Bahnrad fahren. Das Gruppenvergnügen für Egomanen.

Gedanken von ketterechts - dem Rennrad Blog und Event Liveblogger.
Narzistische Züge sind kaum zu leugnen.

„Du bist der einzige, der das Tempo halten kann“ – was für mich fast wie eine Adelung klingt ist genau das Gegenteil von dem, was ich wöchentlich auf der Rennradbahn erlebe. Erst gestern habe ich wieder im Innenfeld des Dusika Stadion über die Effektivität des Trainings mancher Gesellen am Parkett diskutiert. Ja. Ich gehe davon aus, dass der Großteil derer, die hier ihre Runden drehen, das trainingsspezifisch machen. Die anderen sind wohl zum Spass da. Wobei auch das monotone im Kreis-Drehen-Training Spass machen darf. Bezüglich Trainingseffekt stelle ich mir da und dort aber die Sinnhaftigkeitsfrage. Und bevor mich alle fragen, was ich dort mache: Ich trainiere. Ausdauer. Möglichst oft und möglichst lange fahren. Wenn ich also auf die Bahn gehe, dann zeitig und wenn ich die Bahn verlasse, dann spät. In dieser Zeit kreisen nicht nur meine Beine, sondern auch meine Gedanken.

Die meisten Gedanken kommen mit fortlaufendem Verbleib. Inmitten eines Zuges. Zug, der sich immer wieder bildet. Auf der schwarzen Linie. Oder oberhalb der blauen. Je später der Nachmittag, desto voller die Halle und desto unterschiedlicher das Leistungsniveau der Fahrgäste. Die einen frisch, die anderen schon angeschlagen. Ich immer wieder gerne unter den Angeschlagenen. Das Gruppenvergnügen unterschiedlicher Charaktere und Leistungsniveaus nimmt seinen Lauf.

Es gibt in der Halle keine Gesetze. Es gibt Regeln. Jede/r darf fahren wie er will, solange sie/er sich eben an diese hält. Diese regeln das Miteinander. Nicht aber das Zueinander. Denn dieser Bereich ist Grauzone. Unbeschrieben. Sodom und Gomorra. Natürliche Auslese. Ungern verwende ich hier den Begriff „Schwanzmessen“ – passenderes und jungendfreieres finde ich aber nicht. Spätestens zwischen 1700 und 1800 Uhr wird Bahnrad fahren ein Gruppenvergnügen für Egomanen.

Da trifft man in den Pausen noch Leute die mit „heute fahre ich langsam“ den Fehdehandschuh werfen. Denn „langsam fahren“ heißt so viel wie „heute zeige ich es dir“. Ein paar kurze Aufwärmrunden und schon sind die langsam Fahrer mitten im Geschehen. Je mehr dieser Spezies im Zug mitfahren, desto höher wird die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit.

Man muss sich das so vorstellen. Allein fahren in der Halle ist langweilig. Macht aber trainingstechnisch den größten Sinn. Denn kaum ein anderer hat den selben „Trainingsplan“ bzw. die selben Leistungswerte. In der Gruppe zu fahren ist viel lustiger und kurzweiliger. Scheiß auf Plan. Fahr mit. So bilden sich Fahrgemeinschaften. Bei denen sich der Führende immer abwechselt. Eine ganze Kolonie verfällt so schnell in den Geschwindigkeitrausch. Angetrieben vom Sog des Vordermannes und vom eigenen Ehrgeiz keine Schwächen zu zeigen. Im Gegenteil. Fährt der Vordermann 37 km/h, so wird es als selbstverständlich gesehen, mindestens einen 38er zu treten, sobald man in den Fahrtwind gespült wird. Aus der 38 wird beim nächsten Wechsel eine 39, beim übernächsten Wechsel eine 40. Und so weiter. Und so fort.

„Ich verstehe nicht, warum jeder immer schneller werden muss.“ Ich verstehe es auch nicht. Mein Plan ist möglichst lange zu fahren und nicht möglichst schnell blau zu werden.

Ab einer Reisegeschwindigkeit von 42 km/h + beginnt der Zug zu zerbröckeln. Jene mit Sauerstoffdefizit verabschieden sich. Einer kontrolliert nach oben, der andere kontrolliert nach unten. Jene mit akutem Sauerstoffdefizit verabschieden sich unkontrolliert. Jetzt heißt es 50:50 Joker ziehen und reaktionsschnell wählen: zwischen unten oder oben ausweichen. Unkontrolliert Ausweichende verlangsamen nämlich zuerst, bevor sie ausweichen. Bei einem Abstand von 1 bis 2 cm von deren Hinterrad bleibt nicht viel Zeit, um Holzsplitter in Oberschenkel und Armen zu vermeiden.

Zurück bleiben Lücken. Lücken, welche geschlossen werden müssen, will man den Sonderzug nicht verpassen. Der fährt ungeachtet dessen, was in den hinteren Reihen passiert weiter. Das bedeutet kurze Sprints. Trainingstechnisch gesehen können sie ja auch sinnvoll sein. Stellt sich nur die Frage, wer diese heute am Trainingsplan stehen hat.

Aus einem schönen Zug wird in Windeseile eine einsame Lokomotive. Der Rest keucht nach Luft und versucht die Laktatproduktion herunterzudrosseln. Das Innenfeld wird so voll wie die Südosttangente zur Rush Hour. Bis sich ein neuer Zug bildet. Und das Ganze wieder von vorne los geht. Mit den üblichen Verdächtigen. Von Montag bis Samstag.

Bahnrad fahren. Was für ein geiles Gruppenvergnügen für Egomanen.

Cristian Gemmato aka @_ketterechts

1 Kommentare

  1. Schön geschrieben und interessant da mal einen Einblick zu bekommen.
    Aber ich glaub für mich wär das nix.
    Wohl zu sehr gewohnt, IMMER im Freien zu fahren.
    Da gibts solch extreme mit Höher, Weiter, Schneller eher selten. 😉

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