Manche Straßen fahren sich leicht. Andere brennen sich ins Gedächtnis. Nicht, weil sie besonders lang wären. Sondern weil sie alles verlangen. Eine pechschwarze, frisch asphaltierte Straße, die die Hitze zurückwarf wie ein Pizzaofen. Kein Baum. Kein Schatten. Kein Lüftchen. Und zum Schluss eine Rampe aus Kopfsteinpflaster, auf der mein Vorderrad kurz überlegte, lieber Richtung Himmel zu steigen als Richtung Ziel zu rollen. Willkommen in Verrucchio. Eigentlich war ich wegen eines Rennens hier. In Wahrheit aber wegen einer Region, die mich seit Jahren immer wieder zurückholt. Emilia Romagna: Der Sehnsuchtsort für RennradfahrerInnen.
Ein Bergzeitfahren? Eigentlich gar nicht meine Disziplin
Ich mache kein Geheimnis daraus: Bergfahrer war ich noch nie. Flache Straßen, sanfte Wellen, lange Küstenabschnitte – dort fühle ich mich zu Hause. Wenn das Höhenprofil allerdings aussieht wie der Puls eines Espressojunkies, beginnt meine Komfortzone langsam zu verschwinden.
Das Bergzeitfahren nach Verrucchio war mit seinen knapp 2,4 Kilometern und rund 270 Höhenmetern genau so ein Fall. Kurz. Steil. Brutal ehrlich. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb, liebe ich solche Momente.
Denn manchmal geht es gar nicht um Watt, Platzierungen oder Zeiten. Es geht darum, sich wieder eine Startnummer ans Rad zu hängen. Dieses leichte Kribbeln vor dem Start zu spüren. Den kleinen Wettkampfdruck zu genießen, der plötzlich dafür sorgt, dass man noch einmal tiefer in den Lenker greift und sich fragt, ob da nicht doch noch ein paar Reserven im Körper versteckt sind.
Ja, ich habe gelitten. Aber ich habe jede Minute genossen.

Wenn 35 Grad plötzlich ganz schön heiß werden
35 Grad im Schatten. Das Problem war nur: Schatten gab es praktisch keinen. Die Straße nach Verrucchio war frisch asphaltiert. Tiefschwarz. Die Hitze stieg nicht nur von oben herab, sondern kam auch von unten zurück. Jeder Tritt in die Pedale fühlte sich an, als würde man gegen einen unsichtbaren Föhn ankämpfen. Und dann kam dieses letzten Stück. Kopfsteinplaster. Steil genug, dass mein Vorderrad kurz den Kontakt zur Realität verlor und lieber nach oben steigen wollte als nach vorne zu rollen.
Es gibt Zieleinfahrten, die vergisst man nicht. Diese gehört definitiv dazu.
Der eigentliche Gewinn begann nach der Ziellinie
Eingeladen wurde ich von ATP Servizi Emilia-Romagna. Gemeinsam mit Visit Romagna organisierten sie den alljährlichen European Media Cycling Contest (EMCCI) im Rahmen des Velo-City World Summit. Rund 30 JournalistInnen, BloggerInnen, InfluencerInnen und Tour-Operatoren aus verschiedenen Ländern Europas kamen dabei zusammen.
Natürlich wurde über Fahrräder gesprochen. Über Tourismus. Über nachhaltige Mobilität. Und über neue Ideen.
Aber genauso über Espresso, Lieblingsanstiege, die beste Piadina und darüber, warum Italiener scheinbar mühelos jeden Berg hochfahren. Genau diese Mischung macht solche Veranstaltungen besonders. Man lernt Menschen kennen, die das Fahrrad nicht nur als Sportgerät sehen, sondern als Teil einer Lebenskultur.




Rimini wurde für ein paar Tage zur Welthauptstadt des Fahrrads
Wer in diesen Tagen durch Rimini spazierte, merkte schnell: Hier drehte sich alles ums Fahrrad. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern trafen sich, diskutierten über die Zukunft nachhaltiger Mobilität, tauschten Erfahrungen aus und zeigten, wie Radverkehr Städte lebenswerter machen kann.
Die Velo-Parade durch die Innenstadt war dafür ein wunderbares Symbol. Hunderte Fahrräder. Ohne Verkehr. Unzählige Nationen. Eine gemeinsame Sprache. Das Fahrrad verbindet. Nicht nur Sportler. Sondern Menschen.
Und genau deshalb passte das Bergzeitfahren nach Verrucchio perfekt in dieses Gesamtbild. Es zeigte, dass Radfahren in der Emilia-Romagna viele Gesichter hat: Alltag, Tourismus, Sport und Lebensfreude schließen sich hier nicht aus – sie ergänzen einander.
Gastfreundschaft kann man nicht ins Programm schreiben
Was mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt, sind die Menschen. Nicholas. Andrea. Robert. Und das gesamte Organisationsteam. Natürlich war alles hervorrahgend vorbereitet. Aber das ist gar nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie herzlich man aufgenommen wird. Mit welcher Selbstverständlichkeit man Gästen die eigene Heimat zeigt. Nicht geschniegelt für Hochglanzprospekte. Sondern ehrlich. Mit Stolz. Mit Leidenschadft. Mit Geschichten über Kultur, Architektur und Kulinarik. Kleine Orte und große Traditionen.
Die Emilia Romanga muss man sich nicht vorstellen. Sie überzeugt ganz von selbst.

Das Schlaraffenland für Rennradfahrer
Ich werde häufig gefragt, warum ich Jahr für Jahr wieder hierherkomme. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Weil die Emilia-Romagna für mich das Schlaraffenland Europas ist. Wo sonst findet man auf so engem Raum alles, was das Rennradherz höherschlagen lässt? Eine geniale Küstenstraßen entlang der Adria. Sanfte Hügel mit endlosen Kurven. Anspruchsvolle Anstiege im Hinterland. Verkehrsarme Nebenstraßen. Historische Dörfer, die aussehen, als wäre dort die Zeit stehen geblieben.
Und dazu eine Kulinarik, die jeden zusätzlichen Höhenmeter rechtfertigt. Piadina gehört hier genauso dazu wie Parmigiano Reggiano, Prosciutto di Parma oder ein Glas Sangiovese beim Abendessen. Man fährt hier nicht einfach Rad. Man erlebt eine Region. Mit allen Sinnen.
Genau deshalb kehre ich immer wieder zurück
In den vergangenen Jahren durfte ich unzählige Kilometer durch die Emilia-Romagna fahren. Ich kenne die berühmten Straßen. Vor allem aber kenne ich die kleinen. Diejenigen, die in keinem Reiseführer stehen. Die Bar, in der der Espresso noch 1,10 Euro kostet. Den Dorfplatz, auf dem nachmittags die alten Herren Karten spielen. Die kleine Bäckerei, in der man nach einer Ausfahrt den stärksten Zuckerschock bekommt. Oder den Aussichtspunkt, an dem plötzlich das Meer auftaucht.
Es sind genau diese Momente, die einen Rennradurlaub unvergesslich machen. Nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit. Nicht die Wattwerte. Nicht einmal die Höhenmeter. Sondern die Geschichten, die man später erzählt.

Urlaub machen. Rennrad fahren. Ankommen.
Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich anderen genau diese Region zeigen darf. Urlaub machen und Rennrad fahren. Gemeinsam mit FunAcitve TOURS begleitet ich seit vielen Jahren Rennrad- und Gravelbike-Reisen in die Emilia-Romagna. Nicht als klassische Gruppenreise. Sondern als Einladung, diese Region so kennenzulernen, wie ich sie selbst lieben gelernt habe.
Mit traumhaften Straßen, mit regionaler Küche. mit kulturellen Schätzen, mit jeder Menge italienischer Lebensfreude. Und mit dem beruhigenden Gefühl, dass jemand dabei ist, der nicht nur die Sprache spricht, sondern auch jede Menge versteckte Lieblingsplätze kennt.
Das Bergzeitfahren nach Verrucchio war nach wenigen Minuten vorbei. Die Erinnerung daran bleibt. Noch viel stärker aber bleibt dieses Gefühl, das mich jedes Mal begleitet, wenn ich die Emilia-Romagna verlasse. Dass ich gar nicht wirklich abreise. Sondern mich schon auf das nächste Wiedersehen freue.
Denn manche Regionen besucht man. In die Emilia Romagna kehrt man zurück.
Cristian
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