Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens.

Eine Woche. Tausend Gründe, wiederzukommen. Sieben Tage Monte Grappa lassen sich nur schwer in Kilometer oder Höhenmeter fassen. Es sind die frühen Sonnenaufgänge, die endlosen Kehren, die Straßen durch die Prosecco Hills, der Passo San Boldo, der erste Espresso am Morgen und das wohlverdiente Gelato am Nachmittag. Es sind die kleinen Umwege, die später zu den besten Geschichten werden. Vor allem aber sind es die Menschen, mit denen man all das erlebt. Dieser Beitrag ist keine Tourenbeschreibung. Er ist eine Liebeserklärung an eine Region, die Rennradfahren mit italienischer Lebensfreude verbindet – und an einen Berg, der jedes Mal eine neue Geschichte erzählt Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens. Und mittlerweile mein Hausberg.

Der Berg ist nur die Ausrede.

Eigentlich fahren wir wegen des Monte Grappa nach Bassano. Das glauben zumindest alle, die noch nie dort waren. Denn auf der Landkarte ist es einfach: Da ist dieser berühmte Berg zwischen Brenta und Piave. Mythos. Monument. Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen. Wer ihn bezwingt, hat eine Geschichte zu erzählen. Seine und die eigene.

Wer allerdings schon einmal dort war, weiß: Der Monte Grappa ist nur die Eintrittskarte. Was wirklich bleibt, ist das Gesamtpaket. Das erste italienische „Buongiorno“ am Morgen. Der Espresso an der Bar. Die vertrauten Gassen von Bassano. Das Lachen vor der Ausfahrt. Die Gewissheit, dass hinter jeder Kehre wieder etwas wartet, das einen kurz innehalten lässt. Auch wenn es meinstens die nächste Kehre ist.

Irgendwann wird aus einem Reiseziel ein Lieblingsort. Und genau dann beginnt man, nicht mehr zu überlegen, ob man wiederkommt. Sondern wann.

Der Wecker darf heute unbeliebt sein.

03:00 Uhr. Normalerweise eine Uhrzeit, die höchstens Bäcker und Flughafen-Shuttles sympathisch finden. Am Monte Grappa beginnt um diesen Zeit jedoch ein besonderwe Tage. Noch im Halbschlaf wird die Kaffeemachine in Betrieb genommen. Ein paar Keckse müssen als Energielieferant herhalten. Und sobald der Helmverschluss zuklickt weiß man, es geht los. Leise wird das Rennrad zum Hotelausgang getragen. Auf Zehenspitzen. Man will doch nicht den Rest der Truppe wecken. Rest, der nur davon träumen kann, wie schön ein Sonnenaufgang am Monte Grappa ist. Vor dem Hotel stehen sie. die AbenteurerInnen. Einklicken, Licht und Garmin einschalten. Und ab geht’s. Auf den ersten Kilometern schneiden schmale Lichtkegel durch die Dunkelheit. Mehr hört man nicht. Kein Verkehr. Kein Lärm. Nur das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt und das Rascheln im Gebüsch.

Die ersten Kilometer fährt jeder ein wenig mit sich selbst. Bis sich langsam der Himmel verändert. Schwarz wird dunkelblau. Dunkelblau wird orange. Irgendwann taucht die Sonne die Belluneser Dolomiten in warmes Licht, während das Tal noch schläft.

Für solche Momente gibt es keine App. Keine Statistik. Keine Zahl. Man muss sie erleben. Und plötzlich wirkt das frühe Aufstehen wie die beste Entscheidung des Tages.

Jede Kurve erzählt eine andere Geschichte.

Am Monte Grappa gibt es keine Routine. Obwohl ich ihn mittlerweile unzählige Male gefahren bin. Oder vielleicht gerade deshalb. Mal beginnt der Tag im Dunkeln. Mal kämpft sich die Sonne schon früh durch die Baumwipfel. Mal fordert einen die Hitze heraus. Mal die eigenen Beine. Und manchmal steht man oben und fragt sich ernsthaft, ob eine zweite Auffahrt wirklich eine gute Idee ist.

Spoiler: Meistens ist sie es. Genau deshalb gibt es den Early Grappa. Genau deshalb gibt es den Doppio Grappa. Nicht, weil höher, schneller oder härter das Ziel wären. Sondern weil dieser Berg so viele Gesichter hat, dass eines einfach nicht reicht. Es sind die 10 Auffahrten und die 10 Abfahrten. Kein Berg ist so vielfältig und kein anderer Berg kann so viele nummerierten Kehren sein Repertoire nennen. Er ist der letzten seiner Zunft vor der unendlichen Ebene, die direkt in die Adria übergeht. Monte Grappa. Der vielseitigste Rennradberg Italiens.

Straßen, die offensichtlich Rennrad fahren.

Zwischen Valdobbiadene und Vittorio Veneto gibt es offiziell keinen Fleck namens Prosecco Hills. Eigentlich ein Versäumnis. Denn genau so fühlt sich diese Landschaft an. Sanfte Hügel wechseln sich mit kurzen Anstiegen ab. Weinberge ziehen sich bis zum Horizont. Kleine Straßen schlängeln sich durch die Reben, als hätte ihr Planer selbst ein Rennrad in der Garage stehen.

Hier fährt man nicht auf direktem Weg. Warum auch? Jede zusätzliche Schleife lohnt sich. Mal wegen der Aussicht. Mal wegen eines kleinen Dorfplatzes. Und manchmal einfach, weil hinter der nächsten Kurve schon wieder ein neues Postkartenmotiv wartet. „Strada del Prosecco“ nennt sich dieses Paradies. Nicht die große. Jene die von Touristen befahren wird. Im SUV. Voll mit Proseccoflaschen. Nein. Die kleinere, zierlichere, atemberaubende, idyllischere. Ein Bilderbuch.

Tunnelblick? Ausnahmsweise erwünscht.

Der Passo San Boldo ist kein langer Pass. Und genau deshalb unterschätzen ihn viele. Bis sie davorstehen. 18 Kehren insgesamt. Fünf davon verschwinden in Tunneln mitten durch den Fels. Eine Straße, die eher aussieht wie eine geniale Idee als wie ein Bauprojekt. Dabei ist sie genau das.

In nur 100 Tagen gebaut. Von Kriegsgefangenen, Einheimischen und den Kaiserjägern. Nicht für den Tourismus. Nicht für Rennradfahrer. Sondern als Versorgungsstraße für einen Krieg, der – wie so viele – unendlich viel kostete und am Ende doch nur um ein Stück Erde geführt wurde, das groß genug für alle gewesen wäre.

Die Steigung? Erstaunlich moderat. Nicht aus Rücksicht auf Rennradfahrer. Sondern weil damals Maultiere Kanonen, Munition und Versorgungsgüter hinauftragen mussten. Und dann steht man plötzlich vor einer nahezu senkrechten Felswand. Instinktiv stellt man sich dieselbe Frage wie vermutlich jeder zum ersten Mal: Wie soll es denn hier bitte weitergehen? Die Antwort liegt im Berg.

Man fährt in den ersten Tunnel. Die Temperatur fällt schlagartig. Das Echo der Freiläufe begleitet jede Pedalumdrehung. Wenige Sekunden später öffnet sich der Blick wieder, bevor die nächste Tunnelkehre wartet. Es ist ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, Geschichte und Gegenwart, Staunen und Radfahren. Der Passo San Boldo dauert nicht lange. Aber er bleibt.

Vielleicht, weil er zeigt, dass manche Straßen weit mehr sind als eine Verbindung von A nach B. Sie erzählen Geschichten. Von Ingenieurskunst. Von menschlichem Leid. Und heute – glücklicherweise – von Menschen, die sie aus einem sehr viel schöneren Grund hinauffahren. Mit Gänsehaut.

Der Plan war anders.

Natürlich läuft nicht jede Tour nach Plan. Zum Glück. Denn perfekte Tage sind oft erstaunlich schnell vergessen. Nicht die gesperrte Straße, der Schotter, den niemand bestellt hat und das kurze Tragen der Rennräder über Felsen, die sonst nur jenen, die die Berge hochklettern, vorbehalten sind. Unvergesen bleibt auch das gemeinsame Lachen über den Satz: „Das Navi sagt, hier geht’s weiter.“ In genau diesen Momenten entstehen die Geschichten, die noch Monate später erzählt werden. „Nur noch 8 Kilometer“ oder „nur noch ein Hügel“ reihen sich nahtlos in die Reihe unrichtiger Wahrheiten ein.

Nicht die perfekten Kilometer bleiben. Sondern die kleinen Abenteuer dazwischen.

35 Grad. Im Schatten. Welcher Schatten?

Irgendwann wird aus warm einfach heiß. Der Asphalt flimmert. Die Trinkflaschen sind schneller leer als geplant. Brunnen werden zu kleinen Oasen. Und jeder Schatten, egal wie klein, bekommt plötzlich eine erstaunlich hohe emotionale Bedeutung.

Zum Glück gibt es Italien. Dort, wo andere über Regeneration sprechen, bestellt man eben ein Gelato. Oder eine Oransoda. Oder beides. Rein wissenschaftlich kann ich den leistungsfördernden Effekt nicht belegen. Aus eigener Erfahrung möchte ich ihn trotzdem nicht mehr missen.

Allein fährt man. Gemeinsam erlebt man.

Man könnte den Monte Grappa auch alleine fahren. Natürlich. Aber irgendetwas würde fehlen. Das gegenseitige Warten am Berg. Der kurze Blick, der sagt: „Alles gut?“ Das gemeinsame Schweigen kurz vor dem Sonnenaufgang.

Und das gemeinsame Lachen danach. Irgendwann spielt es keine Rolle mehr, wer an diesem Tag der Schnellste war. Viel wichtiger ist, dass am Abend alle dieselbe Geschichte erzählen. Nur jeder aus seiner eigenen Perspektive.

Bassano del Grappa. Mehr als eine Brücke.

Wer in Bassano del Grappa den Ponte degli Alpini nur fotografiert, macht nichts falsch. Wer nach einer langen Ausfahrt langsam über seine Holzbalken rollt, versteht ihn. Er ist Treffpunkt. Orientierung. Ritual. Hier beginnt das erste Herzklopfen des Tages. Hier endet die Ausfahrt. Oder sie beginnt schon wieder – zumindest in den Gesprächen. Bassano schafft etwas, das nur wenige Orte schaffen. Man reist an. Und fühlt sich erstaunlich schnell zuhause.

Was am Ende wirklich zählt.

Natürlich könnte ich jetzt Zahlen aufzählen. Kilometer. Höhenmeter. Achtmal die Cima Grappa. Viermal Early Grappa. Zweimal Doppio Grappa. Aber Hand aufs Herz. Wer erinnert sich ein halbes Jahr später noch an die Durchschnittsgeschwindigkeit? Ich erinnere mich an das erste Licht des Tages. An den Duft der Weinberge. An den Passo San Boldo. An Gelato Artigianale bei 38 Grad. An den Espresso auf der Piazza. An alle, die als MitfahrerInnen gekommen und als FreundInnen gefahren sind.

Genau darum geht es. Urlaub machen und Rennrad fahren. Nicht, weil es die meisten Höhenmeter bringt. Sondern weil manche Reisen mehr hinterlassen als nur Fotos am Handy.

Sie hinterlassen Geschichten. Und die nächste beginnt meistens schon auf der Heimfahrt.

Cristian

PS: im nächsten Jahr geht es wieder zum Monte Grappa. Vom 19. bis 26. Juni 2027. Jetzt schon Termin vormerken. Ein weiterer Termin in Mai kommt vielleicht dazu.

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