Specialized Allez Sprint Custom – Testbericht

Specialized Allez Sprint

600 Kilometer. Über 16.000 Höhenmeter. Sieben Tage. Genug Zeit, um die ersten Schmetterlinge aus der Kennenlernphase zu vertreiben und herauszufinden, ob ich mich mit dem Specialized Allez Sprint nur auf einen Sommerflirt eingelassen habe oder ob ich bereits die große Liebe fahre.

Der Holzfäller entdeckt den Presslufthammer

Die Dolomiten. UNESCO-Weltkulturerbe. Gibt es einen idealeren Ort, ein neues Rennrad mit null Kilometern zu testen? Wohl kaum. Danke an Mountainbiker am See für die „fünf-nach-zwölf Aufbauaktion“. Ich hätte nicht mehr damit gerechnet. Ein Projekt, welches ich seit Jahren im Kopf habe, war fast vollendet. Ich war bereit für Neues. Mit dem nötigen Feintuning. Und Feingefühl. 

Das Wesentliche vorweg: Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlte sich der Wechsel aufs Specialized Allez Sprint zunächst an, als würde ich vom handgefertigten Jagdgewehr direkt auf einen modernen Karabiner umsteigen. Das Holz hatte Charme, Seele und eine ganz eigene Art, Geschwindigkeit zu erzeugen. Das Allez Sprint hingegen kennt nur eine Richtung: vorwärts. Und zwar sofort.

Testbericht Specialized Allez Sprint

Fluchtinstinkt auf zwei Rädern

Manche Räder wollen überredet werden. Das Allez Sprint nicht. Sobald Druck aufs Pedal kommt, reagiert es wie ein Windhund, der die Leine losgelassen bekommt. Jede Beschleunigung fühlt sich an, als hätte jemand heimlich ein Gummiband gespannt und plötzlich losgelassen. Das Rad besitzt eine beinahe unverschämte Spritzigkeit, die immer wieder dazu verleitet, noch einmal aus dem Sattel zu gehen. Nicht, weil man muss. Sondern weil man wissen möchte, ob es wirklich noch einmal so explosiv anschiebt.

Tut es.

Das Allez Sprint fühlt sich an wie der Wechsel vom handgefertigten Florett zum Samurai-Schwert. Beide sind schnell. Aber nur eines hat permanent das Bedürfnis, irgendetwas anzugreifen.

Bergauf: Wo die PRs wohnen

Die größte Überraschung spielte sich dort ab, wo normalerweise die Ausreden beginnen: am Berg. Trotz eines gewissen Optimierungspotenzials beim Systemgewicht – also Rad plus Fahrer – purzelten die persönlichen Bestzeiten erstaunlich regelmäßig. Die Wattwerte waren dieselben. Die Beine ebenfalls. Nur die Ausreden wurden plötzlich knapp.

Das Allez Sprint klettert nicht wie ein federleichtes Bergwunder, sondern eher wie ein durchtrainierter Rugbyspieler: etwas mehr Masse, aber mit einer Brutalität im Vortrieb, die jede Rampe zusammenschrumpfen lässt. Gerade an steileren Anstiegen entsteht der Eindruck, dass kein Watt verloren geht. Das Rad nimmt jede Kraft an, verarbeitet sie ohne Diskussion und verwandelt sie unmittelbar in Vortrieb. Bürokratie gibt es hier nicht.

Wer jahrelang auf Holzrahmen unterwegs war wie ich, kennt das Gefühl, wenn ein Rad einen gewissen Eigencharakter mitbringt. Das Allez Sprint dagegen wirkt wie ein leistungsorientierter Personal-Trainer. Es diskutiert nicht. Es liefert.

Specialized Allez Sprint im Test

Weniger Reach, mehr Angriffslust

Mit 1,9 Zentimetern weniger Reach als beim Vorgänger hat sich auch die Sitzposition deutlich verändert. Auf dem Papier klingt das unspektakulär. Auf der Straße fühlt es sich an, als wäre ich vom gemütlichen Ledersessel auf den Schleudersitz eines Kampfjets gewechselt.

Meine Position ist kompakter, direkter und aktiver. Das Vorderrad ist deutlich näher bei mir, wodurch jede Lenkbewegung unmittelbarer umgesetzt wird. Das Ergebnis: ich habe ein Rennrad, das ständig bereit wirkt, die nächste Kurve, den nächsten Anstieg oder die nächste Attacke anzunehmen.

Ich sitze darauf und spüre förmlich, wie das Rad sagt: „Wir könnten hier einfach weiterrollen. Aber wir könnten auch angreifen.“

Kurvenräuber mit leichtem Hang zur Nervosität

Besonders beeindruckend ist die Wendigkeit. Wo der alte Rennesel eher ein ICE war, der majestätisch auf seinen Schienen durch die Landschaft gleitet, erinnert das Allez Sprint eher an einen Rallye-Wagen auf einer Alpenprüfung. Ein kurzer Impuls genügt und die Linie wird geändert. Dabei bleibt das Rad erstaunlich spurtreu. Es vermittelt jederzeit Sicherheit und Vertrauen, verlangt aber etwas mehr Aufmerksamkeit als der Vorgänger.

Der direkte Vergleich zum Rennesel zeigt die Unterschiede deutlich: Durch das höhere Gewicht im Bereich des Steuerrohrs lag dieser satter auf der Straße und wirkte in schnellen Kurven noch etwas präziser und stoischer. Während der Rennesel jede Kurve mit der Gelassenheit eines Langstreckenpiloten anflog, nähert sich das Allez Sprint derselben Kurve eher wie ein Kampfpilot im Tiefflug.

Nicht nervös. Aber jederzeit hellwach.

Komfort? Mehr als befürchtet. Viel mehr als erwartet.

Aluminium wird gerne mit Begriffen wie „hart“, „ruppig“ oder „Bandscheibentest“ in Verbindung gebracht. Das Allez Sprint interessiert das herzlich wenig.

Natürlich fährt es sich nicht wie ein Sofa auf Luftfederung. Aber der Custom-Aufbau, die tiefen Carbon-Laufräder und die moderne Reifenbreite sorgen dafür, dass auch lange Tage mit mehreren tausend Höhenmetern nicht zur Leidensprüfung werden. Nach sieben Tagen Dauereinsatz war jedenfalls nicht der Rahmen der limitierende Faktor.

Leider.

Das gefährlichste Detail? Die Motivation.

Die größte Stärke des Allez Sprint lässt sich weder wiegen noch messen. Es ist die Art, wie das Rad seinen Fahrer manipuliert.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche nur ein paar entspannte Grundlagenkilometer sammeln. Das war zumindest der Plan. Doch das Allez Sprint verfolgt eine andere Agenda. Jeder Ortsausgang wird zur Einladung. Jeder Anstieg zur Herausforderung. Jede freie Straße zur Versuchung.

Man sitzt darauf und denkt: “Ach komm, die nächste Kuppe noch.” Zehn Kilometer später fährt man einen persönlichen Rekord.

Das ist vielleicht die größte Qualität dieses Rades. Es vermittelt nicht nur Geschwindigkeit. Es erzeugt Lust auf Geschwindigkeit. Und es macht aus Trainingsfahrten kleine Rennen gegen sich selbst und verwandelt bekannte Strecken plötzlich wieder in Abenteuer.

Specialized Allze Sprint RH 56

Fazit

Das Specialized Allez Sprint ist kein Rad für Menschen, die entspannt durch die Gegend rollen und dabei das Panorama studieren möchten.

Es ist ein Rad für Fahrer, die bei jeder Ortstafel kurz überlegen, ob sie sprinten sollten. Für Fahrer, die „locker rollen“ sagen und zehn Minuten später einen KOM angreifen. Für Fahrer, die eigentlich regenerieren wollten.

Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlt sich der Wechsel an, als hätte jemand die Handbremse gelöst. Das Allez Sprint ist aggressiv, spritzig, unglaublich motivierend und besitzt eine nahezu unbändige Flucht nach vorne. Es verbindet direkte Kraftübertragung mit erstaunlichem Komfort, hohe Wendigkeit mit genügend Spurtreue und eine Geometrie, die jederzeit nach Angriff statt nach Kompromiss verlangt.

Nach 600 Kilometern und 16.000 Höhenmetern bleibt vor allem eine Erkenntnis: Das Allez Sprint ist vielleicht nicht das leichteste Rad in meinem Fuhrpark. Aber definitiv dasjenige, das sich am leichtesten schnell fahren lässt. 

 

Custom Aufbau

Rahmen: Specialized Allez Sprint RH 56
Rahmenfarbe: Satin Sea Foam/Gloss Dune White
Rahmenmaterial: Aluminum Disc frame with D’Aluisio Smartweld Sprint Technology
Komponenten: Shimano Ultegra Di2 12fach mit Shimano Dura Ace Powermeter
Laufräder: Pancho Rush 50
Sattel: Pro Stealth Carbon
Reifen: Vittoria N.ext 26 mm
Schlauch: TPU
Gewicht: fahrbereit ca 8 kg
Pedale: KEO Blad Carbon

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