Immer wieder King of the Lake.

Immer wieder King of the Lake

Noch wenige Minuten bis zum Start. Neben der üblichen Nervosität und dem Bedürfnis zum x-ten Mal in die Büsche zu springen, macht sich beim besorgten Blick in den Himmel zusätzliches Unbehagen bereit. Die Frage, ob und wann es regnen würde, ist in diesem Moment beantwortet. Damit wird die begonnene Aufwärmrunde am Parkplatz abrupt unterbrochen. Wo sind noch schnell die Regenhandschuhe und die Überschuhe? Die Zeit rennt. Die Handschuhe lassen sich finden, die Überschuhe bleiben verschollen. Immer wieder King of the Lake, heißt auch immer wieder das Nervenkostüm zu strapazieren. Es gibt keine Routine. Zumindest nicht bei mir. War es im letzten Jahr der ausgefallene Powermeter, so meint es heuer das Wetter gar nicht gut. Es gibt Wetter-Apps, die können ganz schön treffsicher sein. Zum Nachteil.

Ertrinken im eigenen Laktat.

Viele Jahre lang waren wir vom spätsommerlichen Wetter des Salzkammerguts mehr als nur verwöhnt worden. Dass der Attersee gnadenlos auch anders kann, wissen wir seit heuer wieder. Eine besondere Herausforderung für das Mannschaftszeitfahren. Die Diskussion, wer vorne fährt, wird bei diesen Bedingungen heftiger als sonst diskutiert. Wer will schon bei Nässe von unten, vorne und von oben, heftigem Gegen- und Seitenwind, sowie Blätter übersätem Asphalt blind jemanden hinterherfahren? Genau. Niemand. Wir, Team Mixed Heros mit Tina, Paul, Siggi und meiner Wenigkeit, waren uns deshalb schnell über die anzuwendende Rennstrategie uneinig. Das bereits vorprogrammierte Chaos wurde potenziert.

Der King of the Lake ist Vollgas. 47 Kilometer rund um den Attersee. Ein Privileg, das seinesgleichen sucht. Auf abgesperrter Straße. Traumhaft. Genial. Sich die Straße mit Platzregen und Sturm zu teilen, ist Nebensache. Das Erlebnis bleibt vordergründig und lässt sich von einem kleinen Wintervorgeschmack nicht trüben. Das zeigen auch die Leistungen der Ersten. Kaum ein Unterschied zu den schnellen Zeiten aus dem Vorjahr. Die Ausrede Wetter kann nicht geltend gemacht werden. Schade. Denn so hatten auch wir vom Mixed Team nur zuzugeben, dass wir einfach zu langsam waren. Trotz Regen, Sturm, Kälte und Hochwasser. Der Pathos lässt grüßen.

King of the Lake 2022

Hobetten Europameisterschaft.

Was das Team rund um OK-Leiter Erwin Mayer jährlich auf die Beine stellt, kann man nicht oft genug und im höchsten Maße loben. Sich diesen internationalen Stellenwert erarbeitet zu haben, zeugt von höchster Professionalität. Und trotzdem kommt beim King of the Lake das Familiäre nicht zu kurz. Man fährt zwar zum wohl bedeutendsten Einzelzeitfahren Europas, landet dann aber bei einem Familienfest. Mit Sportgrößen, die man sonst nur aus Funk und Fernsehen kennt. Wo sonst kann man UCI World Tour Fahrer Patrick Konrad (BORA Hansgrohe) oder Ultracycling Legende (lebende Legende) Christoph Strasser so locker und lässig begegnen?

Immer wieder King of the Lake ist Motto. Wer einmal herkommt, der will nie mehr wieder am dritten Samstag im September etwas anders vorhaben müssen. Als Solist, im 4er oder auch im 10er Team. King oder Queen of the Lake zu sein, ist zwar eine inoffizielle Krönung, aber eine, die zählt. Auf die man stolz sein kann.

Vom Protzen und Klotzen.

Der King of the Lake vereint alles, was protzt und klotzt. Allein die Zeitfahrräder, die hier aufkreuzen, sind getunte und gepimpte Monster mit modernster Technik. Ein 60iger Kettenblatt ist keine Seltenheit. Hier findet man auch, was es im Handeln nie geben wird. Eigenkonstruktionen der besonderen Art. Ideen, die schneller machen. Beim King of the Lake wird nicht gekleckert.

Immer wieder King of the Lake heißt, sich um einen Startplatz früh genug zu bewerben. Das Glück auf seiner seine zu haben und auf das große Los zu hoffen. Es heißt aber auch, ein wichtiges Saisonziel zu verfolgen. Egal ob sportlicher oder touristischer Natur. Eine Reise an den Attersee zahlt sich immer aus. Es muss ja nicht nur Radfahren sein. Kann es aber. Sollte es.

Die Sehnsucht nach dem See.

Es ist wie eine gesunde Abhängigkeit. Schon allein einen Startplatz sein eigen zu wissen, befriedigt die Sehnsucht. Die Frage, ob man wieder dabei sein wird, geht einen Sommer lang die Runde. Wer die Eintrittskarte zu diesem Laktatfest bekommt, braucht kein Weihnachtsgeschenk mehr. Der Lockruf des Sees löst eine Kettenreaktion aus. Für Haudegen und Rookies zugleich. Wer am Start steht, ist bereit, sich seiner persönlichen Prüfung zu stellen. Allein gegen die Zeit. Egal, wie man es dreht und wendet. Das einzige, was zählt, ist die Durchschnittsgeschwindigkeit. Je höher diese ist, desto kürzer gestaltet sich der Arbeitstag. Kurz leiden und lange davon zehren.

Diese Sehnsucht nach dem See ist ein großartiges Geschenk. Ganz egal, ob man wie heuer im eigenen Laktat ertrinkt. Wer will schon bei Nässe von unten, vorne und von oben, heftigem Gegen- und Seitenwind, sowie Blätter übersätem Asphalt blind jemanden hinterherfahren? Genau. Niemand. Aber wenn es so ist, dann ist das auch egal. Hauptsache immer wieder King of the Lake.

Wir sehen uns 2023 wieder. Hoffentlich.

#ktrchts

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