eingezogen. Stattdessen ist es eine einfache Temperaturerwärmung. Kein Minus. Ein leichtes Plus. Eines, das noch keinen Frühling macht. In Worten gemessen: zwölf. Nicht 18. Nicht 22. Zwölf. Es ist der Tag, an dem der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short geboren wird.

Der Mythos vom harten Hund

Wir kennen sie alle. Die Kurz/Kurz-Fahrer bei 12 Grad. Oder weniger. Sie rollen mit nackten Knien durch die noch kalte Luft, die Adern leicht violett, aber der Blick sagt: „Ich spüre nichts.“ Was sie wirklich spüren, ist der Triumph über den Winter.

Es muss sich für sie großartig anfühlen. Die Sonne auf der Haut. Kein Stoff zwischen ihnen und der neuen Saison. Sie saugen die Blicke der immer noch dick eingepackten auf, als wären es Medaillen und Pokale. Der erste Cappuccino wird natürlich auch gleich draußen genossen. Es ist die erste Runde ohne Winterschuhe, ohne Handschuhe und auch gleich mit kurzer Bib Short. Sinnlos und gleichzeitig Sinnbild einer Community, die das Strahlen nach außen stets bedachter managt als alles andere rundherum.

Doch aufgepasst. Heldentum beginnt im Kopf – und kann schnell im Wartezimmer enden.

12 Grad sind keine 20

Physiologisch ist die Sache ziemlich unspektakulär: Bei 12 Grad Außentemperatur erwärmt sich die Muskulatur nicht nur langsamer auf (wenn überhaupt), sie kühlt auch bedeutend schneller ab. Besonders dann, wenn Fahrtwind ins Spiel kommt. Bei 28 km/h fühlt sich das eher nach 6–8 Grad an. Und wirkt auch entsprechend.

Und kalte Muskulatur bedeutet:

  • geringere Elastizität
  • verzögerte Kraftentfaltung
  • höhere Verletzungsanfälligkeit
  • mehr Mikrotraumata

Unsere Sehnen lieben Wärme. Die Gelenke auch. Und die der Kälte ausgesetzten Knie haben einige davon. Sehnen, Gelenke und Muskeln rundherum. Wer nach Monaten im Rollentrainer-Modus mit nackten Beinen in die Frühlingsluft sticht, fordert den Körper gleich doppelt heraus: physischer und thermischer Stress. Das Ergebnis? Zerrung statt Zielsprint. Und schnell kann so mancher Traum zum Rheuma werden. Ich spreche aus der Erfahrung eines Freundes.

Die unsichtbaren Risiken unnötiger Heldentaten

Es geht nicht nur um Muskeln. Kniegelenke reagieren empfindlich auf dauerhafte Unterkühlung. Entzündliche Reaktionen werden begünstigt. Atemwege danken dir kalte Luft bei hoher Ventilation ebenfalls nicht sofort. Und wer nach der Tour verschwitzt noch 20 Minuten im Café sitzt, trainiert nicht nur die Saison – sondern möglicherweise eine Erkältung.

Natürlich stirbt niemand an 12 Grad. Aber die Rechnung kommt leise. Nicht gleich. Aber mit Sicherheit später. Anfangs überwiegt noch die Freude über jeden einzelnen Like der Instagram Story.

Warum es viele trotzdem tun

Weil es ein Symbol ist. Kurz/Kurz ist der Startschuss. Es ist das öffentliche Ende des Winters. Eine persönliche Pressemitteilung. Es ist die visuelle Erklärung: „Ich bin bereit.“ Das sichtbare Ende der Rollentrainer-Depression. Die Rückkehr der Waden in die Öffentlichkeit. Die offizielle Wiedereröffnung der Knie im Freien. Und seien wir ehrlich: Nichts fühlt sich mehr nach Neubeginn an als nackte Knie in der Märzsonne. Aber zwischen Mut und Mummenschanz liegt nur ein Beinling. Und manchmal trennt genau dieses Stück Lycra Saisonaufbau von
Selbstdarstellung.

Das ist fast schon spirituell.

Heldentum neu definieren

Der wahre Held trägt bei 12 Grad stylische zur Bib Short passende Beinlinge. Ob die Radsocken darunter liegen oder darüber zur Schau gestellt werden, ist ein anderes, mindestens so heißt diskutiertes Thema. Heldentum heißt nicht frieren. Es heißt klug dosieren. Die Profis fahren bei Trainingslagern übrigens auch nicht aus Trotz kurz/kurz. Sie fahren so, dass sie morgen wieder trainieren können.

Wenn wir schon in unserer Bubble alles kopieren, was sie so machen. Dann bitte auch ihre Sorge um den eigenen Körper. Speziell am Anfang der Freiluftsaison. Jede und jeder wie sie und er will. Das steht außer Diskussion. Aber es muss nicht immer cool sein.

Mein persönliches Geständnis

Unter 20 Grad Beinlinge. Passend zur Bib Short. Also bei mir schwarz. Socken einmal darüber und dann auch wieder darunter. Da bin ich nicht so streng. Erst wenn sich der zwanziger für ein paar Tage behaupten kann, dann bekommen die Knie Sonnen- und Luftkontakt. Die Arme folgen etwas später. Saisonaufbau ist kein Western. Niemand verteilt Kudos für unterkühlte Patellasehne, blau angelaufene Oberschenkel und stolzes Grinsen. Auch nicht für steife Knie. Der Frühling kommt auch ohne Opfergabe.

Fazit

12 Grad sind ein Zeichen. Sie sind Hoffnung. Aber lange noch kein Sommer. Kurz/Kurz am ersten milden Tag ist weniger Heldenmut als Ritual. Und Rituale darf man genießen – solange sie nicht auf Kosten der Gesundheit gehen.

Ausfahren, Sonne spüren – mit Bedacht und Beinlingen. Denn wahre Stärke zeigt sich nicht im Frieren – sondern im Wiederkommen.

Cristian Gemmato
aka #ktrchts

PS: Mehr dazu auch hier

Rapha Festive 500 – alle Jahre zwider.

Rapha Festive 500

Die Verlockung ist wieder einmal viel zu groß. Der Zwang auch. Ich lechze süchtig danach. Was sind schon 500 Kilometer in acht Tagen? Wäre da nicht der besondere Zeitrahmen zwischen 24. und 31. Dezember. Mitten im Weihnachtszauber. Die Rapha Festive 500 sind, wie alle Jahre – eine irrationale Sehnsucht, eine sportliche Trotzreaktion auf Besinnlichkeit, ein stählerner Mittelfinger an Lebkuchenlähmung und Feiertagsfieber. Während andere Kerzen anzünden, zünde ich die Oberschenkel an. Während Christbaumkugeln glänzen, glänzt (oder friert) bei mir der Schweiß auf der Stirn. Und während Mariah Carey zum tausendsten Mal die Liebe besingt, flüstert mein Garmin nüchtern: „Noch 317 Kilometer.“

Ja, ich weiß, es ist verrückt. Und ja, ich mach’s wieder. Denn irgendwo zwischen Gans, Geschenkpapier und Graupelschauer wartet sie auf mich: Die eine, große Zahl – 500.

Was oder wer sind die Festive 500?

Die Festive 500 – das ist nicht einfach nur eine Radfahr-Challenge. Das ist ein saisonales Leiden. Eine Art sportlicher Adventskranz mit acht Kerzen aus Schweiß, Frost und innerer Zerrissenheit. 500 Kilometer. Acht Tage. Zwischen Heiligabend und Silvester. Während andere sich durch Raclette-Pfännchen und Plätzchendosen arbeiten, treten wir uns durch Wind, Wetter und Weihnachtsverwandtschaft. Egal ob draußen im Schneeregen oder drinnen auf der Rolle mit Netflix im Hintergrund – Hauptsache, die Kilometer zählen. Und sie zählen. Immer.

Die Idee stammt aus dem Hause Rapha, anno 2010 – als ein gewisser Graeme Raeburn beschloss, zwischen Truthahn und Feuerwerk mal eben 500 Kilometer zu fahren. Warum? Weil vernünftig offensichtlich keine Kategorie in seinem Trainingstagebuch war. Was damals als persönliche Spinnerei begann, wurde zum viralen Schneeball – mittlerweile kugeln sich zehntausende Radsüchtige jedes Jahr in die Festive-Hölle.

Eine Challenge, so sinnlos wie sinnvoll

Ein Wahnsinn, der zusammenschweißt. Ein Geschenk an uns selbst – nur halt mit brennenden Oberschenkeln statt Schleife drum. Denn wer die Festive 500 fährt, verschenkt nicht nur seine Zeit, sondern gewinnt: Geschichten. Erfrierungen. Unverständnis. Und dieses eine, magische Insta-Posting am 31. Dezember, der sagt: Geschafft.

Es ist die sinnloseste, aber gleichzeitig die sinnvollste Challenge des Jahres. Ohne Festive 500 wären die Weihnachtsfeiertage anders. Stressfrei. Familiär. Besinnlich? Unvorstellbar. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das je einmal gewesen sein konnte. Ich habe zu Hause mehr Festive-Abzeichen als Christbaumkugeln. Und jedes einzelne erzählt eine Geschichte – von klammen Fingern, gefrorenen Trinkflaschen und Runden, bei denen der einzige Lichtblick der Rückweg war.

Ohne die Festive 500 wäre Weihnachten für mich nur halb so festlich – und doppelt so faul. Während andere in der Couch versinken, suche ich nach der regenfreien Stunde. Während das Festmahl dampft, dampfe ich noch auf der Rolle. Und wenn am Abend alle satt und selig sind, zähle ich nicht Kalorien, sondern Kilometer.

Tausche Gemütlichkeit gegen Grenzerfahrung

Es ist ein Tauschgeschäft: Gemütlichkeit gegen Grenzerfahrung. Vanillekipferl gegen Wattwerte. Und obwohl ich jedes Jahr schwöre, es diesmal wirklich nicht wieder zu tun, sitze ich doch wieder im Sattel – am 24. Dezember, zwischen Geschenkechaos und Gänsebraten. Mit einem Ziel vor Augen: Fünfhundert. Denn irgendwo zwischen Wahnsinn und Willenskraft liegt diese Challenge – und sie macht mich jedes Jahr ein kleines Stück stolzer, verrückter und irgendwie … weihnachtlicher.

Ich brauch’s. Wie der Fisch das Wasser, wie der Garmin das GPS-Signal, wie Swifties ihr nächstes Album, wie Influencerinnen den nächsten Sonnenuntergang. Ohne würde ich vergammeln. Platzen. Aus den Nähten. Wie könnte ich sonst meine Schwäche für Panettone kompensieren? So ein Ding hat 450 Kalorien pro 100 g. Das sind bei einem Kilo – und mal ehrlich, wer hört vorher auf? – satte 4.500 Kalorien. Also locker 100 Kilometer. Mindestens.

Soll ich deswegen verzichten? Auf Genuss, auf Tradition, auf das fluffige Glück mit Pistanziencreme und kandierten Früchten? Und stattdessen Karotten knabbern wie ein schlecht gelaunter Zwergkaninchen-Triathlet? Sicher nicht.

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Festive statt Fettstive

Die Festive 500 sind meine ganz persönliche Essgewohnheit. Ich radle mir mein Recht auf Panettone. Ich trete und leide für mein Stück Dolce-Vita-Weihnachten. Jede Ausfahrt ist ein Biss, jede Abfahrt ein Nachschlag. Und am Ende, wenn der Tacho 500 anzeigt, ist noch genug Platz für Tiramisu. Denn was bringt der Kalorienverbrauch, wenn man ihn nicht mit Stil veredelt? Also.

Wetter? Egal. Standort? Egal.

Im Warmen kann jeder rollen. Die wahre Kunst liegt im Zwiebelprinzip, im Eiskrümel unterm Helm und in der Erkenntnis, dass ein nasser Popo kein Weltuntergang ist. Es sei denn, die Weichteile frieren ein – dann wird’s kritisch.

Täglich. Ohne Ausnahme.

Der innere Schweinehund hat Sendepause. Wer zu spät startet, der rollt Silvester mit Stresspuls und Stirnlampe durch die Nachbarsiedlung. Also lieber die Strategie: Was man hat, das hat man. Oder auch: Lieber nass und stolz als trocken und schuldig.

Verwandtenbesuche reduzieren – oder gleich aufs Rad verlegen.

„Schön, euch zu sehen, aber ich muss jetzt noch schnell 62,5 Kilometer fahren.“ Klingt unsozial? Klingt nach Festive-500-Ethos.

Wetterberichte sind die neuen Horoskope.

Wer die Zeichen deuten kann, weiß: Zwischen Schneeregen und Sturm gibt’s ein magisches Fenster von 48 Minuten. Raus! Jetzt!

Nicht aufschieben. Nie.

Jeden Tag 62,5 Kilometer klingt harmlos – solange du an Tag 4 merkst, dass du erst bei 113 bist. Spoiler: Da hilft dann auch kein Indoor-Marathon mehr.

Pflicht vor Kür.

Zuerst das Soll – dann die Soul-Rides. Zuerst die harten Kilometer – dann die Genugtuung . So wird aus einer verrückten Challenge ein verdienter Triumph. Und wenn’s läuft wie geplant, gibt’s am 31. sogar noch Luft für die Ehrenrunde. Mit Wunderkerzen im Trikot.

Rapha Festive 500

Frohe Festive 500

Und damit: Viel Glück, starke Beine – und einen lockeren Blick aufs große Ganze. Denn am Ende zählt nicht nur, was du fährst, sondern dass du fährst. Und ein bisschen Wahnsinn gehört eben dazu.

Cristian aka ktrchts

PS: Lust auf 400 Kilomter an einem Tag? Pannonia 400 am 13.6.2026