Rennradguide Ausbildung: Vier neue zertifizierte Rennradguides in Bad Gleichenberg

Rennradguide Ausbildung

Manchmal gibt es Tage, an denen sich viele Stunden Vorbereitung, Training und Engagement in einem einzigen Moment bündeln. Für mich als Ausbildungsleiter der Rennradguide Ausbildung von Bikeguide Austria war der 28. Februar 2026 genau so ein Tag.

Bei frühlingshaften 14 Grad und strahlendem Sonnenschein trafen wir uns im Gasthof Scheer in Bad Gleichenberg, um die Abschlussprüfung unserer aktuellen Rennradguide-Ausbildung durchzuführen. Vier Teilnehmer:innen – zwei Frauen und zwei Männer – stellten sich an diesem Tag der Herausforderung. Am Ende durfte ich ihnen zur erfolgreichen Prüfung gratulieren und sie offiziell in die Community der zertifizierten Bikeguide Austria Rennradguides aufnehmen.

 

Die Rennradguide Ausbildung: Mehr als nur Radfahren

Viele denken beim Begriff Rennradguide zuerst an jemanden, der eine Gruppe über schöne Straßen führt. In Wirklichkeit steckt deutlich mehr dahinter.

Genau deshalb ist mir in der Ausbildung eines besonders wichtig: Ein guter Rennradguide muss nicht nur sportlich sein, sondern auch Verantwortung übernehmen können.

Bevor unsere Teilnehmer:innen überhaupt zur Abschlussprüfung antreten, absolvieren sie:

  • fünf intensive Ausbildungstage
  • mindestens 20 Stunden Praxis
  • zahlreiche Übungen in Tourplanung, Gruppenführung und Sicherheit

Denn wer eine Gruppe auf dem Rennrad führt, trägt Verantwortung – für Sicherheit, für Organisation und auch für das Erlebnis der Teilnehmer. 

Die Abschlussprüfung: Theorie trifft Praxis

Die Abschlussprüfung ist bewusst praxisnah aufgebaut. Als Prüfer möchte sehen, wie die angehenden Guides in realen Situationen handeln.

Während der Prüfung müssen sie ihr Können in mehreren Bereichen zeigen:

  • sichere und dynamische Gruppenführung
  • Tourplanung und Navigation
  • Fahrtechnik und methodische Vermittlung
  • Bikecheck und Pannenhilfe
  • rechtliche Grundlagen
  • Notfallmanagement und Erste Hilfe
  • Wetterkunde und Trainingslehre

Das Ziel ist klar: Am Ende der Ausbildung sollen die Guides nicht nur eine Gruppe begleiten können, sondern ein echtes Gesamterlebnis für Rennradfahrer:innen schaffen.

Rennradguides als Botschafter des Radsports

In den letzten Jahren hat sich Rennradfahren stark entwickelt – auch im Tourismus.

Österreich bietet dafür perfekte Voraussetzungen: von sanften Hügellandschaften bis hin zu alpinen Passstraßen. Gleichzeitig wächst das Interesse an geführten Rennradtouren.

Hier kommen professionell ausgebildete Rennradguides ins Spiel. Sie sorgen nicht nur für Sicherheit auf der Straße, sondern vermitteln auch Wissen über Technik, Training und Region.

Ein guter Guide ist deshalb immer auch:

  • Motivator:in
  • Organisator:in
  • Sicherheitsexpert:in
  • technische:r Ansprechpartner:in
  • Wetterfrosch
  • Botschafter:in des Rennradsports und der Region in der er und sie sich herumtreibt
Rennradguide Ausbildung - Nebeneinander fahren

Vier neue zertifizierte Rennradguides

Am Ende des Prüfungstages durfte ich vier engagierten Absolvent:innen zur bestandenen Prüfung gratulieren.

Sie dürfen sich ab sofort offiziell „Zertifizierte Bikeguide Austria Rennradguides“ nennen – ein Titel, der für Qualität, Sicherheit und Leidenschaft im Rennradsport steht. 

Für mich persönlich sind diese Momente immer etwas Besonderes. Hinter jeder bestandenen Prüfung stehen viele Stunden Vorbereitung, Training und persönliches Engagement.

Herzliche Gratulation an die neuen Rennradguides!

Cristian 
aka @ktrchts

Nächste Rennradguide Ausbildung

Die nächste Ausbildung zum Bikeguide Austria Rennradguide findet vom 28. April bis 2. Mai 2026 in Wieselburg statt.

Wer Rennradfahren nicht nur als Hobby sieht, sondern seine Leidenschaft weitergeben möchte, findet hier eine fundierte Ausbildung mit Praxisbezug und professionellen Standards.

 

Der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short

Der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short

Einmal im Jahr gibt es ihn. Diesen einen Tag. Unmittelbar nach dem Winter. Das Thermometer zeigt 12 Grad Außentemperatur. Die Sonne steht plötzlich höher. Der Asphalt riecht nicht mehr nach Streusalz, sondern nach Heldentum. Das Quecksilber steigt nach oben. Die Apps lügen sich zu Superlativen. Als wäre der Sommer von einem Tag auf den anderen eingezogen. Stattdessen ist es eine einfache Temperaturerwärmung. Kein Minus. Ein leichtes Plus. Eines, das noch keinen Frühling macht. In Worten gemessen: zwölf. Nicht 18. Nicht 22. Zwölf. Es ist der Tag, an dem der Mythos vom harten Hund in kurzer Bib Short geboren wird.

Der Mythos vom harten Hund

Wir kennen sie alle. Die Kurz/Kurz-Fahrer bei 12 Grad. Oder weniger. Sie rollen mit nackten Knien durch die noch kalte Luft, die Adern leicht violett, aber der Blick sagt: „Ich spüre nichts.“ Was sie wirklich spüren, ist der Triumph über den Winter.

Es muss sich für sie großartig anfühlen. Die Sonne auf der Haut. Kein Stoff zwischen ihnen und der neuen Saison. Sie saugen die Blicke der immer noch dick eingepackten auf, als wären es Medaillen und Pokale. Der erste Cappuccino wird natürlich auch gleich draußen genossen. Es ist die erste Runde ohne Winterschuhe, ohne Handschuhe und auch gleich mit kurzer Bib Short. Sinnlos und gleichzeitig Sinnbild einer Community, die das Strahlen nach außen stets bedachter managt als alles andere rundherum.

Doch aufgepasst. Heldentum beginnt im Kopf – und kann schnell im Wartezimmer enden.

12 Grad sind keine 20

Physiologisch ist die Sache ziemlich unspektakulär: Bei 12 Grad Außentemperatur erwärmt sich die Muskulatur nicht nur langsamer auf (wenn überhaupt), sie kühlt auch bedeutend schneller ab. Besonders dann, wenn Fahrtwind ins Spiel kommt. Bei 28 km/h fühlt sich das eher nach 6–8 Grad an. Und wirkt auch entsprechend.

Und kalte Muskulatur bedeutet:

  • geringere Elastizität
  • verzögerte Kraftentfaltung
  • höhere Verletzungsanfälligkeit
  • mehr Mikrotraumata

Unsere Sehnen lieben Wärme. Die Gelenke auch. Und die der Kälte ausgesetzten Knie haben einige davon. Sehnen, Gelenke und Muskeln rundherum. Wer nach Monaten im Rollentrainer-Modus mit nackten Beinen in die Frühlingsluft sticht, fordert den Körper gleich doppelt heraus: physischer und thermischer Stress. Das Ergebnis? Zerrung statt Zielsprint. Und schnell kann so mancher Traum zum Rheuma werden. Ich spreche aus der Erfahrung eines Freundes.

Die unsichtbaren Risiken unnötiger Heldentaten

Es geht nicht nur um Muskeln. Kniegelenke reagieren empfindlich auf dauerhafte Unterkühlung. Entzündliche Reaktionen werden begünstigt. Atemwege danken dir kalte Luft bei hoher Ventilation ebenfalls nicht sofort. Und wer nach der Tour verschwitzt noch 20 Minuten im Café sitzt, trainiert nicht nur die Saison – sondern möglicherweise eine Erkältung.

Natürlich stirbt niemand an 12 Grad. Aber die Rechnung kommt leise. Nicht gleich. Aber mit Sicherheit später. Anfangs überwiegt noch die Freude über jeden einzelnen Like der Instagram Story.

Warum es viele trotzdem tun

Weil es ein Symbol ist. Kurz/Kurz ist der Startschuss. Es ist das öffentliche Ende des Winters. Eine persönliche Pressemitteilung. Es ist die visuelle Erklärung: „Ich bin bereit.“ Das sichtbare Ende der Rollentrainer-Depression. Die Rückkehr der Waden in die Öffentlichkeit. Die offizielle Wiedereröffnung der Knie im Freien. Und seien wir ehrlich: Nichts fühlt sich mehr nach Neubeginn an als nackte Knie in der Märzsonne. Aber zwischen Mut und Mummenschanz liegt nur ein Beinling. Und manchmal trennt genau dieses Stück Lycra Saisonaufbau von
Selbstdarstellung.

Das ist fast schon spirituell.

Heldentum neu definieren

Der wahre Held trägt bei 12 Grad stylische zur Bib Short passende Beinlinge. Ob die Radsocken darunter liegen oder darüber zur Schau gestellt werden, ist ein anderes, mindestens so heißt diskutiertes Thema. Heldentum heißt nicht frieren. Es heißt klug dosieren. Die Profis fahren bei Trainingslagern übrigens auch nicht aus Trotz kurz/kurz. Sie fahren so, dass sie morgen wieder trainieren können.

Wenn wir schon in unserer Bubble alles kopieren, was sie so machen. Dann bitte auch ihre Sorge um den eigenen Körper. Speziell am Anfang der Freiluftsaison. Jede und jeder wie sie und er will. Das steht außer Diskussion. Aber es muss nicht immer cool sein.

Mein persönliches Geständnis

Unter 20 Grad Beinlinge. Passend zur Bib Short. Also bei mir schwarz. Socken einmal darüber und dann auch wieder darunter. Da bin ich nicht so streng. Erst wenn sich der zwanziger für ein paar Tage behaupten kann, dann bekommen die Knie Sonnen- und Luftkontakt. Die Arme folgen etwas später. Saisonaufbau ist kein Western. Niemand verteilt Kudos für unterkühlte Patellasehne, blau angelaufene Oberschenkel und stolzes Grinsen. Auch nicht für steife Knie. Der Frühling kommt auch ohne Opfergabe.

Fazit

12 Grad sind ein Zeichen. Sie sind Hoffnung. Aber lange noch kein Sommer. Kurz/Kurz am ersten milden Tag ist weniger Heldenmut als Ritual. Und Rituale darf man genießen – solange sie nicht auf Kosten der Gesundheit gehen.

Ausfahren, Sonne spüren – mit Bedacht und Beinlingen. Denn wahre Stärke zeigt sich nicht im Frieren – sondern im Wiederkommen.

Cristian Gemmato
aka #ktrchts

PS: Mehr dazu auch hier

Gefährliches Vergnügen. Eisradeln am Neusiedlersee

Eisradeln am Neusiedlersee

Teil 1: Es ist ein seltenes Ereignis. Eisradeln am Neusiedlersee. Zuletzt 2017, 2024 und eben gerade (abgesehen von ein paar sehr kurzen, wenn auch hauchdünnen Versuchen die Jahre dazwischen). Der Neusiedlersee ist zugefroren. So, dass das weitläufige Betreten auf eigene Gefahr möglich ist. Das muss an dieser Stelle festgehalten werden. Es besteht immer die Gefahr, einzubrechen. Was EisläuferInnen, EisseglerInnen (klassisch oder neumodern, mit Wing) und manchmal auch Radfahrer nicht davon abhält, ihr persönliches Abenteuer zu wagen. Eisradeln am Neusiedlersee ist ein rar gewordenes Phänomen, umso prickelnder das Gefühl, mit dem Rad über das Eis zu fegen.

Das Eis oder das Wasser? Einer von beiden ist der Chef

Als ich gestern am See war und allein auf weiter Flur dastand, hatte ich ganz ehrlich gesagt Schiss. Was brauche ich in meinem Alter ein kaltes Seebad samt Rad! So stand ich am Ufer und starrte in die Ferne. Irgendwas hielt mich davon ab, das Eis zu befahren. Minutenlang. Dann aber doch. Vorsichtig rollte ich am Ufer über das Eis direkt in den See. Dieses Jahr war das Eis nicht wirklich glatt. Unterschiedliche Farben und Formen, Risse und auch Eisschollen an der Oberfläche ließen mich Vorsicht walten. Mitten in der Ruster Bucht parkte zudem ein Spezialgerät zur Absaugung des Schlammes. Dieses hatte wohl in Eisbrecher-Manier eine breite Schneise gezogen. Nicht gut für’s Auge. Es war nicht zu erkennen, ob hier Eis oder Wasser Vorrang hatte. Um es herauszufinden, wagte ich mich ins Ungewisse. Fein dokumentiert mit Drohnenaufnahmen. DJI Neo – die erste Generation.

Es gibt Momente im Leben, da kann man mit allen Sinnen gleichzeitig (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Gleichgewicht, Bewegung, Wärme, Tiefe, Gedanken) Dinge wahrnehmen. Am Eis durchlebte ich so einen Moment. Es war, als hätte ich tausend Fühler ausgestreckt, um ja nicht den Moment eines möglichen Einbruchs zu verpassen. Einbrauch, auf den ich auch nicht vorbereitet gewesen wären.

Ein Rad, ein See, ein weiter Himmel. Und hoffentlich dickes Eis

Ich hatte Schiss. Das steht klar. Erst als zwei Eisläufer ebenfalls mit Mut verpackt die Eisfläche betraten und um mich Pirouetten drehten, wuchs langsam das Vertrauen in mein Schicksal-Schutzschild. Meine Bewegungen wurden schneller, mein Denken befreiter und meine Wege länger. Das war jetzt schon nahe am Eisradeln am Neusiedlersee, so wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte.

Das Eis glänzte weiter draußen in der Bucht und spiegelte die Sonne wider, als hätte der See selbst ein Licht verschluckt und nun in tausend Facetten zurückgegeben. Meine Spikes griffen zuverlässig bei jedem Tritt, schnitten leise durch die Stille und hielten mich auf Kurs – ein leiser Tanz aus Kraft und Balance. Vor mir lag die Weite, die fast ein bisschen nach Ewigkeit schmeckte, hinter mir die Spur: ein zarter Abdruck eines Moments, eingefroren im Jetzt, vergänglich wie jeder Atemhauch im Winterlicht.

Hier draußen, zwischen Himmel und Eis, wo die Geräusche leiser werden und das Denken langsamer, spürt man plötzlich, wie viel Platz in einem selbst ist. Und wie wenig es manchmal braucht: ein Rad, ein See, ein weiter Himmel. Und hoffentlich dickes Eis. Das ist kein Abenteuer mit lautem Tamtam – das ist ein stilles Staunen. Ein tiefes Einatmen. Das ist das Winterwunder Burgenland. Wie damals 2024. Ich mittendrin, statt nur daheim. 

Nachahmung auf eigene Gefahr

Zuerst ängstlich und am Ende übermütig. Bis es rund um mich verdächtig krachte, krachte, knisterte und knirschte. Auch dieses sonderbare „Piuhhh-Geräusch“ stoppte mich abrupt.

Ich sag’s noch einmal – laut und deutlich: Das Betreten und Befahren des mit Eis bedeckten Neusiedlersees geschieht auf eigene Gefahr. Immer. Der See wird niemals offiziell freigegeben. Punkt. Auch wenn Burgenland Tourismus fürs Wochenende extra das Gastro-Angebot rund um den See aufmöbeln will – vermutlich in der Hoffnung, dass auch eingebrochene Gäste noch Hunger auf burgenländische Schmankerln haben. ((Ironie off. Wirklich.))

Laut Prognose gibt es am Samstag (10.01.26) leichte Plusgrade, bevor ab Sonntag knackige Kälte die pannonische Tiefebene erneut bescuhen wird. Der Schneefall heute? Eher Deko als hilfreich – das Eis wird dadurch nicht besser. Aber am Sonntag rechne ich mit mehr Mutigen. Ob darunter auch Radfahrer:innen sein werden? Keine Ahnung. Ich fahre auf jeden Fall noch einmal – zum Eis. Und übers Eis.

Passt auf euch auf da draußen. Kein Selfie ist es wert, beim Eisradeln am Neusiedlersee im See zu verschwinden.

 

Update: Eistag Nummer 2 am Neusiedlersee

Ich habe Lunte gerochen. Und ich gebe es gerne zu. Zugefroren habe sogar ich Gefallen am Neusiedlersee. Darin zu baden, steht weit unten auf meiner Bucket-List. Dafür ganz weit oben, das Befahren mit dem Rad. Sofern und sobald der See zugefroren ist. Es lag also auf der Hand, dass ich nochmals hinmusste. Diesmal war ich nicht allein. Als Radfahrer sehr wohl. Aber es waren Hunderte, wenn nicht noch mehr. Alle wollten Eislaufen. Wie damals. Mittendrin, statt nur daheim? Ganz genau.

Und es war genial. So lange unterwegs und so weit hinaus bin ich über den See noch nie gefahren. Vom Ufer weg – hinaus in die Ewigkeit. Ohne Horizont, ohne Ziel und ohne Furcht. Nicht ganz. Meine Gefühle schwankten zwischen Unsterblichkeit und Vergänglichkeit. Ich versuchte, negative Gedanken zu verdrängen. Bei jedem Geräusch aber, poppten sie wieder auf. Oft waren es nur die Laschen meines Rucksacks, manchmal aber auch die Drohrufe der Eisdecke.

Zwischen wollen und müssen liegt die Sucht nach Besonderem

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Eis gibt es am Neusiedlersee seltener denn ja. Vermeintlich dickes, wie jetzt, noch weniger. Ein großes Abenteuer würde ich gerne noch erleben. Eine Überquerung des Sees. Nicht mit der Fähre, sondern miit dem Rad. Gestern habe ich es versucht. Von Mörbisch nach Illmitz. Eine apere Schneise hat jedoch meinen Weg gekreuzt. Ich war mir nicht sicher. Warum das Risiko? Kommando retour. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Die Prognosen sagen noch zwei Eistage voraus. Was das heißt? Das wird sich zeigen. Ob es sich lohnt. Die Sucht nach Besonderem liegt zwischen wollen und müssen. Vernunft passiert.

Der gestrige Tag am See (auf dem See – über dem Eis) war mit Sicherheit einer meine besten am Rad. So viel Freiheit auf einmal hat man nicht alle Tage. Und dazu noch die Blicke aller, die auf den eigenen Beinen unterwegs waren. Neugier, Kopfschütteln, Zuspruch … von allem etwas. Von nichts genug. Und ich? Ich hab nur gespürt: Mehr braucht’s manchmal nicht.

Winterwunder Burgenland

Wenn das Winterwunder Burgenland nicht nur eine Tourismus-Schlagzeile ist, dann gibt das Eis den Takt vor und dein Kopf schreibt deine eigene Geschichte. Wer hier in die Pedale tritt, tritt ein in eine andere Welt. Kein Verkehr, keine Eile, nur das leise Summen der Kälte und das befreiende Gefühl, Teil eines Wintermärchens zu sein. Echtes Naturkino, ohne Filter – aber mit Gänsehaut.


Passt auf euch auf.
Cristian aka #ktrchts

Mehr Abenteuer am Rennrad gibt es hier. Hoffentlich eisfrei.

Rapha Festive 500 – alle Jahre zwider.

Rapha Festive 500

Die Verlockung ist wieder einmal viel zu groß. Der Zwang auch. Ich lechze süchtig danach. Was sind schon 500 Kilometer in acht Tagen? Wäre da nicht der besondere Zeitrahmen zwischen 24. und 31. Dezember. Mitten im Weihnachtszauber. Die Rapha Festive 500 sind, wie alle Jahre – eine irrationale Sehnsucht, eine sportliche Trotzreaktion auf Besinnlichkeit, ein stählerner Mittelfinger an Lebkuchenlähmung und Feiertagsfieber. Während andere Kerzen anzünden, zünde ich die Oberschenkel an. Während Christbaumkugeln glänzen, glänzt (oder friert) bei mir der Schweiß auf der Stirn. Und während Mariah Carey zum tausendsten Mal die Liebe besingt, flüstert mein Garmin nüchtern: „Noch 317 Kilometer.“

Ja, ich weiß, es ist verrückt. Und ja, ich mach’s wieder. Denn irgendwo zwischen Gans, Geschenkpapier und Graupelschauer wartet sie auf mich: Die eine, große Zahl – 500.

Was oder wer sind die Festive 500?

Die Festive 500 – das ist nicht einfach nur eine Radfahr-Challenge. Das ist ein saisonales Leiden. Eine Art sportlicher Adventskranz mit acht Kerzen aus Schweiß, Frost und innerer Zerrissenheit. 500 Kilometer. Acht Tage. Zwischen Heiligabend und Silvester. Während andere sich durch Raclette-Pfännchen und Plätzchendosen arbeiten, treten wir uns durch Wind, Wetter und Weihnachtsverwandtschaft. Egal ob draußen im Schneeregen oder drinnen auf der Rolle mit Netflix im Hintergrund – Hauptsache, die Kilometer zählen. Und sie zählen. Immer.

Die Idee stammt aus dem Hause Rapha, anno 2010 – als ein gewisser Graeme Raeburn beschloss, zwischen Truthahn und Feuerwerk mal eben 500 Kilometer zu fahren. Warum? Weil vernünftig offensichtlich keine Kategorie in seinem Trainingstagebuch war. Was damals als persönliche Spinnerei begann, wurde zum viralen Schneeball – mittlerweile kugeln sich zehntausende Radsüchtige jedes Jahr in die Festive-Hölle.

Eine Challenge, so sinnlos wie sinnvoll

Ein Wahnsinn, der zusammenschweißt. Ein Geschenk an uns selbst – nur halt mit brennenden Oberschenkeln statt Schleife drum. Denn wer die Festive 500 fährt, verschenkt nicht nur seine Zeit, sondern gewinnt: Geschichten. Erfrierungen. Unverständnis. Und dieses eine, magische Insta-Posting am 31. Dezember, der sagt: Geschafft.

Es ist die sinnloseste, aber gleichzeitig die sinnvollste Challenge des Jahres. Ohne Festive 500 wären die Weihnachtsfeiertage anders. Stressfrei. Familiär. Besinnlich? Unvorstellbar. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das je einmal gewesen sein konnte. Ich habe zu Hause mehr Festive-Abzeichen als Christbaumkugeln. Und jedes einzelne erzählt eine Geschichte – von klammen Fingern, gefrorenen Trinkflaschen und Runden, bei denen der einzige Lichtblick der Rückweg war.

Ohne die Festive 500 wäre Weihnachten für mich nur halb so festlich – und doppelt so faul. Während andere in der Couch versinken, suche ich nach der regenfreien Stunde. Während das Festmahl dampft, dampfe ich noch auf der Rolle. Und wenn am Abend alle satt und selig sind, zähle ich nicht Kalorien, sondern Kilometer.

Tausche Gemütlichkeit gegen Grenzerfahrung

Es ist ein Tauschgeschäft: Gemütlichkeit gegen Grenzerfahrung. Vanillekipferl gegen Wattwerte. Und obwohl ich jedes Jahr schwöre, es diesmal wirklich nicht wieder zu tun, sitze ich doch wieder im Sattel – am 24. Dezember, zwischen Geschenkechaos und Gänsebraten. Mit einem Ziel vor Augen: Fünfhundert. Denn irgendwo zwischen Wahnsinn und Willenskraft liegt diese Challenge – und sie macht mich jedes Jahr ein kleines Stück stolzer, verrückter und irgendwie … weihnachtlicher.

Ich brauch’s. Wie der Fisch das Wasser, wie der Garmin das GPS-Signal, wie Swifties ihr nächstes Album, wie Influencerinnen den nächsten Sonnenuntergang. Ohne würde ich vergammeln. Platzen. Aus den Nähten. Wie könnte ich sonst meine Schwäche für Panettone kompensieren? So ein Ding hat 450 Kalorien pro 100 g. Das sind bei einem Kilo – und mal ehrlich, wer hört vorher auf? – satte 4.500 Kalorien. Also locker 100 Kilometer. Mindestens.

Soll ich deswegen verzichten? Auf Genuss, auf Tradition, auf das fluffige Glück mit Pistanziencreme und kandierten Früchten? Und stattdessen Karotten knabbern wie ein schlecht gelaunter Zwergkaninchen-Triathlet? Sicher nicht.

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Festive statt Fettstive

Die Festive 500 sind meine ganz persönliche Essgewohnheit. Ich radle mir mein Recht auf Panettone. Ich trete und leide für mein Stück Dolce-Vita-Weihnachten. Jede Ausfahrt ist ein Biss, jede Abfahrt ein Nachschlag. Und am Ende, wenn der Tacho 500 anzeigt, ist noch genug Platz für Tiramisu. Denn was bringt der Kalorienverbrauch, wenn man ihn nicht mit Stil veredelt? Also.

Wetter? Egal. Standort? Egal.

Im Warmen kann jeder rollen. Die wahre Kunst liegt im Zwiebelprinzip, im Eiskrümel unterm Helm und in der Erkenntnis, dass ein nasser Popo kein Weltuntergang ist. Es sei denn, die Weichteile frieren ein – dann wird’s kritisch.

Täglich. Ohne Ausnahme.

Der innere Schweinehund hat Sendepause. Wer zu spät startet, der rollt Silvester mit Stresspuls und Stirnlampe durch die Nachbarsiedlung. Also lieber die Strategie: Was man hat, das hat man. Oder auch: Lieber nass und stolz als trocken und schuldig.

Verwandtenbesuche reduzieren – oder gleich aufs Rad verlegen.

„Schön, euch zu sehen, aber ich muss jetzt noch schnell 62,5 Kilometer fahren.“ Klingt unsozial? Klingt nach Festive-500-Ethos.

Wetterberichte sind die neuen Horoskope.

Wer die Zeichen deuten kann, weiß: Zwischen Schneeregen und Sturm gibt’s ein magisches Fenster von 48 Minuten. Raus! Jetzt!

Nicht aufschieben. Nie.

Jeden Tag 62,5 Kilometer klingt harmlos – solange du an Tag 4 merkst, dass du erst bei 113 bist. Spoiler: Da hilft dann auch kein Indoor-Marathon mehr.

Pflicht vor Kür.

Zuerst das Soll – dann die Soul-Rides. Zuerst die harten Kilometer – dann die Genugtuung . So wird aus einer verrückten Challenge ein verdienter Triumph. Und wenn’s läuft wie geplant, gibt’s am 31. sogar noch Luft für die Ehrenrunde. Mit Wunderkerzen im Trikot.

Rapha Festive 500

Frohe Festive 500

Und damit: Viel Glück, starke Beine – und einen lockeren Blick aufs große Ganze. Denn am Ende zählt nicht nur, was du fährst, sondern dass du fährst. Und ein bisschen Wahnsinn gehört eben dazu.

Cristian aka ktrchts

PS: Lust auf 400 Kilomter an einem Tag? Pannonia 400 am 13.6.2026



20 Mal Ötztaler Radmarathon. Der Jubiläumsrückblick

20 Mal Ötztaler Radmarathon

Solide gefinished. Ja, das ist die Kurzfassung für all jene, die Blogbeiträge lesen, wie Espresso trinken: schnell. Ganz schnell. Und im Stehen. Wer aber wie ich 20 Mal beim Ötzi – diesem launischen Alpenungeheuer mit dem Herz eines sadistischen Bergkobolds – antritt, für den ist ein solides Finish weder Überraschung noch Grund, einen Konfettiregen aus dem Trikot zu schütteln. 20 Mal Ötztaler Radmarathon – an sich wenig spektakulär, aber trotzdem spannend.

Nach zwei Dutzend Teilnahmen wusste ich, wo dieses Biest atmet, wo es schnaubt, und wo es mich mit voller Wucht auf den Boden der Realität schmettern kann. Die vier Pässe? Alte Bekannte. Wie Verwandte, die man nicht besonders mag, aber trotzdem jedes Jahr zu Weihnachten sieht. Die Abfahrten? Routine auf Adrenalinbasis. Und die Flachstücke dazwischen? Meditation mit Puls 170.

20 Mal bin ich an diesem Start gestanden, 17 Mal hat mich Sölden am Ende in die Arme geschlossen – manchmal wie ein Freund, manchmal wie ein Türsteher, der mich widerwillig hereinlässt. 14 Finisher-Trikots vermotten im Keller wie farbenfrohe Kriegsmedaillen. Drei fehlen. Vielleicht stammen sie aus dieser sagenumwobenen Ära, als man noch in Steinach am Brenner starten durfte. Ob es damals überhaupt Finisher-Trikots gab? Keine Ahnung. Die Ergebnislisten haben sich mittlerweile in die digitale Gruft verabschiedet, irgendwo zwischen Windows 95 und AOL-Freistunden-CDs.

Vielleicht habe ich die Trikots verlegt. Das wäre traurig. Vielleicht habe ich mich verzählt. Das wäre peinlich – also scheidet es aus. Ich bleibe dabei: 20 Mal Ötztaler Radmarathon.

Die gute alten Best-Zeiten

Meine Ansprüche sind, bevor ich in Sölden an den Start gehe, von Jahr zu Jahr gleich hoch. Tief in mir drin schlummert immer noch der irrwitzige Gedanke, meine eigenen Bestzeiten zu pulverisieren – jene glorreichen Relikte aus einer Ära, als Schaltwerke noch aus Metall und meine Oberschenkel noch aus Hoffnung bestanden. Und jedes Jahr scheitere ich erneut. An mir selbst. An meiner Überform (zu viel davon), am Gewicht (ebenfalls zu viel davon) und an meiner Rennstrategie (nicht vorhanden, nicht auffindbar, vermutlich nie geboren).

Denn ich – der große Meister der Improvisation, bereite mich traditionell äußerst unstrukturiert vor. Ich war schon immer zu schwer, werde nicht leichter, und liebe es trotzdem, bis St. Leonhard im Sollfenster zu bleiben, nur um danach mehr Verspätung aufzubauen, als die Deutsche Bahn und die ÖBB zusammen an einem verschneiten Mittwochmorgen. Und dann kommt es wieder, mein Endgegner: das Timmelsjoch – ein emotionaler Fleischwolf, der aus Selbstvertrauen feinste Frustrationsspäne drechselt. Egal wann, egal wie: Es ist mein Waterloo. Seit 20 Teilnahmen.

Heuer standen die Sterne jedoch ein kleines bisschen anders. Für den finalen Akt meiner Jubiläumsausgabe griff ich tief in die Trickkiste – und gönnte mir ein übergewichtiges 11–36er Shimano-Ritzel. Das größte, das ich in 20 Teilnahmen je gefahren bin. Bei meinem ersten Ötzi fuhr ich ja noch naiv ein 23er – mit vorne einem 39er Kettenblatt. Dann ging es stetig bergauf: 25, 27, 29, 30, 32, 34 (Campagnolo unter anderem, bevor hier jemand aufschreit). Wechselnde Kettenblätter zwischen 34 und 36, ein mechanischer Selbstfindungsprozess in mehreren Gängen.

Trickkiste, Kapitel 20

Der erste Test mit 36:36 fühlte sich an wie ein heimlicher Notausgang aus dem Leidenskeller. Unschlagbar. Doch, wie immer beim Ötztaler, kam alles anders. Kurz vor der Abfahrt nach Sölden hatte ich meinen My Esel-Holzrahmen beleidigt. Und zwar nachhaltig. Ja, auch Holz hat Grenzen. Und ja, ich habe sie offenbar gefunden, umarmt und überschritten. Mein Esel war zwar noch fahrbar, aber sein Sounddesign erinnerte stark an einen beleidigten Biedermeier-Kleiderschrank. Details erspare ich uns. Ich habe die Geheimakten ohnehin schon an My Esel weitergeleitet – schließlich besteht meine Mission darin, Rennrad-Holzrahmen an ihre Grenzen zu führen. Und darüber hinaus. Mission accomplished.

Am Weg nach Sölden musste ich mir noch einen T-Esel, also ein Ersatz-Rennrad, holen. Nicht exakt mein maßgefertigter Rahmen, aber eine solide Basis, um halbwegs einen optimierten Rennesel zusammen zuschrauben. Ein zu kurzer Vorbau, eine zu kleines, großes Ritzel und zu viele Spacer mussten verlängert, vergrößert und verringert werden. Dazu kam noch die Überraschung einer Kompaktkurbel. Kurzum, meine Vorbereitung auf den Ötztaler Jubiläums-Radmarathon bestand aus Denken, Messen, Schrauben und Testen. Das ganze mehrmals hintereinander. Am Ende fand ich mein Setup. Einer Premiere mit 34-36 stand nichts mehr im Weg. Meine Rechnung mit dem Timmelsjoch? Theoretisch begleichbar. Praktisch? Nun ja.

Null Frequenz + Null Kraft = Null Bock

Denn was sich bei den ersten Testkilometern (viele waren es nicht, denn das Wetter war am Freitag und Samstag vor dem Rennen alles andere als radfreundlich) noch vielversprechend anfühlte, war am Tag des Rennes ein Griff ins Plumsklo. Mir fehlte es einfach an der Technik, die hohe Trittfrequenz am Berg in Vortrieb zu verwandeln. Im Zweikampf, Mann gegen Mann (und gegen Frau) hatte ich nicht nur das Gefühl im Stand zu treten, ich habe im Stand getreten. Ohne einen Millimeter nach vorne zu kommen. Mit hohem Puls und Verzweiflung im Gesicht. Für mich als dieKetterechts eine Schmach, eine Schande. Das Timmelsjoch war wieder einmal mein persönliches Waterloo

Weil ich auch dieses Jahr ab St. Leonhard (dort wo vielen der Rennfilm reißt) wieder einmal nicht in die Gänge gekommen bin. Weder mit dem butterweichen Mini-Gang, noch mit einem etwas härteren. Null Frequenz + Null Kraft = Null Bock. Eine Rechnung so simpel wie brutal. Darüber hinaus war ich überhitzt. Die Hitzefalle hatte wieder einmal zugeschlagen. Man sollte glauben, beim 20. Ötztaler hätte ich das im Griff. Falsch gedacht.

Meine Iso-Suppe im Bidon war zu warm, zu süß, zu nutzlos. Die anderen? Wie machen die das? Eine Frage, die ich seit Jahren stelle. Antworten? Keine. Nur Selbstmitleid und Schweiß.

Rinnsal der Erlösung

Die guten alten Bestzeiten hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon längst über Bord geworfen. Meine Hochrechnungen und Gedankengänge schlurften langsam aber unaufhaltsam in Richtung Sonnenuntergang und darüber hinaus. Aufgequollen, lustlos und innerlich halbgekocht lahmte ich meinen Esel Richtung Schönau. Verloren. Verlassen. Vereinsamt.

Und dann geschah es: Ich sah ein kleines Rinnsal. Ein unscheinbarer Wasserfaden am Straßenrand, der plötzlich zu meinem persönlichen Lourdes wurde. Ich blieb stehen. Erst ein paar Tropfen. Dann pure Hingabe. Kopfdusche, Flaschentaufe, kaltes Quellwasser direkt in die Seele gegossen. Und siehe da: Eine kleine Auferstehung rollte langsam aber sicher an. Die Betriebstemperatur sank, die Motivation stieg – ein Wunder aus Stein und Schmelzwasser. Der Sonnenuntergang rückte wieder in die Ferne, das Timmelsjoch näher. Und irgendwann – gefühlte Tage später – war ich oben. Pflicht erfüllt.

Die Abfahrt nach Sölden? Ein Gedicht. Schnell. Mit Rückenwind schneller. Mit 52er Kettenblatt wäre es vermutlich ein Liebesbrief an die Gravitation geworden. Supertuck und noch einmal Supertuck – ist ja nicht verboten. Erst freier Fall bis zum Gegenanstieg, dann alles raus: Mautstelle, Hochgurgl, Obergurgl, Gurgl … der Rückenwind schob und schob. Zwieselstein, AWZ, und dann Sölden. Die ganze Dorfstraße für mich allein irgendwo heroisch im hinteren Mittelfeld ausgelaufen.

Die letzte Kurve und dann die Ziellinie. Business usual. 20 Mal Ötztaler Radmarathon in the books. 17 Mal gefinished. Keine Blessuren. Kein Ruhm. Kein Heldenepos. Aber eine kleine, sehr kleine Genugtuung. Und der Freude auf das 21. Mal.

Aus den Archiven

20 Mal Ötztaler Radmarathon sind mehr als 20 Geschichten. Emotionen, die ich jedes Jahr in Wort und Bild zusammengefasst habe und von denen ich heute noch zehre. Auch wenn einige Ausgaben allein in meinem Kopf nachwirken. Die Regenschlachten 2003 und 2013, die Juli Edition 2023, die Hitzeschlacht 2015, der Edition mit Schnee am Kühtai vor dem digitalen Zeitalter, der Start in Steinach am Brenner, die Strecke über Axams und Mutters, mein erstes Finish mit dem My Esel Holzrahmen 2022, die vielen Umleitungen wie über den Haiminger Berg (Sattele) oder Sellrain (Götzener Landesstraße) … Was habe ich alles erlebt und nicht erlebt. Die guten alten Bestzeiten (9h20min im Jahr 2011), das Rennrad schieben, die Armreifen als Beweis für das Überqueren der Kontrollpunkte … das waren noch Zeiten.

Der Ötztaler Radmarathon ist und bleibt ein Mythos – ein widerspenstiger, launischer, aber zutiefst faszinierender Mythos. Nach 20 Teilnahmen weiß ich: Man besiegt ihn nie wirklich. Man verhandelt mit ihm. Jedes Jahr neu. Mal gewinnt er, mal lässt er mich gnädig durch. Und trotzdem stehe ich wieder am Start, weil dieser Marathon mehr ist als Höhenmeter und Qual: Er ist ein Spiegel, ein Lehrer, ein unverschämter Motivator. Er zeigt mir, was möglich ist, was unmöglich bleibt – und dass ich offenbar unfähig bin, Vernunft walten zu lassen. 20 Mal Ötztaler heißt 20 Mal Scheitern, Staunen, Fluchen, Wachsen. Und genau deshalb freue ich mich auf die nächsten 20.

Save the date:
30. August 2026. 
Hier geht’s im Jänner zur Anmeldung.

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Burgenland Extrem Tour 2026 – Vorschau, Vorsatz, Vorfreude.

Burgenland Extrem Tour 2026

Wir schreiben den 12. November 2025. Ich sitze am Schreibtisch und tippe vor mich hin. Vom Winter draußen keine Spur. Bis jetzt war es warm. Viel zu warm für die Jahreszeit. Bis zu 20 Grad werden für die nächsten Tage prophezeit. Oben. In Mittellagen und darüber. Leider sitze ich in der Pannonischen Tiefebene. Das bedeutet Nebel und Grau. Business as usual – pannonische Standardgrauheit. Meine Gedanken drehen und drehen sich. Gerade habe ich mich wieder für die Burgenland Extrem Tour 2026 angemeldet. Die Bike 224 Meilen für die Radelnden unter den Extrem-Geher:innen. Mein Wille hat beschlossen, was meine Beine erst am 22. Jänner 2026 umsetzen müssen. Ich fahre wieder. Eine, zwei oder drei Runden um den Neusiedlersee. Mitten im Winter. Warum? Weil Spikes oft besser sind als Vernunft.

Warum ich mir das (wieder) antue

Ich habe mit diesem See eine Daueraffäre. 2017 war’s Grenzerfahrung, 2018 ein Plan ohne Plan B, 2019 die „University of Extrem“, 2024 vom Winde verweht, 2025 ein Eistanz, mit Nässe, Nebel und Puls im Anschlag. Jedes Mal habe ich mir geschworen: „Nie wieder.“ Jedes Mal habe ich gelogen. Wenn die Burgenland Extrem Tour ruft – muss ich abheben und antworten. Mehr als zwei Monate davor bin ich mir jetzt schon sicher. Es wird definitiv das letzte Mal sein. Vor der nächsten Lüge.

Wetterlotterie: Eintritt nur mit Humor

Der Neusiedlersee kennt Sommer wie Winter nur zwei Zustände: windig und sehr windig. Dazu wahlweise Eis, Hochnebel, Luftfeuchtigkeit bei 99 % und Straßen, die ihr Aussehen nach Lust und Laune ändern. Von tiefgefroren zu butterweich schlammig, von eckig und kurvig zu elend lang geradeaus bis hin zu unendlich anstrengend. Es kann regnen, winden, schneien oder graupeln. Der Jänner hat im Burgenland viele Facetten und noch mehr Überraschungen im Gepäck. Einmal zieht es zu, um später wieder aufzuklaren. Dann spiegelt sich für ein paar Minuten die Sonne im Wasser – genau lange genug, um deine romantische Ader zu beflügeln. Während die Sonne hinter dem Schneeberg versinkt und die Nachtkälte dir die Windkante um die Ohren biegt.

Kein Rennen – oder doch?

Offiziell bleibt’s ein Ultracycling-Winter-Abenteuer mit Korridorzeiten (mind. 4 h, max. 6 h pro Runde; Gesamtlimit 18 h), inoffiziell ist es das, wozu es die Teilnehmer:innen machen. Auch ein Wettkampf. Gegen dich selbst, gegen den inneren Schweinehund, deine Erwartungen, deine Hoffnungen, gegen das E-Bike, welches locker und flockig an dir vorbei winkt und gegen jede Menge Mantras, die angeblich gegen Kälte und Erfrieren wirken sollten. Checkpoints wie Mexikópuszta (Spaghetti), Sun Bay Podersdorf (heißes Zuckerwasser – andere nennen es Tee) und Oggau (Gulasch, das Herzen flickt) sind die Fixsterne. Manche stoppen, andere „rollen nur kurz vorbei“. Und irgendwo dazwischen liegt die goldene Ananas. Diese gibt es neben einer Urkunde, der Finisher-Medaille und ein paar Frostbeulen zu holen.

Burgenland Extrem Tour 2026 Taktik: 1, 2 oder 3 Runden?

Eines ist klar. Alle, die sich das antun werden, sind Sieger:innen. 1-Rundensieger:innen, 2-Rundensieger:innen und 3-Rundensieger:innen. Jeder Runde hat ihre Belohnung.

  • Eine Runde (ca. 120 km): Für Herz, Hirn, Heldentat. Warmwerden im Kalten.
  • Zwei Runden (ca. 240 km): Die Entscheidung. Hier trennt sich „vernünftig“ von „verliebt“.
  • Drei Runden (ca. 360 km): Die Königsdisziplin. Kein Applaus, aber Genugtuung schmeckt danach objektiv besser.

Ich plane 2+, also zwei fix und die dritte als „mal sehen, was Kopf und Asphalt sagen“. Ich kenne mich: In der zweiten Runde diskutiert wieder der Mut mit der Vernunft, dann mischt sich der Nebel auch noch ein und am Ende wird irgendeine Ausrede, die Spiele beenden.

Material: Wenn’s rutscht, musst du glänzen

Dabei sein ist alles. Mehrmals dabei gewesen zu sein, alles und noch etwas dazu. Ich sollte mich nach vier offiziellen Teilnahmen ein wenig auskennen. Was ist gelernt habe? Auf das Material kommt es an.

  • Bike: Nur kein Rennrad. Alles andere ist die bessere Alternative. Ideal ein Gravelbike. Das darf am Ende auch ein paar Schrammen haben.
  • Reifen: Spikes auf Reserve, breite Stollenreifen montiert. Rollt schwerer, stürzt leichter – es gibt Prioritäten.
  • Licht: Hell nach vorne, rot und nervös nach hinten. Batterien wie Gummibären – immer zu wenig.
  • Kleidung: Schichten statt Heldenmut. Nichts ist heldenhafter als trockene Handschuhe.
  • Kleine Tricks: Helm-Lüftungsschlitze tapen (Windstopper für Faule), Brille gegen Nebel innen dezent einseifen, Bankett als Rettungslinie denken – falls es wie 2025 Eis regnet.
  • Mindset: „Bleib weich“ – am Lenker, in den Knien, in der Erwartung. Eis mag keine Hektik.

Worst Case – der B10 Eislaufplatz

Ich sehe mich schon wieder zentimetergenau am Randstreifen: jeder Kiesel ein Heiligenschein. Neben mir fällt einer, hinter mir flucht einer, vor mir rutscht einer. Ich atme leise, damit der Puls nicht ausrutscht. Und irgendwo in mir grinst diese Stimme, die sagt: „Du wolltest Drama. Bitte sehr.“ 2017 war Drama, 2018 war Kindergeburtstag und 2023 extrem windig und 2024 eisig und feucht. Dazwischen eine organisationsbedingte Schaffenspause. Die Burgenland Extrem Tour 2026 wird für Biker:innen erneut eine Grenzerfahrung werden. 224 winterliche Meilen ins Ungewisse. Vom Morgengrauen in die Dunkelheit der Nacht.

Gruppe? Ja. Harmonie? Kommt drauf an.

Ich liebe Gruppenfahren, aber im Winter ist es eine Tauschbörse: Du gibst Windschatten, du nimmst Sicherheit. Unnötige Antritte? Nein danke. Wir fahren gleichmäßig, wir reden wenig (der Gesichtsschutz frisst Wörter), wir sparen Körner für den Seewinkel-Gegenwind. Und ja: Manchmal zerreißt es die Gruppe. Das ist nicht böse – das ist Burgenland.

Ernährung: Warmes Wasser hat Kalorien (gefühlt)

Ich nehme mir jedes Jahr vor, regelmäßig zu trinken. Und jedes Jahr beiße ich auf eine gefrorene Trinkflasche. 2026 probiere ich es wieder. Im schlimmsten Fall lutsche ich an meinen Elektrolyten. Essen? Simpel und süß. Striezel mit Butler und Marmelade für die Seele, warmer Tee (Zuckerwasser) für die Illusion, Spaghetti und Gulasch für den Frieden. All das gibt es entlang der Strecke oder im Oggauer Basecamp. Alles andere gibt es im Supermarkt oder an der Tankstelle. Bis zur Sperrstunde. Dann heißt es hungern oder genug eingepackt zu haben. Geheimtipp: Nach der zweiten Runde einfach zur Kaiserschmarrnparty für Läufer und Geher im Oggauer Gemeindeamt vorbeischauen. Zweiter Stock. Aber bitte nicht weitersagen.

Sicherheit & Spielregeln (mein eigenes Manifest)

Ich habe für mich entschieden:

  1. Ich bremse, bevor ich’s brauche.
  2. Ich drehe um, wenn der Kopf „Nein“ sagt.
  3. Ich halte an, wenn jemand liegt.
  4. Ich akzeptiere, dass drei Runden Heldentum, zwei Runden Klugheit und eine Runde Liebe bedeuten.
  5. Ich komme heim.

Kann sich aber auch alles wieder ändern.

Motivation: Für mich. Für dich.

Wenn du überlegst, 2026 einzusteigen: Tu’s. Eine Runde schenkt dir Geschichten. Zwei schenken dir Charakter. Drei schenken dir Demut. Du wirst frieren, fluchen, lachen – manchmal gleichzeitig. Du wirst lernen, wie laut Stille sein kann, wenn nur das Reifenknirschen und dein Atmen um den See ziehen. Und du wirst merken: Winter ist kein Gegner. Winter ist ein Filter. Er lässt nur durch, was wirklich zählt.

Ich freue mich jetzt schon auf die Burgenland Extrem Tour 2026 – und auf das Chaos, das sie bringen wird.

Mein Vorsatz für die Burgenland Extrem Tour 2026

Ich will sauber fahren, ruhig bleiben, mutig entscheiden. Ich will den Sonnenhauch im Spiegel des Sees erwischen – auch wenn er wieder nur drei Minuten dauert. Ich will am Ende dastehen, egal ob nach einer, zwei oder drei Runden, und sagen können: „Es war extrem. Es war meins.“

Wir sehen uns am See. Bring’ warme Handschuhe mit – und deinen Humor. Der ist bei Ultracycling im Winter Pflichtausrüstung.

Gewinnspiel

PS: Du willst dich selbst erfahren und die 224 Meilen rund um den Neusiedlersee im Rahmen der Burgenland Extrem Tour 2026 in Angriff nehmen? Ich habe einen Startplatz für dich. In Kooperation mit dem Veranstalter. Schreib mir in die Kommentare, warum genau du dich dieser Herausforderung stellen willst. Göttin Fortuna oder Väterchen Frost werden entscheiden, ob du dich der Heldentat stellen kannst. Wann? Früh genug, um dir noch Zeit zu geben, kälteresistent zu werden.

Alle Kommentare bis 10.12.2025, 12 Uhr sind teilnahmeberechtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Der oder die Gewinner:in wird schriftlich verständigt, sofern herauszufinden ist, wer den Kommentar geschrieben hat. Keine Barablöse. Zu gewinnen gibt es einen Gratis-Startplatz im Wert von € 144,-

Radfahrende sind nicht vollständig menschlich

Stell dir vor: Du schwingst dich morgens auf dein Fahrrad, setzt den Helm auf – und bist für manche Autofahrer plötzlich kein Mensch mehr, sondern ein bewegliches Hindernis. Kaum zu glauben? Eine aktuelle australische Studie aus dem Jahr 2023 wirft ein Licht genau auf dieses verzerrte Wahrnehmungsmuster. Radfahrende sind nicht vollständig menschlich.

Radfahrende sind nicht vollständig menschlich.

In “The effect of safety attire on perceptions of cyclist dehumanisation” (Mark Limb & Sarah Collyer, erschienen 2023 in Transportation Research Part F) wurden 563 Autofahrer*innen befragt. 

Das Ergebnis: 30 % der Befragten betrachteten Radfahrende als „nicht vollständig menschlich“ – ein erschütternder Befund, der zeigt, wie tief die Entmenschlichung sitzen kann. 

Mit sogenannten paired-choice-Bildern (je zwei Varianten mit Unterschieden im Erscheinungsbild) testeten die Forscher:innen, welches Bild eher als „weniger menschlich“ wahrgenommen wird. 

Zu ihren Hypothesen gehörte, dass Helme die Sicht auf Augen und Haare verdecken – also zentrale Merkmale, mit denen wir instinktiv Menschsein erkennen – und so die Wahrnehmung dämpfen könnten. 

Kleidung, Helm & Sichtbarkeit – die fatalen Unterschiede

Die Studie identifizierte zwei Knackpunkte, die das Entmenschlichungsgefühl besonders befördern:

  1. Sportliche Kleidung (Lycra, eng anliegendes Rad-Outfit) Autofahrer*innen neigten bei Bildern mit Radlern in Sportklamotten dazu, sie stärker zu entmenschlichen – offenbar, weil diese Kleidung klar signalisiert „Radfahrer“ in Reinform und damit Zugehörigkeit zu einer (oft kritisierten) Gruppe. 
  2. Helm + sichtbare Schutzausrüstung Radfahrende mit Helmen wurden 2,5-mal häufiger als „weniger menschlich“ bewertet im Vergleich zu solchen ohne Helm.  Noch extremer: Radler*innen in Sicherheitswesten ohne Helm landeten auf dem Spitzenplatz der Entmenschlichung – sie wurden 3,7-mal wahrscheinlicher als weniger menschlich gilt. 

Bemerkenswert: Der Effekt war stärker mit sichtbarer Schutzausrüstung verbunden als mit dem reinen Abdecken von Augen und Haaren. 

Auch das Geschlecht der Befragten spielte eine Rolle: Männer neigten eher dazu, keinen Unterschied zwischen Ausstattungen wahrzunehmen, während Frauen stärker Unterschiede in der Vermenschlichung zeigten. 

Wenn Schutz zur Schwäche wird

Das klingt paradox: Der Helm – eigentlich Lebensretter – wird hier zur Barriere in der Wahrnehmung. Doch solange Autofahrer*innen Radfahrende nicht als Menschen mit Gesichtern, Geschichten und Familien erkennen, bleibt der Straßenalltag gefährlich.

Auch politische Maßnahmen wie Helmpflicht wirken in diesem Zusammengang fragwürdig. HeImpflicht, die ich persönlich befürworte. In Ländern mit solchen Gesetzen sank laut früheren Studien die Begeisterung fürs Radfahren – und der Sicherheitsgewinn blieb oft aus. Die australische Studie legt nahe: Wenn Radfahrende mit Schutzkleidung entmenschlicht werden, könnten Autofahrer wiederum riskanteres Fahrverhalten zeigen, da sie die Radfahrer als „geschützte Objekte“ statt als verletzliche Menschen wahrnehmen.

Warum das keine kleine Theorie ist – sondern folgenschwer

Entmenschlichung ist kein harmloses psychologisches Phänomen. In der Soziologie und Psychologie gilt sie als Grundreiniger von Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung. Wer einer Person ihre Identität, Verletzlichkeit oder Einzigartigkeit abspricht, schafft den Nährboden für Aggressionen, Unterdrückung oder Missachtung.

Wenn Radfahrende als „Radfahrer:innen“ entmenschlicht werden, reduziert sich ihr Status in den Augen anderer. Kein Wunder also, dass in Foren und auf der Straße privates Desinteresse bald in aggressive Gesten oder lebensgefährliche Ausweichmanöver umschlägt.

Mein Appell: Mehr Mensch – weniger Hindernis

Ich will hier kein Plädoyer für oder gegen Ausrüstung führen – Sicherheit bleibt wichtig. Doch das eigentlich Erschreckende ist etwas anderes: Die Studie zeigt, dass viele Autofahrende Radler schlicht nicht als Menschen wahrnehmen. Nicht, weil wir uns falsch kleiden oder weil uns ein Detail fehlt, sondern weil wir als „Radfahrer:innen“ automatisch in eine Schublade gesteckt werden – und in dieser Schublade hört das Menschsein auf.

Diese Erkenntnis ist schockierend. Denn sie bedeutet: Ganz egal, wie viele Sicherheitsregeln wir einhalten, wie sichtbar wir uns machen oder wie sehr wir uns bemühen – solange Autofahrer*innen uns nicht als Menschen sehen, sind wir im Straßenverkehr gefährdet. Und genau hier liegt die eigentliche Krise.

Was ich mir wünsche?

  • Kampagnen zur Rehumanisierung: Bilder von Radfahrer*innen mit Gesichtern, Namen, Geschichten können Bewusstsein schaffen (z. B. in der Studie vorgeschlagen). 

  • Fahreraufklärung in Fahrschulen: Nicht nur Technik lehren, sondern Empathie – dass hinter jedem Radfahrer ein Mensch steht.

  • Infrastruktur stärken: Radwege, sichere Übergänge und klare Prioritäten auf der Straße zeigen unmissverständlich: Radfahrende gehören dazu.

  • Politische Debatten differenzieren: Pflichten (wie eine Helmpflicht – die ich persönlich befürworte) allein ist kein Allheilmittel, wenn die Wahrnehmung fehlt – wir brauchen ein viel breiteres Konzept für sichere Mobilität.

Was wirklich zählt

Die Studie liefert eine unbequeme Wahrheit: Mehr Helme, Blinker oder grelle Warnwesten werden das Problem nicht lösen.

Solange

Radfahrende nicht als Menschen mit Gesichtern, Namen, Familien und Geschichten sehen, bleibt die Straße ein unsicherer Ort.

Radfahrende sind nicht „Verkehrshindernisse“ – sie sind Mütter, Väter, Kinder, Freunde. Erst wenn diese Wahrnehmung sich ändert, wird Radfahren wirklich sicher.

Cristian G. aka #ktrchts 

 

Wer schützt uns Radfahrende, wenn niemand zuständig ist?

Wer schützt uns, wenn niemand zuständig ist

Es war ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Abschnitt Landstraße in Müllendorf. Und doch wurde daraus ein Paradebeispiel dafür, wie man im österreichischen Verwaltungsapparat Verantwortung so lange hin- und herschiebt, bis sie sich in Luft auflöst. Mit der Frage, wer schützt uns Radfahrende, wenn niemand zuständig ist?

Der Vorfall selbst ist schnell erzählt: Ein Linienbus (Linie 904, Verkerhsverbund Ost-Region im Auftrag der NÖVOG) überholt mich auf einer Fahrbahn, die nur knapp drei Meter breit ist. Der Bus selbst misst zweieinhalb Meter. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand beim Überholen von Radfahrenden beträgt 1,5 Meter. Wer einen Taschenrechner besitzt – oder einfach nur gesunden Menschenverstand – kommt rasch zum Ergebnis: Das geht sich nicht aus. Niemals.

Doch die Situation war noch absurder: Der Busfahrer überholte an einer Stelle, die wie ein Lehrbuch-Beispiel für Überholverbote aussieht. In Fahrtrichtung eine Rechtsabbiegespur. Daneben Sperrflächen mit Gitterlinien und ein Fahrbahnteiler. Ein Schutzweg, an dem Überholen sowieso verboten ist. Und gleich danach: wieder Sperrflächen. Jeder Fahrschüler würde lernen: Hier bleibt man hinter dem Radfahrer. Jeder, außer eben dieser Fahrer.

Überholen ohne Regelburch unmölgich

Von der Straße ins Büro

Das Ganze wäre schon schlimm genug – doch der eigentliche Tiefpunkt kam erst nach dem Überholen. An der nächsten Haltestelle sprach ich den Fahrer darauf an. Seine Antwort: „Hob di eh g’sehn.“ Und, mit einer Mischung aus Gelassenheit und Zynismus: „Zeig mich halt an.“ Deutlicher kann man Vorsatz nicht formulieren. Er wusste, was er tat. Und er tat es trotzdem. Über das „is sich eh ausgegangen“ diskutiere ich nicht, dann das war sicher keine Verdienst des Fahrers, sondern ein perfekter Balance-Akt meinerseits.

Also tat ich, was man als Bürger tun kann (soll): Ich dokumentierte den Vorfall, schrieb zuerst an den VOR Kundendienst und danach an die NÖVOG (VOR wäre nicht zuständig, obwohl ganz groß auf dem Bus ersichtlich). Die NÖVOG wolle von allem nichts wissen und keine Ahnung haben (Welcher Bus? Welche Linie?). Ich wurde mit den Worten „Laut Aussage des betroffenen Fahrers wurde der Überholvorgang unter Einhaltung des vorgeschriebenen Mindestabstands und in angemessener Geschwindigkeit durchgeführt. Dennoch ist uns bewusst, dass das subjektive Sicherheitsempfinden in solchen Situationen stark variieren kann – insbesondere, wenn es zu einem sehr knappen Überholvorgang bei einem Fahrbahnteiler kommt“) wohl eher verarscht, als besänftigt. 

Also war der nächste Schritt erforderlich. Ich schrieb eine Sachverhaltsdarstellung an die Bezirkshauptmannschaft Eisenstadt-Umgebung. Kopie an die NÖVOG.

Schließlich geht es nicht nur um mein subjektives Empfinden, sondern um ein strukturelles Problem: Eine Straße, auf der ein Überholen rechnerisch unmöglich ist, und ein System, das dennoch Überholmanöver zulässt.

Die Antworten waren ernüchternd. Und zugleich erhellend.

Ping-Pong der Zuständigkeiten

Die NÖVOG meldete sich in Person des Pressesprechers zuerst. Reine Schreibrhetorik. Man könne meinen Unmut verstehen, man stehe zu 100 Prozent auf meiner Seite, wenn es um Sicherheit gehe. Sehr freundlich. Aber dann der entscheidende Satz:

Wir sind nur Auftraggeber der Regionalbusleistungen. Die Fahrer stehen im Dienstverhältnis zum Verkehrsunternehmen.

Mit anderen Worten: Wir machen die Fahrpläne. Für das Fahrverhalten sind wir nicht zuständig.

Das Verkehrsunternehmen wiederum – die Ausführer – tauchten in den Antworten nur indirekt auf. Sie hätten den Fahrer zur Rede gestellt und ermahnt, hieß es. Ermahnt! Für ein Überholmanöver, das objektiv lebensgefährlich war. Keine Konsequenzen, kein Hinweis auf systemische Schulung, nur eine mahnende Geste.

Die Bezirkshauptmannschaft Eisenstadt-Umgebung wiederum erklärte, dass sie in diesem Fall nicht zuständig sei. Die StVO mag gebrochen worden sein, die Gefährdung mag da gewesen sein – aber man wolle sich damit nicht befassen.

Und so schaukelte es sich hoch zum vielleicht schönsten Satz in dieser ganzen Chronologie, formuliert vom Pressesprecher der NÖVOG:

Wir sind weder Konzessionsbehörde noch Verkehrsunternehmen noch Exekutivbehörde.

Kürzer lässt sich die Absurdität nicht zusammenfassen: Wir sind’s nicht. Wir machen nur den Fahrplan.

Transparenz oder Verantwortung?

Zwischendurch garnierte man das Ganze noch mit Floskeln: „Wir stehen zu 100 % auf Ihrer Seite.“ Oder: „Dass wir die Darstellung des Verkehrsunternehmens weitergeben, ist nur ein Zeichen unserer Transparenz.“

Das klingt gut. Nur leider bleibt die Frage offen: Wenn alle transparent sind, aber niemand zuständig, wer übernimmt dann Verantwortung?

Auch die Nachfrage nach konkreten Maßnahmen blieb unbeantwortet. Schulungen für Fahrer:innen? Fehlanzeige. Systematische Überprüfung von Strecken, wo Überholen baulich unmöglich ist? Nicht vorgesehen. Konsequenzen, wenn Fahrer trotz Vorsatz handeln? Nicht in ihrem Kompetenzbereich.

Die Mathematik der Realität

Dabei ist das Problem banal, fast kindlich klar.

  • Fahrbahnbreite: 3,0 bis 3,2 Meter
  • Busbreite: 2,5 Meter<
  • Breite des Radfahrers: 0,6 Meter<
  • Mindestabstand: 1,5 Meter
  • Seitenabstand zum Straßenrand: 0,7 Meter< (empfohlen)

Rechnung: 2,5 + 1,5 = 4,0.. Erforderlich wären also mindestens vier Meter – plus Platz für den Radfahrer selbst. Also noch einmal ein Meter. Macht rund fünf Meter. Tatsächlich vorhanden: drei. Es fehlen also mindestens zwei Meter. Diese zwei Meter sind der Unterschied zwischen „sicher überholt“ und „Radfahrer unter dem Bus“.

Und doch bleibt das System gelassen. Der Fahrer: „Hob di eh g’sehn.“ Die NÖVOG: „Wir sind nicht zuständig.“ Die Behörde: „Nicht unser Bereich.“

Das große Ganze

Was sich hier zeigt, ist mehr als ein Einzelfall. Es ist ein System, das Verantwortung in so feine Scheiben schneidet, dass sie am Ende verdampft. Auftraggeber, Ausführer, Fahrer, Behörde – jeder für ein Stück zuständig, aber keiner für das Ganze.

Die Ironie dabei: Würde man denselben Vorfall einem Fahrschüler vorlegen, wäre die Antwort eindeutig: „Hier darf man nicht überholen.“ Ein Anfänger wüsste das. Aber ein Profi am Steuer eines Linienbusses darf es – und bleibt ohne echte Konsequenz.

Resignierter Schluss

So bleibt am Ende nur Zynismus. Wenn der Fahrer sagt: „Ich hab dich gesehen“ „Sei froh, dass alles noch gut gegangenist“ und „Zeig mich halt an“, die NÖVOG sagt: „Wir machen nur Fahrpläne“, und die Behörde sagt: „Nicht unser Bereich“, dann ist wohl tatsächlich niemand zuständig.

Vielleicht muss ich mich künftig an höhere Instanzen wenden. An das Schicksal. An das Universum. Oder an den lieben Gott. Denn wenn es in diesem Land um Zuständigkeiten geht, dann sind alle zuständig – bis keiner mehr übrig bleibt.

Und wenn ich das nächste Mal unter einem Bus liege, dann immerhin mit der beruhigenden Gewissheit: Es war niemand schuld.

Bleibt gesund und passt auf euch auf
Cristian aka #ktrchts 

PS:

Manche werden sagen: „Ach komm, so schlimm war’s doch nicht. Wirst halt knapp überholt. Passiert mir auch ständig. Reg dich nicht so auf.“

Genau deswegen tue ich mir diesen Aufwand an. Weil wir uns schon so sehr an das Gefährliche gewöhnt haben, dass wir es für normal halten. Weil „knapp überholt“ nicht bedeutet, dass nichts passiert ist – sondern, dass diesmal nur zufällig nichts passiert ist.

Wenn ein Linienbusfahrer sagt „Hob di eh g’sehn“ und dabei wissentlich den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand missachtet, dann ist das kein Kavaliersdelikt. Das ist Vorsatz. Und der Unterschied zwischen Zentimetern und Metern ist in diesem Moment der Unterschied zwischen „alles gut gegangen“ und „Radfahrer unter dem Bus“.

Es geht nicht um mein subjektives Empfinden. Es geht nicht nur darum, dass die StVO klare Regeln vorgibt: 1,5 Meter Mindestabstand. Sondern auch, dass ein gutes Miteinander Regeln und Verständnis braucht. Dass Straßen so geplant und markiert werden müssen, dass dieser Abstand überhaupt eingehalten werden kann. Und dass Unternehmen und Behörden Verantwortung übernehmen, statt sie zwischen sich hin- und herzuschieben, bis sie sich auflöst.

Ich mache mir diesen Aufwand, weil ich nicht akzeptiere, dass Sicherheit im Straßenverkehr zur Verhandlungsmasse wird. Weil jeder Radfahrer, jede Radfahrerin ein Recht darauf hat, nicht nur gesehen, sondern auch geschützt zu werden.

Und ja – ich werde es weiterhin tun. Auch wenn es mühsam ist. Auch wenn es einfacher wäre, zu schweigen und sich zu fügen. Denn wenn wir alle sagen „Es passiert halt, reg dich nicht auf“, dann bleibt am Ende alles beim Alten. Und irgendwann ist das Opfer nicht mehr „nur“ ein paar zerzauste Nerven, sondern ein Menschenleben.

 

King and Queen of the Lake 2025

King and Queen of the Lake 2025

Ein Sommer-wie-damals-Revival punktgenau geplant und ausgeführt. Der Attersee glänzte wie poliertes Carbon. Kaiserwetter im Salzkammergut. Glattes Wasser, brennende Beine. Alles war angerichtet für den King and Queen of the Lake 2025. Und alle wissen und fühlen es. Dieses in Europa einzigartige Einzelzeitfahren rund um den See ist kein Rennen – es ist ein Hochamt des Radsports, ein Watt-Festival für Tempo-Gläubige. Wer hier mitfährt und die Ziellinie so schnell wie möglich überquert, graduiert in Velocitas honoris – Summa cum laude, versteht sich

Mixed Rebels statt Mixed Klischees

Auch dieses Jahr mittendrin statt nur daheim. Mein Mixed-Team. Während die meisten Mixed-Teams (immer noch) aus vier Männern und einer Frau bestehen, drehe ich schon zum dritten Mal den Spieß um. Mixed Rebels – ein Name, der Programm macht. Bei mir sind es drei Damen und ein Herr. Nicht nur aus Prinzip, viel mehr aus Überzeugung: Radsport gehört geteilt, nicht quotiert.


So unterschiedlich die Reaktionen darauf sind, so klar bleibt die Botschaft. Manche feiern uns für den Mut, andere schütteln ungläubig den Kopf, als hätten wir die UCI-Regeln neu erfunden. Doch genau darum geht’s: Den Rahmen zu sprengen, Klischees zu brechen, Chancen zu schaffen. Denn auf der Straße zählen keine Rollenbilder, sondern nur Watt, Wille und Witz.

Die jährliche Damenwahl

Jedes Jahr wiederhole ich mein kleines Ritual: die Damenwahl. Drei Frauen, zufällig ausgewählt, bilden mit mir die Mixed Rebels. Dieses Jahr waren es Anne aus Zürich, die mit schweizerischer Präzision und deutscher Gründlichkeit jede Kurve millimetergenau geschnitten hat. Außerdem hat sie als Rookie das gesamte Internet leer gelesen, um bestens vorbereitet zu sein. Dabei auch Chantal aus Graz, die das Stehvermögen einer Löwin mit dem Humor einer Kabarettistin kombiniert, und Natalie vom Veranstalterverein Atterbiker. Natalie kam erst ins Spiel, als ich schon dachte, wir würden mit einem Loch auf der Startrampe stehen. Doch sie hat meinen Hilfeschrei gehört und das Quartett kurzerhand vervollständigt – ein Joker aus dem eigenen Stall. Und was für ein Joker – Natalie war ein Jackpot.

Von Bewerberinnen und Absagen

Was wie ein lockeres Spiel klingt, ist in Wahrheit die härteste Disziplin. Denn die Nachfrage nach einem Platz bei den Mixed Rebels wächst von Jahr zu Jahr. Viele Bewerberinnen melden sich, voller Energie, voller Lust, den See zu rocken. Und jedes Mal bricht es mir ein kleines Stück das Herz, wenn ich Nein sagen muss. Ich würde mit allen fahren, was erstens organisatorisch nicht möglich ist und zweitens auch meine körperliche Physis nicht zulassen würde. Es gibt eben leider nur vier Startnummern. Dieses „Nein“ ist also kein Ausschluss, sondern eine Einladung: nächstes Jahr, neue Chance.

Kurzfristige Absagen machen die Situation auch nicht besser. Denn je näher der Tag X rückt, desto mehr Speed-Junkies tauchen auf – süchtig nach der einmaligen Chance, Teil dieses Rausches zu sein. Der King and Queen of the Lake wirkt wie eine Droge: Wer einmal geschnuppert hat, will mehr. Und ein vakanter Startplatz lockt wie der letzte Schuss Espresso vor dem Rennen – heiß begehrt, schnell vergriffen und garantiert nicht schlaffördernd.

47,2 Kilometer im Rausch

Und dann, wenn endlich alle Trikots sitzen und die Startnummern klappern, wird aus Theorie Praxis. Schulter an Schulter, im Wind, im Rausch, im Jetzt. 47,2 Kilometer später standen 1 Stunde und 14 Minuten auf der Uhr. 38 km/h im Schnitt, getragen von Teamgeist, Adrenalin und einer Prise Wahnsinn. Kein Rennen im klassischen Sinne, sondern ein Tanz auf schmalen Reifen. Jede Attacke gegen die Uhr, jedes Ziehen im Oberschenkel wurde belohnt – mit dem Wissen, dass man gemeinsam mehr schafft, als man alleine je könnte.

Das Video zum Wahnsinn

Rebels ride different. Festgehalten in Bildern, die nach Schweiß, Watt und Freude riechen. Mitten in der Elite der Zeitfahr-Community und aller, die Radsport im Herzen tragen. Betreut und gehätschelt von einem leidenschaftlichen Organisations-Team, freiwilligen Helfern, Exekutive, Sanitäter und vielen Zuschauern entlang der Strecke. Radsport-Emotionen pur. Laktat und Glück inklusive. Wer das Rennrad liebt, muss einmal beim King and Queen of the Lake starten – oder noch besser, immer wieder.

 


Danke Anne, Chantal und Natalie. Ohne euch wäre dieses Erlebnis nicht möglich gewesen. Ihr habt nicht nur Watt aufs Pedal gebracht, sondern auch Herz, Humor und diese unerschütterliche Lust, Grenzen zu verschieben. Mit euch wurde aus einem Rennen das sprichwörtliche Volksfest – und aus einem Team die Mixed Rebels.

Wir sehen uns auf alle Fälle 2026 wieder. Wer will mitfahren?

Cristian Gemmato aka #ktrchts