Es ist Dienstag. In stehe bald beim King and Queen of the Lake 2026 auf der Startrampe in Kammer am Attersee. 47,2 Kilometer. Vollgas. Keine Autos. Keine Ausreden. Und drei Frauen mit mir. Vor mir, hinter mir oder rundherum. Das müssen wir noch klären. Mixed Rebels by ktrchts. Drei Damen und ich. Das Konzept hat sich die letzten 2 Jahre bewährt. Zumindest insofern, als dass bisher alle Beteiligten überlebt haben und danach noch mit mir gesprochen haben. Mehr kann man von einem Mannschaftszeitfahren eigentlich nicht verlangen.
Die gute Nachricht: Wir sind angemeldet. Die schlechte Nachricht: Mir fällt gerade auf, was wir zum Start noch alles erledigen müssen. Wir müssen unsere Form abstimmen. Unsere Räder abstimmen. Unsere Geschwindigkeit abstimmen. Unsere Erwartungen abstimmen. Unsere Bekleidung abstimmen. Unsere Kommunikation abstimmen. Und ich muss lernen, drei Frauen gleichzeitig zuzuhören. Es werden intensive Tage.
Dringend: Ein Teammitglied wird noch gesucht
Bevor wir uns mit meiner völlig professionellen Vorbereitung auf den King and Queen of the Lake 2026 beschäftigen, gibt es ein kleines Problem: Eine von drei Damen fehlt mir noch. Oder positiv formuliert: Ein Damenplatz bei den Mixed Rebels by ktrchts ist noch frei.
Gesucht wird also eine Rennradfahrerin, die am 26. September Zeit hat, 47,2 Kilometer leiden kann und danach trotzdem noch mit mir spricht. Aber bitte keine 08/15-Bewerbungen.
Schreib mir nicht, warum du unbedingt dabei sein möchtest. Erzähl mir nichts von Teamgeist, Leidenschaft für den Radsport oder davon, dass du schon immer einmal rund um den Attersee fahren wolltest. Du musst (uns) mich überzeugen.
Und dafür gibt es eine kleine Aufnahmeprüfung: Erfinde deinen persönlichen Strava-Nickname, der dich als Rennradfahrerin perfekt beschreibt. Zum Beispiel: KOM-Königin. Wattverliebt. Espresso vor FTP. Queen of Headwind. Aero, aber gemütlich. Kettenflüsterin. Kurbelkönigin. Oder – noch besser – etwas, auf das ich niemals gekommen wäre.
Bewirb dich damit in den Kommentaren oder schick mir deinen Nickname per DM. Die kreativsten Bewerbungen kommen in die engere Auswahl. Also: 26. September freihalten, Nickname erfinden und auf Losglück hoffen.
Beine sind schon wichtig. Humor aber auch.

Demnächst: Herausfinden, wer eigentlich wie schnell ist
Das Wichtigste zuerst. Leistungsdiagnostik. Natürlich könnte man sich einfach treffen und gemeinsam Rad fahren. Das wäre allerdings viel zu unkompliziert und deshalb mit modernem Radsport nicht vereinbar. Wir haben Strava. Strava weiß alles.
Strava weiß, wer wann wo wie schnell gefahren ist. Strava kennt Wattwerte, Herzfrequenzen, persönliche Rekorde, Trainingszustand und vermutlich auch Dinge über uns, die unsere Partner besser nicht wissen sollten. Ich beginne also mit der Konkurrenzanalyse. Man könnte es auch Stalking nennen. Wobei die Konkurrenz diesmal meine eigene Mannschaft ist. Das macht es emotional komplizierter.
Eine fährt 120 Kilometer und nennt es „Kaffeerunde“. Eine fährt 34 km/h Schnitt und schreibt „locker Beine ausschütteln“. Eine lädt überhaupt nichts hoch. Die ist mir am suspektesten. Ich selbst poste vorsichtshalber nur noch Aktivitäten mit unverfänglichen Titeln. „Regeneration.“ „Zone 2.“ „Easy.“ Dass Zone 2 bei Gegenwind am Heimweg kurzfristig 370 Watt haben kann, muss niemand wissen. Schon gar nicht die Damen.
Ein Mann braucht Geheimnisse. Ich wahre Geheimnisse.
Bald: Noch schnell Mannschaftszeitfahren lernen
Mannschaftszeitfahren ist eigentlich einfach. Eine oder einer fährt vorne. Die anderen fahren hinten. Dann wechselt man. Was soll da schiefgehen? Sehr viel. Wer zu schnell fährt, sprengt die Gruppe. Wer zu langsam fährt, wird nervös. Wer zu lange führt, wird müde. Wer zu kurz führt, macht sich verdächtig.
Wer nach seiner Führung nicht schnell genug zurückfällt, fährt plötzlich neben der Gruppe. Wer zu schnell zurückfällt, ist weg. Wer ein Loch aufreißen lässt, hört Dinge. Oft (fast immer) nichts Gutes. Und wer am Berg glaubt, er müsse jetzt zeigen, wie gut seine Form ist, lernt seine Mannschaft von einer neuen Seite kennen.
Ich habe in den vergangenen Jahren beim King and Queen of the Lake einiges gelernt. Vor allem, dass vier Menschen vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, was „gleichmäßig“ bedeutet.
Deshalb lautet unsere Strategie 2026: Gemeinsam starten. Schnell fahren. Gemeinsam ankommen. Dazwischen möglichst wenig diskutieren. Und streiten. Anschieben erlaubt. Aber mit vorheriger Einverständniserklärung vor Zeugen. Am besten schriftlich.
Ein revolutionäres Konzept.
Zeitnah: Zuhören üben
Eine Sache sollte ich bis zum King and Queen of the Lake noch trainieren. Mich zurückzuhalten. Vor allem dann, wenn ich glaube, etwas besonders Wichtiges zu sagen zu haben. Mansplaining nennt man das angeblich.
Ich könnte meinen Team-Mitgliedern auch erklären, dass „nur ganz kurz drüber“ bei der Schwelle ungefähr dieselbe Glaubwürdigkeit besitzt wie „ich trinke nur ein Bier“. Oder ich könnte einfach den Mund halten. Was ich auch machen werde. Außer ich werde gefragt. Dann überlege ich mir, was ich sage und halte trotzdem meine Klappe.
Diese Option wurde mir von erfahrenen Männern empfohlen. Mehrfach. Von verheirateten Männern. Ich nehme das ernst. Deshalb gilt ab sofort: Frauen nicht erklären, wie man schnell Rad fährt. Das dürfte mir gelingen. Vermutlich. Ich muss ja nur bis zum 26. September durchhalten.
Schön langsam: Die wichtigste Frage klären – darf ich auch einmal vorne fahren?
Windschatten ist beim Mannschaftszeitfahren eine intime Angelegenheit. Man kommt sich nahe. Sehr nahe. 20 Zentimeter können über Sieg oder Niederlage entscheiden. Oder über eine neue Felge. Deshalb braucht es Vertrauen. Blindes Vertrauen.
Wer hinten fährt, muss darauf vertrauen, dass vorne keine unnötigen Bewegungen entstehen. Dass Schlaglöcher nicht in letzter Sekunde umfahren werden. Dass gleichmäßig getreten wird. Dass nicht plötzlich gebremst wird. Dass die Linie gehalten wird. Und vieles mehr.
Kurz gesagt: Falls ich vorne fahren darf, müssen mir die Frauen hinter mir eine Zeit lang blind vertrauen. Etwas, das Frauen Männern im normalen Leben aus gutem Grund eher selten entgegenbringen.
Umgekehrt muss ich darauf hoffen (und alles mögliche dafür tun), dass mein Hinterrad dort bleibt, wo es hingehört. Das nennt man Teamwork.
Oder Beziehung auf Zeit.
Mit dem Vorteil, dass beim King and Queen of the Lake nach ungefähr einer Stunde alles vorbei ist.

Allmählich kritisch: Aero
Jetzt wird es ernst. Aero. Beim King and Queen of the Lake ist Aerodynamik keine Wissenschaft. Aerodynamik ist Religion. Aerohelm. Aerosocken. Aeroanzug. Aerorahmen. Aeroflaschen. Aerohandschuhe. Aeroüberschuhe.
Vermutlich gibt es inzwischen auch aerodynamische Unterwäsche. Falls nicht, habe ich gerade eine Geschäftsidee. Rund um den Attersee kann man beobachten, was passiert, wenn erwachsene Menschen mit geregeltem Einkommen herausfinden, dass man für sehr viel Geld theoretisch 0,8 Watt sparen kann.
Man kauft es. Natürlich kauft man es. 0,8 Watt sind 0,8 Watt. Wer würde freiwillig 0,8 Watt verschenken? Ich sicher nicht.
Gleichzeitig fahren wir zu viert im Windschatten und könnten wahrscheinlich zehnmal mehr Watt sparen, wenn wir einfach fünf Zentimeter näher zusammenrücken würden. Aber Nähe kann man nicht kaufen. Carbon schon.
Leicht beunruhigend: Outfit
Jetzt kommen wir zu einem Thema, bei dem ich mich auf sehr dünnes Eis begebe. Ich muss drei Frauen sagen, was sie anziehen sollen. Was könnte schon schiefgehen? Alles!
Zum Glück habe ich vorgesorgt. Die Mixed Rebels werden von mir eingekleidet. Peloton Pop. Damit ist zumindest einmal geklärt, was angezogen wird, ohne dass ich tatsächlich einer Frau sagen muss, was sie anziehen soll. Clever.
Problematisch wird es erst, wenn eine fragt: „Findest du, das steht mir?“ Auf diese Situation kann man sich als Mann nicht ausreichend vorbereiten. „Ja“ würde zu schnell kommen. „Natürlich“ klingt, als hätte man nicht hingeschaut. „Sehr gut“ klingt nach Arbeitszeugnis. „Mega“ glaubt mir niemand. „Das andere hat mir auch gefallen“ ist vermutlich bereits ein Notfall und würde gegen meine Kollektion sprechen.
Und bei „Probier vielleicht noch einmal das andere“ kann ich meine Teilnahme beim King and Queen of the Lake wahrscheinlich absagen.
Also werde ich das machen, was Männer seit Generationen in solchen Situationen machen: konzentriert schauen, kurz nachdenken und hoffen, dass mir jemand zu Hilfe kommt. Dabei geht es beim Outfit eigentlich um etwas völlig anderes. Wir müssen gut aussehen. Look pro, go slow!
Schnell fahren ist wichtig. Schnell aussehen ist wichtiger. Wer am Attersee 47,2 Kilometer leidet und danach auf keinem Foto gut aussieht, hat objektiv betrachtet einen Teil des Rennens verloren. Das Internet vergisst nicht. Watt verschwinden. Fotos bleiben. Deshalb muss alles passen. Trikot. Hose. Socken. Helm. Brille. Farben. Und natürlich die Länge der Socken.
Die Sockenlänge ist ein millimetergenaues Lotteriespiel. Drei Millimeter zu wenig: Triathlet. Drei Millimeter zu viel: UCI-Kommissär bekommt Schnappatmung. Treffer: Italien. Bei meinen Schuhen stellt sich die Frage zum Glück nicht. Weiß. Natürlich weiß. Man kann über viele Dinge diskutieren. Darüber nicht.
Zumindest das kann ich den Frauen erklären …. Nein. Wir hatten das schon. Mansplaining. Klappe halten.
Zunehmend nervös: Wetter
Jetzt beginnt die traditionelle Wetterpsychose. Attersee. Samstag. Wind. Das reicht. Beim Ötztaler interessierten mich Regen, Schnee, Temperatur, Timmelsjoch, Kühtai und die Frage, ob ich erfrieren wede. Beim King and Queen of the Lake interessiert mich nur eine Sache: Wind. Woher? Wie stark? Wann?
Noch kann mir keine App sagen, wie der Wind sein wird. Ich gehe nicht davon aus, dass er anfangs von Osten kommt und nach der Hälfte auf Westen dreht.
Ich beginne also die Strecke gedanklich abzufahren. Wenn der Wind dort von links kommt, fahren wir rechts versetzt. Wenn er dort von rechts kommt, links versetzt. Wenn er von vorne kommt, muss jemand vorne fahren. Wenn er von hinten kommt, werde ich vorne fahren. Das wäre fair. Ich schreibe der Gruppe sicherheitshalber nichts davon. Noch ist die Stimmung gut.

Akut: Die WhatsApp-Gruppe
Die WhatsApp-Gruppe ist inzwischen aktiv. Sehr aktiv. Zu aktiv.
„Welche Reifen fahrt ihr?“ „Wie viel Druck?“ „Wann treffen wir uns?“ „Wo parken wir?“ „Was zieht ihr an?“ „Lang oder kurz?“ „Weste?“ „Startnummernband?“ „Gel?“ „Flasche?“ „Eine oder zwei?“ „Wie schnell fahren wir eigentlich?“
Auf die letzte Frage antworte ich nicht. Man muss nicht jede Unsicherheit eine Woche vor dem Rennen beseitigen. Manche sollte man gemeinsam auf die Startrampe mitnehmen. Das verbindet.
Alarmierend: Zielzeit berechnen
Natürlich fahren wir nur zum Spaß. Das möchte ich ausdrücklich festhalten. Spaß steht im Vordergrund. Erlebnis. Gemeinschaft. Frauen im Radsport. Emotionen. Attersee. Mixed Rebels. Alles wunderschön.
Dann öffne ich Excel. Nur kurz. 47,2 Kilometer. Bei 38 km/h: 1:14:32. Bei 39 km/h: 1:12:37. Bei 40 km/h: 1:10:48. Interessant.
Bei 41 km/h … Nein. Stopp. Wir fahren zum Spaß. Ich schließe Excel. Zwei Minuten später öffne ich Strava. Nur um nachzusehen, was wir letztes Jahr gefahren sind. Rein historisches Interesse. Wissenschaft.
Hochgradig bedenklich: Die Damen beruhigen
Jetzt kommt meine wichtigste Aufgabe als Teamchef: Ruhe ausstrahlen. „Macht euch keinen Stress.“ „Wir fahren unser Tempo.“ „Niemand muss irgendetwas beweisen.“ „Wir bleiben zusammen.“ „Das Wichtigste ist, dass wir Spaß haben.“
Ich schreibe diese Nachrichten mit jener inneren Ruhe eines Mannes, der gleichzeitig auf dem zweiten Bildschirm Windprognose, Reifendruckrechner, Strava und die Ergebnisliste vom Vorjahr geöffnet hat. Leadership. Man muss Sicherheit vermitteln. Auch wenn man selbst keine hat.
Vor allem dann.
Kurz vor Kontrollverlust: Noch einmal kurz das Fahrrad kontrollieren
Never change a running system. Das habe ich schon vor dem Ötztaler gelernt. Deshalb verändere ich am Fahrrad nichts mehr.
Ich kontrolliere nur laufend die Reifen. Die Kette. Die Schaltung. Die Bremsen. Die Laufräder. Die Cleats. Die Schrauben. Den Sattel. Die Pedale. Den Reifendruck. Vielleicht sollte ich doch noch die schnelleren Reifen montieren. Oder alles abmontieren, was nicht benötigt wird. Stichwort Aero!
Nein. Nichts mehr verändern.
23:41 Uhr. Google: „optimaler Reifendruck Zeitfahren 47 km glatter Asphalt Attersee“ 23:58 Uhr. Windy. Vielelicht gibt es doch schon eine Tendenz. 00:13 Uhr. Strava. 00:29 Uhr. Wetter. 00:47 Uhr. WhatsApp. Eine der Damen schreibt: „Freu mich schon “ Ich antworte: „Ich auch.“ Dann kontrolliere ich noch einmal den Wind.
Frauen scheinen in gewissen Sitationen viel entspannter zu sein. Beunruhigend.
Jetzt hilft auch nichts mehr: Renntag
Und plötzlich ist alles egal. Der Reifendruck. Die Wattwerte. Die Wettermodelle. Die Aero-Socken. Excel. Strava. Die Zielzeit. Die Strategie. Meine großartigen Erklärungen. Vor uns liegt der Attersee. 47,2 Kilometer abgesperrte Straße. Vier Rennräder. Vier Menschen. Drei Frauen. Und ich. Mixed Rebels by ktrchts. Eigentlich ist genau das der Grund, warum ich diese Staffel seit Jahren mache.
Nicht weil drei Frauen und ein Mann schneller wären als drei Männer und eine Frau. Nicht weil wir damit irgendjemandem etwas beweisen müssten. Und schon gar nicht, weil Frauen im Jahr 2026 einen Mann brauchen, der ihnen erklärt, wie Rennradfahren funktioniert. Ganz im Gegenteil.
Ich mache es, weil Radsport dann am schönsten ist, wenn Menschen gemeinsam etwas machen, das sie alleine vielleicht nie gemacht hätten. Weil ein Mixed Team auch wirklich mixed sein darf. Weil drei Frauen nicht die Quote sind.
Und ein Mann auch einmal die Minderheit aushalten kann. Ich übe das inzwischen seit vier Jahren. Es geht. Meistens.
Oben auf der Rampe werden wir wieder nebeneinander stehen. Festgehalten. Eingeklickt. Nervös. Der Countdown läuft. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Und dann gibt es ohnehin nichts mehr zu erklären. Dann zählen Beine. Kopf. Vertrauen. Windschatten. Und die Bereitschaft, gemeinsam schnell zu sein.
Wie schnell? Keine Ahnung. Wir fahren ja nur zum Spaß. Natürlich. Wir sehen uns am Attersee.
Cristian Gemmato aka @ktrchts
