Carnia 300 – 302 Kilometer rund um die Karnischen Alpen

Carnia 300

302 Kilometer. 3.800 Höhenmeter. Netto Fahrzeit unter 10 Stunden. Einmal rund um die Karnischen Alpen. Wer jetzt glaubt, Carnia 300 sei kein Rennen gewesen, liegt falsch. Offiziell.

Carnia 300 ist eine Ausfahrt ohne Startschuss, ohne Startnummer, ohne Zeitnehmung (dafür mit Zeitdruck) und ohne Podium (die Schnelslten Damen und Herren, wissen, dass sie schnell sind und brauchen deshalb keine Urkunde oder Medaille). Nur 28 Rennradverrückte– darunter vier Damen, einige bekannte Gesichter aus dem Spitzensport (OlympiateilnehmerInnen Skibergsteigen, Mountainbike …) und ein Begleitfahrzeug mit Christian am Steuer, besser bekannt als “Schweinsbraten” (sachdienliche Hinweise direkt bei Christian anfragen).

Mehr braucht es offenbar nicht, damit sich eine Ausfahrt verdächtig nach Rennatmosphäre anfühlt. Spoiler: Es war tatsächlich kein Rennen – es hat sich aber ganz genau so angefühlt. Frei nach dem Motto: „Jedes Training ist ein Rennen und jedes Rennen ist ein Training“.

Die Strecke der Carnia 300: 302 Kilometer rund um die Karnischen Alpen

Los ging’s bei ungewohnter Frische zuerst durchs Gailtal, hinein und hinauf ins Lesachtal bis oben auf den Kartitscher Sattel. Über Tassenbach nach Innichen, weiter nach Sexten, rauf auf den Kreuzbergpass, dann rasant hinunter nach Valgrande, Padola und Santo Stefano di Cadore, später wieder hinauf Richtung Sappada und Cima Sappada (hier entspringt der Piave!). Danach über Rigolato, Comeglians, Ovaro (Zoncolan würde ausgelassen, warum auch immer) und Tolmezzo nach Carnia, weiter über das Kanaltal Richtung Pontebba und Tarvis, um schließlich wieder durchs Gailtal zum Startpunkt zurückzukehren.

302 Kilometer. Rund 3.800 Höhenmeter. Klingt idyllisch. War es auch. Zumindest für die Augen. Weniger für die Beine.

Carnia 300 - die karnischen Heldinnen

Kein Rennen? Fühlt sich aber verdammt danach an

Für die Beine war es eher ein zehnstündiges Intervalltraining mit gelegentlichen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des eigenen Hobbys. Im Selbstgespräch – versteht sich von selbst. Hinten in der Gruppe gemütlich rollen? Vergiss es.

Kaum wurde irgendwo das Tempo minimal herausgenommen, flog vorne schon wieder jemand los. Einer testete die Beine. Der Nächste das Ego. Der Rest durfte entscheiden, ob er mitspielt oder sich später allein durch Italien navigiert. Sobald ich einmal die Beine etwas hängen ließ, wurde ich in Bruchteile einer Sekudne nach hinten durchgereiht. Einmal hinten angekommen, fing alles wieder von vorne An. Ein Intervall nach dem anderen, um dem Ziehharmonika-Effekt zu entkommen.

Irgendwo zwischen dem Mantra “Das ist kein Rennen.” und der Sinnfrage “Warum fahren wir hier gerade wieder knapp 50 km/h?” verschwamm die Realität ohnehin. Und genau deshalb gab es fünf Zwangspausen. Kartitscher Sattel. Sexten. Cima Sappada. Carnia. Tarvis.

Offiziell zum Sammeln und Essen. Inoffiziell vermutlich deshalb, damit aus dem Nicht-Rennen-Rennen nicht doch noch ein Rennen-Rennen wurde. Eine ausgezeichnete Idee übrigens.

Denn trotz dieser fünf Stopps stand am Ende ein Netto-Schnitt von über 30 km/h auf dem Radcomputer. Für 302 Kilometer. In den Bergen. Sagen wir so: Zone 2 hatte an diesem Tag frei. Nicht Zone 2:5 – Squadra Esperienza auf Klagenfurt. Die waren mittendrin, statt nur dabei. Meistens vorne weg. Ihnen und dem DSC Racing Team Lesachtal war es zu verdanken, dass am Ende der geplante 30er Schnitt Realität war. Nicht nur: Beide Teams sorgten bei Defekten dafür, dass niemand auf der Runde verloren ging und wundersam wieder den Anschluss ans Hauptfeld schaffte.

Teamwork macht die Carnia 300 erst besonders

Es gibt bei Ausfahrten MitfahrerInnen. Das sind jene, die mitfahren. Und es gibt Menschen, die dich regelmäßig daran erinnern, dass Aufgeben zwar theoretisch möglich wäre – sie diese Option aber nicht akzeptieren. Danke dafür. Zeitweise hatte ich schon meine Zweifel, ob ich dieses Tempo und diesen Rhythmus die ganzen 302 Kilometer mithalten hätte wollen. Meine Beine wollten es unbedingt schaffen, mein Kopf bremste. Bis er die Challange akzepiertz hatte. SpitzensportlerInnen sind mir in Sachen Mindset um Meilen voraus. Nach Carnia 300 weiß ich aber, dass ich meine Grenzen noch lange nicht ausgelotet habe.

Ein großes Dankeschön geht natürlich auch an Christian alias “Schweinsbraten”, der uns mit dem Begleitfahrzeug den Rücken freigehalten hat. Ohne ihn wäre die Carnia 300 nur halb so entspannt gewesen. Einige wären verhungert, andere verdurstet.

Autofahrer, Hupkonzerte und ein besonders unrühmlicher Auftritt

Nicht ganz so dankbar war ich manchen Autofahrern. Speziell auf der Auffahrt nach Sappada dürfte es einen Wettbewerb gegeben haben, wer die lauteste Hupe eingebaut hat. Das Hupkonzert war jedenfalls beeindruckend. Vermutlich hatten einige Angst, wir würden die Straße tatsächlich benutzen. Trotz Einser-Reihe (in Italien Pflicht) kam es aufgrund unterschiedlicher Kondition und Performance-Bereitschaft da und dort zu einer Ansamlung motivierter Rennradfahrerinnen innerhalb einer Fahrspur im Anstieg. Nur kurz. Zu lange für die hinten nachkommenden Autos. Geduld und Rücksicht sind wohl die letzen Jahre verloren gegagen und kaum wieder auffindbar. Schade.

Besonders in Erinnerung bleibt allerdings ein LKW-Fahrer der Firma Foppa in Innichen. Selten erlebt, dass jemand so viel Energie investiert, um RadfahrerInnen mitzuteilen, dass er RadfahrerInnen nicht besonders mag.

Schade eigentlich. Denn dieselbe Straße war für uns alle da.

Doppelter Platten: Wenn ein Schlagloch effizient arbeitet

Natürlich gab’s auch Rückschläge. Ein Schlagloch hat mir gleichzeitig Vorder- und Hinterreifen zerlegt. Pfffft. Vorne. Pfffft. Hinten. Zwei TPU-Schläuche auf einen Streich. Effizienz kann man diesem Schlagloch wirklich nicht absprechen. Wenigstens weiß ich jetzt, wie mein Geld aussieht, wenn es die Papierform verlässt und als Rosa-Kunststoff auf der Straße liegt. Ich verlasse die Runde mit dem Titel „Snake Bite Champion“.

Und bitte keine Diskussionen darüber Tubeless-Reifen wären besser oder Butylschläuche hätten das ausgehalten. Hätte, hätte …. Wir werden es nie erfahren. Niemals.

Mein Fazit zur Carnia 300

Perfektes Rennrad-Wetter. Geniale Idee. Makellose Organisation. Beeindruckende Landschaft. 28 Menschen, die sich freiwillig 302 Kilometer antun und am Ende trotzdem lachen können.

Oder vielleicht gerade deshalb. Würde ich es wieder machen? Wenn ich Zeit habe, ohne eine Sekunde nachzudenken. Weil Carnia 300 eben kein Rennen ist, sondern lediglich eine Ausfahrt mit extrem starken Renncharakter. Und genau das macht ihren Reiz aus. Das schöne an Carnia 300 liegt irgendwo zwischen sportlichem Wahnsinn, italienischem Espresso, endlosen Auf- und Abfahrten und 28 Menschen, die am Ende alle dasselbe Grinsen im Gesicht haben.

Wahrscheinlich werde ich nie mehr dafür Zeit haben (Achtung Ironie). Jammerschade. Auf jeden Fall bis nächstes Jahr. Dann hoffentlich mit weniger Hupen. Und weniger Straßenlöchern.

Wobei … eines von beiden wäre schon ein Anfang.

Cristian aka @ktrchts

PS: Danke Helmut und Gruppo Carnia für die Initative und die Einladung mitfahren zu dürfen.

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