Cyclocross – mein Selbstversuch.

Ein Crosser auf den Schultern. Premiere im Querfeldein.

Endlich. Höchste Zeit. Viel zu spät. Warum nicht gleich. Cyclocross. Querfeldein. Crosser. Gemüse. Ich habe es getan und mich auch in dieser Disziplin entjungfernt. Yuppie Du. Bei Kaiserwetter. An einem der sonnigsten November Sonntage. Der Vorletzte. Nächste Woche ist der 1. Advent. Strahlend blauer Himmel. Angenehme Temperaturen. Herzklopfen. Aufregung.

Dieses Mal bin ich dem Ruf von Bernhard Kohl gefolgt, der das Cyclocross Schnuppertraining ausgerufen hat. Ich habe mich gleich angemeldet und das Beste vom Besten nach bewährter Ketterechts Philosophie reservieren lassen. Ein Ridley Crosser Model 2015. Genauer gesagt das Ridely X-Fire. Disc. Mit Shimano Ultegra. Als ich pünktlichst um 0930 bei der Brigittenauer Bucht ankam, stand es schon dort. Für mich reserviert. Mit meinem eigenen Namen. Falsch geschrieben. Aber immerhin. Eigentlich wollte ich schon früher dort sein, aber ich bin ca. 30 Minuten zwischen der A22, der Brigittenauer Brücke und den Katakomben des Vienna Int. Center umhergeirrt. Nicht ganz freiwillig. Ortskenntnisse. Nie von Nachteil. Navigationsgeräte sind keine Allekönner.

Egal. Ich war dort. Shimano Pedale drauf (uralte SPD 535er), Sattel etwas einstellen. Nach Gefühl. Schuhe an. Und schon war ich bereit. „Es gibt 2 Grundregeln“, erklärt man uns. Ich lausche jenen, die sich auskennen. Zuerst zeigt man uns, wie man ein Crossbike trägt. Ja. Man trägt diese Räder. „Es ist eine Mischung aus Radfahren und Laufen“. Und da man bekanntlich mit den Beinen läuft, muss man derweil das Fahrrad tragen. Schieben ist verpönt. Und langsam. Griff 1 und 2 sind leicht zu merken. Wichtig ist das Rad stabil zu halten und sich nicht selber im Weg zu stehen. Entweder auf der Schulter oder neben sich her.

Dann ging es schon los. Ich hatte vorerst einmal große Probleme mit der Shimano Schaltung. Wie immer. Darüber habe ich schon so oft berichtet. Als alter Campagnolo Fan ein Graus. Erste Gerade. Erster kleiner Hügel. Erste Spitzkehre. Erste Berührung mit dem Boden. Auf die Goschn gefallen. „Du darfst nicht so stark einschlagen. Vor allem, wenn es bergauf geht,“ ein gut gemeinter Ratschlag. Aber zu spät. Ich lass mich nicht unterkriegen. Fahre weiter. Suche vergebens jedes Mal in die Pedale zu kommen. Der tiefe Boden hindert mich. Besser gesagt hindert er die Schuhe eine Verbindung mit dem Rad herzustellen. Irgendwie geht es aber doch.

Wenig später gleich das nächste Hinderniss. Eine Uferdamm muss passiert werden. Nicht gerade aus. Sondern zuerst hinunter und dann wieder hinauf. Ca 5 Meter freier Fall. Und dann das selbe wieder steil nach oben. Mit dem Rad. Unten nur eine Kehre Zeit Schwung zu holen. „Den Schwung mitnehmen“, wieder so ein Tipp. Die Frage ist nur wohin den Schwung mitnehmen. Nach links hinauf oder gerade aus in die Absperrung? Ich werde es gleich erleben.

Scheibenbremsen. Was für eine göttliche Gabe. Der freie Fall ist halb so schlimm, wenn man sich auf eine gute Bremsleistung verlassen kann. Ich drücke voll zu. Das Hinterrad blockiert. Es rutscht. Ich rutsche. Die Fliehkraft drückt mich nach unten. Mein Hintern verlängert sich in die Gegenrichtung. Ich brauche einen Ausgleich. „Unten kurz die Vorderbremese aufmachen“. Ich erinnere mich. Öffne diese und kann das Rad in die richtige Fahrtrichtung lenken. Drei Pedaltritte und dann das Vermeintliche. Absteigen. Rad heben und rauf laufen. Ich bin kein Superman. Zum Glück habe ich gute Schuhe. Mit Stollen vorne. Vier Stück zu Beginn. Drei Stück am Ende. Der eine ist irgendwo noch in der Brigittenauer Bucht. Bitte komm heim.

Die zwei Schlüsselstellen des Rundkurses habe ich schon mal überlebt. Ohne mein zuvor im UKH Meidling vorsichtshalber reserviertes Zimmer beanspruchen zu müssen. Der Rest ist dann ein Herantasten. Asphalt. Schotter. Wiese. Und ein Hinderniss. Eine 30 cm hohe Absperrung. Laut vieler Youtube Videos könnte man so etwas überspringen. Könnte man. Ich lasse diese Erfahrung aus. Nehme diese Hürde, so wie man mir es gezeigt hat. Nicht schnell, dafür umso eleganter. Den Boden küsse ich nicht. Ich bin ein Naturtalent. Ja.

Auf. Ab. Links. Rechts. Rauf. Runter. Cyclocross macht sehr viel Spass. Und ist anstrengend. Die kurzen knackigen Anstiege haben es in sich. Intervalltraining Deluxe. Von Runde zu Runde werde ich schneller und sicherer. Fast zu sicher. In der zweiten Runde passiert es fast. Die Spitzkehre vom ersten Sturz wird mir zum Verhängnis. Vollgas rauf. Vollgas nach rechts. Fliehkraft nach hinten. Ich stürze über die Abgrenzung. Drehe mich in der Luft und sehe einen großen Stein. Gedanklich habe ich ihn schon am Helm. UKH ich komme. Reflexartig drehe ich den Kopf auf die Seite. Beim Aufprall am Boden verfehle ich den Stein um ein paar Zentimeter. Danke Schutzengel. Ein Zeichen? Ich ignoriere es. Weiter gehts. Taste mich immer mehr an meine Grenzen heran. Diese sind in der Technik. Aber ich schlage mich tapfer. Mit der GoPro. Video folgt.

Der Rennkurs füllt sich. Cyclocross scheint doch keine Randsportart zu sein. Kurz vor dem Rennen tummeln sich gestählte Körper und teure Carbonräder. Aller Marken. Ich bekomme das Bedürfnis mich mit all diesen Menschen messen zu wollen. Doch meine Freude wird gedämpt. Ich dachte, das Rennen mitfahren zu dürfen. Habe in der Ausschreiben da wohl was überlesen. Aus Freude. Zu großer Vorfreude. Und/oder hieß es. Schnuppertraining und/oder Schnupperrennen. Das Schnupperrennen aber unter Bedingungen. Ein Rad anzahlen. Es dann beim Rennen crossen. Danach zurückgeben und ab 30.11. dann im Empfang nehmen. Mit der Restzahlung. Bernhard Kohl persönlich erklärt mir das alles. Ohne zu sehen, wie traurig meine Augen waren, als ich diese Hiobsbotschaft hörte. Kein Rad. Kein Rennen. Schade. Ich hätte sicher nicht als Letzter die Ziellinie überquert.

Get lucky. Cross it.
Cristian Gemmato aka @_ketterechts

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