Mein Ausflug zu den Radmarathonis.

14. Juli 2013. Während die Radprofis bei der Tour de France den Mount Ventoux hinaufkletterten, bin ich bei den Wachauer Radtagen im Sattel. Ich habe mich für den Champions Radmarathon entschieden. Laut Ausschreibung 160 km und 3.200 Höhenmeter. 14 Tage nach dem Ironman Austria locker zu schaffen. Deshalb habe ich auch die 2 Tage zuvor 200 km und 3.200 Höhenmeter zum Aufwärmen absolviert. Meine Beine also sehr frisch und überhaupt nicht schwer (wer mich kennt, weiß dass der letzte Satz zynisch gemeint ist).

Eigentlich wollte ich mit den Wachauer Radtagen eine 1 Jahr alte Rechnung begleichen. Aufmerksame Leser wissen vielleicht noch, dass ich letztes Jahr meine Radschuhe zu Hause gelassen habe. Auf einen Start mit Turnschuhen habe ich dann verzichtet.

Im „Bikerdorf“ Mautern geht alles sehr schnell. In Windeseile habe ich einen Parkplatz (ich bin auch sehr zeitig angereist), meine Startunterlagen und meinen Pentek Chip. Dieser wird noch eine große Rolle spielen. Dazu später.

Die guten 60 Minuten bis zum Start verbringe ich mit meinen eigenen Ritualen. Das heißt mindestens 3 x aufs WC gehen und das Posen. 30 Minuten vor dem Start stelle ich mich schon in die Startaufstellung, weil diese schon sehr voll ist. Vorne die 160iger, dann die 97er und ganz zum Schluss die 50er. Gemeint sind die km, welche in Angriff genommen werden sollten.

Durch die Lautsprecher hören wir des Landeshauptmannes Senf zum Thema Radfahren und Niederösterreich, dann die Bitte des Bürgermeisters über den Erwerb von T-Shirts den Hochwasseropfern zu helfen sowie die obligaten Worte der Stargäste Armin Assinger, Leo Hillinger, Benjamin Karl und Helmut Wechselberger. Letzterer gute 60 Jahre alt und am Ende mit einer Bombenzeit im Ziel. Hut ab.

9.00 Uhr. Es geht los. Von 0 auf 40 km/h in weniger als 30 Kurbelumdrehungen. Du musst das machen, sonst wirst du von hinten überfahren. Ein Wahnsinn, wie da weggebolzt wird. Links, rechts, unter und über mir Radfahrer. Ich bin in einer ganz anderen Welt. Vom Triathlon zu den Radmarathonis.

Eine Schlange von an die 2.000 Radfahrern schlenkert sich durch die Gassen von Krems. Das Rennen nach wie vor neutralisiert. Und schon sind die 97er mitten unter uns. Erkennbar an ihren gelben Startnummern. Die ersten 10 km sind ein Stop and Go. Ständiges herabbremsen und beschleunigen. Wie eine Ziehharmonika. Vorne wird leicht gebremst. Hinten muss gestoppt werden. Ich touchiere Schultern, Oberschenkel, Lenker und Pedale. Es wird so unruhig gefahren, als ginge es hier schon um Sieg oder Niederlage.

Nach 15 km verabschieden sich die 97iger. Tschüss. Die Straße wird aber deshalb nicht luftiger. Alle 160iger auf einem Haufen. Ich sehe vorne noch den Wagen der Rennleitung. Bin also im Hauptfeld. Es geht dahin. Dann der erste Anstieg. Und sofort trennen sich die Laktatverträglichen von den Unverträglicheren. Ich kann mich in der 3 Gruppe halten. Die erste ist eindeutig zu schnell. In die zweite traue ich mich nicht. Mein Puls ist bereits bei 165! Das ausgewogene Frühstück bestehend aus Milka Tender, Nescafe Cold Espresso und einem Ölz Marmorkuchen sucht sich den Weg vom Magen über die Speiseröhre zum Mund.

Ich gebe alles um in dieser Gruppe zu bleiben. Bin verschwitzter als nach einem Aufguss in der Sauna. Aber ich komme oben an. Denke mir, dass es dann bergab gehen würde. Falsch. Es wird das erste Mal so richtig wellig und hügelig. Ich habe von der Strecke keine Ahnung. Versuche nur mitzufahren. Lese am Speed meiner Mitstreiter, wie lange der jeweilige Hügel sein könnte. Wenn voll hineingefahren wird (Kette rechts), ein Schupfer. Wenn etwas Speed herausgenommen wird, ein etwas längerer Hügel. Ich tue das was die anderen auch tun.

Es geht auf und ab. Ich fahre mit. Meine Oberschenkel gehen bereits auf, wie ein Germknödel in heißer Umluft. Nach 1 Stunde verschlinge ich das erste PickUp. Etwas weiter dann eine kleine Verschnaufpause. Es geht entlang des Dobrastausees. Essen. Trinken. Essen. Trinken. Und treten.

Die erste Labe ist so was von ungünstig platziert. Irgendwo aus dem Nichts taucht sie auf. Am Anfang einer kleinen Steigung. Vor mir bleibt einer stehen. Ich muss auch. Stehen bleiben. Raus aus den Klickpedalen. Fluchen. Und ein Gatorade nehmen. Dann weiter. Der Anschluss ist verloren. Bergsprint. Die Oberschenkel sprengen fast meine Radhose. Schmerzen. Doch ich habe die anderen wieder. Verschnaufen. Essen. Trinken, Essen. Und treten.

Was jetzt kommt gleicht einer Achterbahn. Es ist ein Achterbahn. Und ich führe die Gruppe an. Nicht dass ich wollte. Aber ich war vorne. Mache mehrmals ein Loch zu. Geiles Gefühl. Aber hart. Immer wieder Steigungen. Nicht allzu lange. Aber hart. Sehr hart. Und dann ein paar sehr gefährliche Abfahrten. Enge Straßen. Große Gruppe. Ich fahre vorsichtig. Das wichtigste ist heil nach Hause kommen.

Wie herrlich wären jetzt 180 km bei einem Triathlon. Da fährst du dahin. Dein Tempo. Deinen Rhythmus. Hier fährst du den Rhythmus von 20 anderen. Und verlierst dabei deinen.

Und dann kam er. Der Jauerling. Wir schreiben erst km 90. Ein richtiger Berg. Die Gruppe zerfetzt es. Ich bin ganz weit hinten. Suche meinen Bergrhythmus. Den ich nicht habe. Keine Experimente. Dann endlich eine Labe mit Getränken. Ich nehme 2 Römerquelle Flaschen. Eine trinke ich gleich aus. Mit der anderen säubere ich meine Arme von den pickigen Gelresten und ich kühle meine Oberschenkel. Pinkelpause inklusive. Dann fahre ich weiter. Und siehe da. Ich habe ihn dann doch gefunden. Den Bergrhythmus. Noch ca 4 km. Ich schließe wieder auf die Nachzügler der Gruppe auf. Kann diese Überholen. Sogar Tempo verschärfen, sobald die Steigung erträglich wird. Oben gehe ich dann fast allein in die Abfahrt, von der ich glaubte, dass sie mich bis an die Donau bringen würde. Was sie auch tat, aber mit weiteren gefühlten 50 Gegenanstiegen.

F***. Dieses Rennen ist kein Sonntagsspaziergang. Bald sind wir wieder ein Gruppe. Und wir fahren das Weitental hinaus. Ich verstecke mich in der Gruppe, da es „freiwillige“ gibt, welche vorne im Wind fahren müssen. Und siehe da. Die Donau. Richtung Melk. Es geht über die Brücke. Hier sehe ich, dass in der Gruppe alle ziemlich gleich fertig sind. Da und dort ein paar Ausreißer. Aber die werden gleich wieder gestellt. Eine Schleife und wir sind am Südufer. Richtung letztem Berg. Bei einem Gegenanstieg spült es mich nach vorne. Keiner will oder kann an mir vorbei. Bin ich zu stark, oder die anderen zu schwach. Wie gut, dass ich lange Distanzen trainiert habe. Es leben meine 200er, 150er und 180er.

Noch ca 30 km. Und die letzte Steigung. Diese erreichen wir. Und ich bin wieder vorne. 3 km sagt die Ortstafel. 20 km vor dem Ziel. Ich führe die Gruppe. Ich! Ja ich! Wie geil ist das denn. Ich will nicht zurückschauen. Tue es dann doch. Ein Loch von gut 40/50 Metern. 2 Fahrer kommen nach. Ich hänge mich an. In einer Kehre sehe ich wie sich unsere Gruppe zersplittet hat. Labe in 1000 Metern. Yes! Dann geht es nach unten. Nein! Nach der Labe weitere Gegenanstiege. Scheiße, ist das hier wellig und hügelig.

Ich nehme den Unterlenker und gebe Vollgas. Sammle noch ein paar ein. In den Gegenanstiegen. Ich schneide bergauf jede Kurve. Es geht um Millimeter. Noch 10 km bis ins Ziel. Es überholt mich ein Fahrer. Dieser fährt die letzte Abfahrt wie ein Wilder. Kennt anscheinend den Weg. Ich versuche dranzubleiben. Dann die Einmündung in die Donauuferstraße. Noch 5 km. Der an mir vorbeigefahrene ist ca. 200 Meter vor mir. Überholt einen. Der kann ihm nicht folgen. Ich mache mich auf die Jagd. Bin jetzt auch beim Überholten. Er krallt sich an mein Hinterrad. Das Loch nach vorne wird immer kleiner. Ich bin jetzt in seinem Windschatten. Noch 3 km. Er deutet mir vorbeizufahren. Ich Trottel tue das auch. Mein Garmin zeigt 40 km/h an. Ich schaue nur mehr nach unten. Sitz am vordersten Zipfel meines Sattels und trete. Noch 1000 Meter. Noch 500 Meter. Und aus dem Windschatten heraus, die zwei von mir gestellten und überholten. Sie sprinten. Ich auch. Kann aber nicht vorbei. Beide sind vor mir im Ziel. Ich denke mir meinen Teil.

Lt. Garmin 161 km in 5h22min. 2.800 Höhenmeter. Das macht einen Schnitt von 30 km/h.

Fazit: Radmarathons sind härter als jeder Triathlon. Und gefährlicher. Aber man braucht nachher nicht laufen zu gehen.

PS: Pentek Chip hat nicht ausgelöst. Weder beim Start, noch bei den Zwischenzeiten. Obwohl ich ihn gegen meine eigenen Posingregeln richtig am Vorbau montiert hatte. Schade, hätte mir gerne ein paar Teilzeiten zur Brust genommen. 

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