Rennrad fahren in Zeiten der Coronakrise.

Rennrad fahren in Zeiten der Coronakrise

Zuletzt aktualisiert am 25. März 2020 um 9:08

Drei Tage frühlingshaftes Wetter. Geil. Knapp 20 Grad und nahezu kein Wind. Der Puls schlägt anaerob. Nichts wie raus. Die ersten Anzeichen zarter Bräunungstreifen sind zum Abholen bereit. Wären da nicht diese Ausgangssperren und Ausgangsbeschränkungen. Da war doch etwas. Genau. Es zirkuliert ja das Coronavirus. Und wir müssen und sollten alle zu Hause bleiben. Dahoam bleibn oder wie man in den sozialen Medien gerne liest #StayAtHome bzw. #StaytheFuckHome. Rennrad fahren in Zeiten der Coronakrise ist gar nicht mehr cool und lässig. Es ist System-zerstörend, verantwortungslos, egoistisch und unnütz. Und das, obwohl es erlaubt und auch ausdrücklich erwünscht wird.

Zeigefingermentalität statt Eigenverantwortung.

Rennradfahren ist für mich 80 % Leidenschaft und 20 % Beruf. Diese Coronakrise trifft mich also doppelt. Als Rennradfahrer und Unternehmer. Bis auf Weiteres kann ich keine Rennradreisen anbieten und durchführen. Das ist aber mein alleiniges Bier. Quasi mein Corona Bier. Damit muss ich selbst fertig werden.

Womit ich aber allein nicht fertig werden kann, ist die in Krisenzeiten aufpoppende Zeigefingermentalität vieler unter uns. Den Rennradfahrer*innen. Was sich in den diversen Foren und Gruppen aktuell abspielt, ist der blanke Psychokrieg. So viel Belehrendes auf einem Haufen. Von den Besserwissern, den Moralaposteln bis zu den Scheiß-mi-nix-Revoluzzern. Alles dabei, was einen virtuellen Konflikt schneller keimen lässt als das Virus selbst. Die Situation wird so kaum besser. Im Gegenteil. Plötzlich sind wir alle hoch dotierte Virologen, angesehene Ärzte, weltbekannte Unfallchirurgen, böse Henker und Scharfrichter. Juristen. Ja, Juristen sind wir obendrauf auch noch. Ich frage mich dabei nur: Wo bleibt der gesunde Hausverstand? Und die Eigenverantwortung. Sollten wir in diesen Zeiten nicht eher auf uns schauen, statt auf uns zu zeigen?

Rennrad fahren im Freien. Why not?

Rennrad fahren in Zeiten der Coronakrise ist bei uns zum Glück noch nicht verboten. Ich meine das Rennrad fahren im Freien. Die Italiener*innen und Spanier*innen hat es da schon härter erwischt. Also gibt es keinen Grund dafür, jemanden der dies auch tut und tun will, zu diffamieren oder zu belehren. Der österreichische Sportminister hat ganz klar seine Position zum Thema kundgetan. Allein fahren, Abstand halten und keine mehrstündigen und intensiven Ausfahrten. Cool, oder? Wo liegt denn da das Problem? Abgesehen von den Mountainbike-Touren in den Bergen. Die sind nämlich explizit untersagt (“… sind zu vermeiden”).

Es ist gut, wenn Radprofis und Radpromis dazu auffordern daheim zu bleiben. Das mindert das Risiko der Ansteckung. Dem kann ich mich nur anschließen. Wenn mir aber die Decke auf den Kopf fällt, dann will ich in Eigenverantwortung raus. Weil es nicht verboten ist. Und bitte jetzt keine nachgekauten Kronezeitung-Überschriften als Gegenargument. Unsere soziale Verantwortung und gesellschaftliche Aufgabe sind die Reduktion des Ansteckungsrisikos. Und nicht des Unfallrisikos. Das ist eine andere Geschichte.

Schau auf dich. Zeig nicht auf andere.

Ich bin grundsätzlich gegen Regeln und indoktrinierende Maßnahmen. Bis auf das AGBG (Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch) und die StVO (Straßenverkehrsordnung) zumindest. Eine Ausgangsbeschränkung, wie sie in meiner Gegend gilt, macht auch mir zu schaffen. Ideologisch wie auch emotional. Angesichts dessen, was aber rundherum passiert, bin ich der Meinung, dass es so sein muss. Das war nicht immer so. Man wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Weitere 23 Tagen sollten wir schon aushalten können. Solange ich aber hinausgehen darf, werde ich auch hinausgehen. Zum Rennrad fahren ins Freie. Allein, Abstand haltend, nicht mehrstündig und auch nicht intensiv. Die restliche Zeit verbringe ich mit Arbeiten, Putzen und Zwiften.

Das Virus ist ein Arschloch. Wir müssen das nicht sein.

ktrchts
#bleibtgsund

Aktualisierung: Wie die Radfahrer ticken, zeigt die Tatsache, dass einige in den sozialen Medien in perfekter Selbstinszenierung bunte Tafeln mit “Bleibt daheim” hochhalten und dann triff man genau diese draußen am Rad. Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Danke für die Empfehlung

13 Kommentare

  1. Gregor "Braunsi" Braunsberger

    …Dem kann ich voll & ganz zustimmen ☝️ … das Leben ist per se “lebensgefährlich” & viel zu Schade nicht mit Mass und Ziel, entsprechender Eigenverantwortung um das Wissen der möglichen Konsequenzen, sowie entsprechender Risikominimierung=Vorsicht dem schönsten Sport der Welt zu fröhnen…… jetzt is wetterbedingt sowieso mal Zwifteln angesagt…in diesem Sinne☝️ Alles Gute

  2. Werner Linninger

    Kann ich nur unterschreiben!
    Alleine und auf Vorsicht bedacht (sollte man ohnehin immer), steht dem Rennradfahren auf den nun ruhigeren Straßen nichts im Wege!

  3. Reinhard Haider

    Das Problem ist nur, dass man im Schlimmsten Fall ( Sturz) ziemlich alleine dastehen wird. Welcher Arzt, oder welche Rettung wird sich darum bemühen?

  4. Vollkommen richtig. Aus medizinischer Sicht macht das zu Hause bleiben ja überhaupt keinen Sinn. Unfallrisiko besteht überall ( auch zu Hause) !

  5. #bleibdaheim Zwift ist zum Glück eine gute Alternative. Gegen die eine oder andere Ausfahrt ist aber sicher nix einzuwenden. Alles mit Mass und Ziel.

  6. Josef Huber

    Eine Runde Radfahren mit Maß und Ziel ist vermutlich vernünftiger, als Zuhause eine Packung Zigaretten zu rauchen (Herzinfarktrisiko, Lungenkrebs usw.)

  7. Bin voll und ganz deiner Meinung.
    Man kann auch beim Spazierengehen überknöcheln, und Spazierengehen und Laufen ist ja auch erlaubt!!!
    In dieser Zeit ist es sogar ungefährlicher Rad zu fahren, denn jetzt fallen 80% der rücksichtslosen käfigfahrer weg!!!

  8. Hinrich Grube

    Ich finde es dennoch kontraproduktiv, dass die Stadt nicht mit dem Fahrrad verlassen werden darf, um aufs Land rauszuradeln. In der Stadt ist das Risiko, sich anzustecken, ungleich höher.

  9. Pingback: Die Zukunft des Radsports durch Covid-19. ~ ketterechts

  10. Deisterposer

    Ich fahre weiterhin RR, ohne Einschränkungen (Zeit, Km) durch Corona.
    Interessant, wenn man mal so bei strava nachschaut, wer sich in den RR-Segmenten so tummelt und wie viel (Km) jetzt fährt, und da sehe ich ebenfalls keine Änderungen gegenüber früher.
    Vielleicht hat strava das diesbez. mal statistisch untersucht (und kommt ev. zu einem anderen Ergebnis?). Für eher mehr Sport im Freien durch Corona spricht auch die deutliche Zunahme von Joggern, und Inlinescatern (Comeback eines einstigen Trendsports?).
    Die Moralapostel können von mir aus gerne zuhause bleiben (selbst auferlegter Hausarrest), da kommt man sich nicht in die Quere.

  11. Ich wohne in Zell am See. Zufälligerweise, nach einem Schiunfall und schmerzhaften Bänderrisse der linken Knie konnte ich mich in den ersten 3 März-Wochen fast kaum bewegen. Aber sobald ich gehen konnte, so etwa Ende März, war das Radfahren das erste, was ich versuchte. Irgendwie habe ich die Meldungen so wahrgenommen: 4 Gründe gibt es um das Haus zu verlassen und eins davon war “Sport treiben” – natürlich alleine oder mit Hausbewohner. Was ich auch gedankenlos tat. Sogar jeden Tag. Ich traf auch fast keine Menschen. Etwa zwei vollen Wochen war auch bei uns sehr-sehr-seeeehr ruhig, dann ab dem Ostern fingen die Menschen an, überall die Sonne zu genießen inkl. viele Radfahrer unterwegs. Plötzlich war alles voll. Aber trotzdem, es bleibt alles ruhig, auch jetzt, wenn die Auto wieder verkehren dürfen. Ausnahmen gibt es überall und immer, aber ich denke die meisten nehmen die Meldungen wahr und über Selbstverantwortung. Die Sache ist, keiner von uns hat solche Zeiten je erlebt. Daher gibt es keine Fehler, jeder braucht seine/ihre Zeit, sich anzupassen. Das kollektiven Mental formt sich durch die Energiefelder, die uns alle verbinden. Man sollte sich nur die Zeit nehmen und die Lage zu analysieren, so dass wir die ganze Geschichte nicht sinnlos in eine Panikmacherei umwandeln – weil es ging teilweise um Panik machen, Angst einführen – warum auch immer. Keiner kann mir moralischen “Rechte” oder “Vorschriften” diktieren, weil diese einfach erfundene und subjektive Werte sind.
    Sehr schön geschrieben – sorry für mein Deutsch, ich denke es ist verständlich.

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