Es ist Montag. Am Sonntag findet der Ötztaler Radmarathon 2026. Das bedeutet: Ich habe noch sechs Tage Zeit. Sechs Tage, um all jene Dinge zu erledigen, für die andere Menschen ungefähr neun Monate einplanen würden. Aber andere Menschen fahren vermutlich auch nicht freiwillig 227 Kilometer über vier Alpenpässe, um am Ende dort anzukommen, wo sie sechs Tage zuvor schon waren.
Die gute Nachricht: Ich bin vorbereitet. Die schlechte: Mir fällt gerade auf, was ich noch alles erledigen muss.
Zum Beispiel vier Kilo abnehmen.
Meine Form aufbauen.
Meine Form gleichzeitig durch Tapering schützen.
Meine Kohlenhydratspeicher leeren.
Meine Kohlenhydratspeicher füllen.
Mein Fahrrad leichter machen.
Meine Trikottaschen schwerer machen.
Nichts Neues mehr ausprobieren.
Und dringend noch ein paar neue Dinge ausprobieren.
Es wird eine intensive Woche.
Montag: Noch schnell vier Kilo abnehmen
Das Wichtigste zuerst. Renngewicht. Ich hatte seit September 2025 Zeit dafür. Das erschien mir allerdings unnötig früh. Außerdem waren Weihnachten, Ostern, Geburtstage, Urlaube, Wochenenden und mehrere Montage, Dienstage, Donnerstage, Freitage, Samstage, Sonntage und auch mehrere Mittwoche dazwischen.
Jetzt bleiben sechs Tage. Das muss reichen. Vier Kilo weniger wären am Timmelsjoch schließlich vier Kilo weniger. Physik ist da erfreulich eindeutig.
Wie genau man in sechs Tagen vier Kilo verliert, ohne am Sonntag auf Höhe Kühtai von einem Sanitäter mit Traubenzucker wiederbelebt zu werden, ist hingegen ein Detail, mit dem ich mich später beschäftigen werde.
Vorerst gilt: Kaloriendefizit. Salat. Wasser. Keine Süßigkeiten.Keine Kohlenhydrate. Jedes Gramm zählt. Am Donnerstag beginne ich dann mit dem Carboloading. Man muss Prioritäten setzen. Die Kunst der modernen Sporternährung besteht schließlich darin, Montag bis Mittwoch möglichst wenig zu essen, um anschließend Donnerstag bis Samstag möglichst viel zu essen und am Sonntagmorgen exakt dasselbe Gewicht zu haben wie vorher.
Nur mit schlechter Verdauung.
Dienstag: Noch schnell Form aufbauen
Das Körpergewicht wäre damit theoretisch geklärt. Kommen wir zum zweiten kleinen Problem. Der Form. Sie ist grundsätzlich vorhanden.Irgendwo.
Ich habe sie nur zuletzt nicht gesehen. Deshalb werde ich am Dienstag noch einmal einen gezielten Trainingsreiz setzen. Vielleicht VO₂max. Ein paar Schwellenintervalle. Sweetspot wäre auch wichtig. Grundlage fehlt eigentlich ebenfalls noch ein bisschen.
Und wenn ich schon unterwegs bin, könnte ich noch eine längere Einheit machen, weil 227 Kilometer am Sonntag bekanntlich leichter werden, wenn man am Dienstag 180 fährt.
Allerdings muss ich tapern. Das sagen alle Experten. Tapering bedeutet, den Trainingsumfang deutlich zu reduzieren, damit der Körper ausgeruht in den Wettkampf geht. Ich werde daher dazwischen 45 Minuten locker fahren. Mit drei kurzen Aktivierungen. Und vielleicht einem Segment. Nur um zu schauen, wie die Beine sind. Wenn die Beine gut sind, fahre ich das Segment voll. Wenn die Beine schlecht sind, fahre ich es ebenfalls voll, weil ich wissen muss, warum. Danach weiß ich zumindest, wie meine Beine fünf Tage vor dem Ötztaler sind.
Nämlich müde. Perfekt. Der Trainingsreiz sitzt. Jetzt nur noch erholen. Und Form aufbauen.
Mittwoch: Nichts mehr am Fahrrad verändern
Eine der wichtigsten Regeln vor einem großen Rennen lautet: Never change a running system. Deshalb werde ich am Mittwoch nichts mehr an meinem Fahrrad verändern.
Außer vielleicht die Reifen. Die sind zwar völlig in Ordnung, aber ich habe gestern einen Test gelesen, laut dem ein anderer Reifen bei 40 km/h 1,7 Watt weniger Rollwiderstand hat. 1,7 Watt! Auf elf Stunden gerechnet ist das praktisch ein E-Bike. Außerdem könnte ich noch die Kette wachsen. Die Bremsbeläge kontrollieren. Die Schaltung nachjustieren.Die Kassette wechseln. Neue Cleats montieren.Den Sattel zwei Millimeter nach vorne schieben. Und vielleicht brauche ich doch einen anderen Reifendruck. 4,2 bar? 4,3? 4,1 vorne und 4,35 hinten?
Wie warm wird der Asphalt am Brenner? Welchen Einfluss haben 2.000 Höhenmeter auf den Innendruck? Und muss ich bei der Berechnung bereits jene vier Kilo berücksichtigen, die ich bis Sonntag abgenommen haben werde?
Fragen, die man sechs Tage vor dem wichtigsten Rennen des Jahres unbedingt beantworten sollte. Wer sechs Monate zu wenig trainiert hat, kann in der letzten Woche zumindest noch sehr präzise Luft einfüllen.
Mittwochabend: Noch schnell 38 Gramm sparen
Wenn das Fahrrad schon auf dem Montageständer steht, kann ich auch gleich das Gewicht optimieren. Etwas Lenkerband weg. Überflüssig. Noch Leichtere Schläuche. Aero-Socken. Vielleicht noch leichtere Flaschenhalter. 38 Gramm sollten drin sein. Das macht am Timmelsjoch einen Unterschied.
Danach teste ich in meine Trikottaschen:Zwölf Gels, sechs Riegel, zwei Flaschen, Regenjacke, Weste, Armlinge, Beinlinge, lange Handschuhe, kurze Handschuhe, Überschuhe, Werkzeug, Ersatzschlauch, CO₂-Kartusche, Minipumpe, Handy und Powerbank.
Ich starte ja nicht zur Gaudi.
Donnerstag: Jetzt wirklich tapern
Donnerstag wird nichts mehr gemacht. Gar nichts. Absolute Ruhe. Ich muss dem Körper vertrauen. Das Problem ist nur: Der untätige Körper fühlt sich komisch an. Er kommuniziert stelbständig mit dem Gehirn. Die zwei reden wirres Zeugs. Streiten. Bis einer nachgibt und ich doch noch auf den Rettenbachgletscher hinauffahre.
Donnerstagabend: Carboloading
Jetzt kommt der wissenschaftliche Teil. Carboloading. Nachdem ich Montag, Dienstag und Mittwoch versucht habe, vier Kilo abzunehmen, muss ich nun möglichst schnell möglichst viele Kohlenhydrate in denselben Körper bekommen. Die Empfehlungen sind eindeutig. Irgendwas zwischen sehr viel und völlig absurd viel.
Ich rechne kurz nach und komme zu dem Ergebnis, dass ich bis Samstag ungefähr die Jahresproduktion einer mittelgroßen italienischen Nudelfabrik essen sollte.
Kein Problem. Nudeln. Reis. Brot. Haferflocken. Reiswaffeln. Saft. Noch mehr Nudeln.
Am Freitagmorgen stehe ich auf die Waage. Plus 2,3 Kilo. Panik. Google: „Carboloading Gewichtszunahme Wasser normal?“ Google sagt: normal. Ich glaube Google nicht.
Ich habe schließlich noch zwei Tage, um vier Kilo abzunehmen.
Freitag: Wetter
Am Freitag beginnt die wichtigste Phase der Rennvorbereitung. Die Wetterbeobachtung. Ich schaue Wetter Sölden. Dann Kühtai. Innsbruck. Brenner. Sterzing. Jaufenpass. St. Leonhard. Timmelsjoch. Bergfex sagt Regen. Windy sagt trocken. Apple sagt Sonne.Yr sagt Gewitter. Eine andere App sagt Schnee auf 2.500 Metern.
Das ist unseriös. Also lösche ich sie. Zehn Minuten später installiere ich sie wieder, weil Bergfex inzwischen noch schlechter geworden ist. Das Ziel professioneller Wetteranalyse vor dem Ötztaler besteht nicht darin herauszufinden, wie das Wetter wird. Das Ziel besteht darin, so lange verschiedene Wettermodelle aufzurufen, bis eines davon das Wetter vorhersagt, das man gerne hätte.
Dieses Modell wird anschließend zum „zuverlässigsten“ erklärt. Bis zum nächsten Update.
Freitagmittag: Die Übersetzung
Jetzt fällt mir auf, dass ich möglicherweise die falsche Übersetzung fahre. Das ist interessant, weil ich mit dieser Übersetzung seit Monaten trainiere. Aber das Timmelsjoch ist am Renntag immer steiler als die restlichen Tage im Jahr.
Ich recherchiere. Ein Forum sagt: 34/30 reicht locker. Ein anderer schreibt: Unter 34/34 würde er niemals starten. Ein Dritter fährt 36/28. Er wiegt allerdings 59 Kilo und hat 5,2 Watt pro Kilo. Arschloch. Ich bestelle vorsichtshalber eine neue Kassette. Express. Lieferung Samstag. Ins Hotel. Never change a running system.
Freitagnachmittag: Konkurrenzanalyse
Zeit für Strava. Nur kurz. Ich möchte lediglich sehen, was die anderen so gemacht haben. Herbert aus Rosenheim ist letzten Sonntag 210 Kilometer mit 4.000 Höhenmetern gefahren. Interessant. Thomas ist am Dienstag noch fünfmal einen Berg hochgefahren. Interessant. Markus schreibt „Easy Spin“ und hat dabei 287 Watt normalisiert. Sehr interessant.
Ich beginne zu rechnen. Wenn Herbert am Sonntag 210 Kilometer gefahren ist, müsste er eigentlich müde sein. Vielleicht war das aber sein letzter großer Trainingsreiz. Vielleicht ist er in Überform. Vielleicht fährt Herbert 9:20. Wer ist Herbert überhaupt? Keine Ahnung. Aber ich hasse ihn. Ich kontrolliere seine Aktivitäten der letzten sechs Wochen. Nur zur Beruhigung.
Freitagabend: Zielzeit berechnen
Meine bisherige Zielzeit war: ankommen. Das ist mir inzwischen zu unpräzise. Also Excel. Best Case: 9:29. Realistisch: 9:47. Mit guter Gruppe am Brenner: 9:38. Mit Gegenwind: 9:56. Wenn ich vier Kilo abnehme: 9:21. Wenn ich die 1,7 Watt schnelleren Reifen montiere: vermutlich 9:19. Mit Aero-Socken möglicherweise 9:18. Wenn Herbert aus Rosenheim am Brenner vor mir fährt und ich mich in seinen Windschatten hänge: 9:14.
Das wird langsam realistisch. Am Sonntag werde ich diese Kalkulation ungefähr nach 180 Kilometern durch eine neue ersetzen.
Sie lautet: Bitte einfach nur Sölden.
Samstag: Ernährung perfektionieren
Die Verpflegung für Sonntag muss geplant werden. 100 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. Bei ungefähr zehn Stunden sind das 1.000 Gramm Kohlenhydrate. Bei elf Stunden 1.100. Falls es zwölf werden, möchte ich darüber jetzt nicht nachdenken. Ich lege Gels und Riegel auf den Tisch. Es sieht aus, als würde ich einen kleinen Tankstellenshop eröffnen.
Ich beschrifte alles. Stunde 1. Stunde 2. Kühtai. Brenner. Jaufen. Timmelsjoch. Notfallgel. Notfall-Notfallgel. Dann entdecke ich ein neues Supergel mit 60 Gramm Kohlenhydraten. Eigentlich soll man vor einem Wettkampf nichts Neues ausprobieren. Deshalb probiere ich es sicherheitshalber Samstagabend.
Das zählt nicht als Renntag. Wissenschaftlich sauber.
Samstagnachmittag: Packen
Die Wetterprognose hat sich geändert. Natürlich. Jetzt brauche ich möglicherweise: Regenjacke. Gabba. Weste. Armlinge. Beinlinge. Überschuhe. Dünne Handschuhe. Dicke Handschuhe. Buff. Vielleicht eine zweite Weste.
Die Herausforderung beim Ötztaler besteht darin, Bekleidung für Hitzschlag und Erfrierung gleichzeitig mitzunehmen und trotzdem über das Gewicht des Fahrrads zu diskutieren.
Ich lege alles aufs Bett. Meine Freunding fragt, ob ich ausziehe. Ich sage: „Ötztaler.“ Sie nickt. Nach 12 Jahren stellt man keine weitren Fragen mehr.
Samstagabend: Entspannen
Jetzt ist alles erledigt. Ich muss nur noch entspannen. Handy weg. Keine Wetter-App. Kein Strava. Keine Foren. Keine Ötztaler-Berichte. Mental zur Ruhe kommen. 21:03 Uhr: Wetter. 21:17 Uhr: Strava. 21:31 Uhr: Wetter. 21:46 Uhr: WhatsApp-Gruppe. 22:04 Uhr: Wetter Timmelsjoch. 22:19 Uhr: „Ötztaler Radmarathon Timmelsjoch Schnee Erfahrungen“. 22:43 Uhr: Herbert aus Rosenheim hat nichts hochgeladen.´Verdächtig.
23:12 Uhr: Ruhepuls kontrollieren. 23:48 Uhr: Noch einmal Wetter. 00:23 Uhr: Überlegen, ob 4,3 bar wirklich richtig sind. 01:07 Uhr: Googeln, ob Schlafmangel vor Ausdauerwettkampf Leistung reduziert. 01:42 Uhr: Beschließen, jetzt wirklich zu schlafen. 01:43 Uhr: Harndrang. 02:11 Uhr: Timmelsjoch. Irgendwann schlafe ich ein. Vermutlich beim Carboloading.
Sonntag, 6:30 Uhr
Start. Und plötzlich ist alles egal. Das Gewicht. FTP. Der Reifendruck. Die Wetter-App. Die 1,7 Watt. Die Aero-Socken. Die Kassette. Die Kohlenhydrate. Herbert aus Rosenheim.
Vor mir liegen Kühtai, Brenner, Jaufen und Timmelsjoch. Hinter mir liegen sechs Tage perfekter Vorbereitung. Also: vier Kilo abnehmen. Form aufbauen. Gleichzeitig tapern. Kohlenhydrate vermeiden. Kohlenhydrate maximieren. Nichts am Fahrrad verändern. Das halbe Fahrrad verändern. Gewicht sparen. Drei Kilo Zeug einpacken. Keine Menschen treffen. Mit tausenden Menschen starten. Nichts Neues ausprobieren. Neue Reifen, neue Kassette und neue Gels ausprobieren. Nicht aufs Wetter schauen. Alle sieben Minuten aufs Wetter schauen. Nicht an die Zielzeit denken. Eine Excel-Tabelle für die Zielzeit bauen.
Entspannen. Panik.
Im Grunde exakt das, was man in der letzten Woche vor dem Ötztaler machen sollte. Denn eines muss man mir zugutehalten: Ich bin kein Anfänger mehr. Ich weiß inzwischen ganz genau, was ich tue. Zumindest sollte ich das.
Wer zum 21. Mal fährt und sechs Tage vorher noch vier Kilo abnehmen und seine Form aufbauen will, betreibt keine Rennvorbereitung mehr. Das ist längst schon Tradition.
