Fragen eines Rennrad Rookie. Was Anfänger wissen wollen und sollten.

Ein Bericht von ketterechs - dem Rennradblog.
Aller Anfang ist schwer. Auch am Rennrad.

Aller Anfang ist schwer. Am Rennrad umso mehr. Ein neues Terrain. Eine unbekannte Welt. Ein Becken mit unterschiedlichen Tiefen. Nirgendwo anders gibt es so viele Weisheiten und Wahrheiten. Jeder weiß es anders. Jeder weiß es besser. Jeder weiß es noch besser. Und am bessersten sowieso. Irgendwo was aufgeschnappt, mit eigener Interpretation vermischt und schon wird die eigene Meinung zu unantastbarem Wissen. Wissen, welches weitergegeben werden will. Und muss. Mann will ja schließlich mitreden. Wenig mitzureden haben die Rookies. Ihr Hauptaugenmerk gilt dem Zuhören. Sie spitzen deshalb die Ohren. Wissen ist macht. Nichts zu wissen ist Schwäche. Rennrad Anfänger haben viele Fragen. Offen ausgesprochene Fragen oder im stillen gestellte Fragen. Fragen, die so selbstverständlich klingen, dass uns – also jene, die schon etwas länger vom Rennradvirus befallen sind, die Antwort meist schwer fällt.

Aus gegebenem Anlass habe ich nachfolgend ein paar dieser Fragen zusammengefasst. Und Hand aufs Herz. Auch ich habe mir mit der Beantwortung schwer getan.

1. „Werde ich so zu kalt haben?“ Das Kälteempfinden ist von Person zu Person unterschiedlich. Also kann die Antwort nur jeder für sich selbst herausfinden. Zum Glück stehen einem sehr viele Möglichkeiten zur Verfügung. Ärmlinge, Beinlinge, Knielinge, Windwesten, Windbreaker, Überschuhe, Übersocken, Stirnbänder, Radmützen, Handschuhe, Halstücher, Funktionswäsche mit Netz, Funktionswäsche mit Windstopper … Mein Rat: Lieber zu warm als zu kalt. Ausziehen kann man sich immer noch.

2. „Wie schalte ich richtig?“ Es gibt hier wohl kein falsch oder richtig. Es gibt aber ein rechtzeitig. Der Trick liegt also darin, rechtzeitig zu schalten. In eine leichtere und in eine stärkere Übersetzung. Damit vermeidet man am falschen Gang erwischt zu werden. Vor allem, wenn es plötzlich steil bergauf geht. Oder nach dem Halten beim Wegfahren.

3. „Wann sind wir endlich da?“ Diese Frage stellt sich solange man kein Gefühl dafür hat, was man erträgt und noch ertragen kann. Sich selbst und den eigenen Körper zu kennen macht schon sehr viel aus. Oft will der Kopf mehr als die Beine können und manchmal kann der Kopf weniger als die Beine wollen. Die Wahl der Route und des/der TrainingspartnerInn ist schon entscheidend. Motivatoren können gut sein. Drill Sargeants weniger. Ich empfehle zu Beginn: Lieber kürzere Touren, dafür auch öfters. So kommt man nicht überbelastet nach Hause und ist schnell wieder bereit für das nächste Mal.

4. „Was mache ich wenn ich nicht mehr kann?“ Hier muss man wohl zwischen können und wollen unterscheiden. Überschätzen kann man beides. Es kommt vor, dass man nicht mehr will und schon gar nicht mehr kann. Ist man allein wird es eine „schware Partie“. Ein charakterbildender Pilgerweg nach Hause. Mit viel Buße und noch mehr Zeit zum Nachdenken. Auf alle Fälle Tempo runter und Heim rollen. Von mir aus auch stehen bleiben. Essen. Trinken. Auch keine falsche Scheu vor öffentlichen Verkehrsmitteln wie zum Beispiel Zug. Mit ein paar Euros in der Tasche ist schnell ein Ticket gelöst. Posing mit dem Rennrad geht auch im Zug. Ein Selfie mit erschöpftem Gesichtsausdruck macht sich auch gut. Ist man in einer Gruppe, dann kann man sich der Gruppendynamik bedienen. Besser bekannt als Windschatten. Nicht hinten abgeschlagen kämpfen, sondern einen Platz in der Gruppe finden. An dritter oder vierter Position. Das hat den psychologischen Effekt, dass man nicht der/die Letzte ist. Wird es zu schnell, einfach pfeifen, schreien, melden … Radsport ist ein Teamsport. Zurückgelassen wird niemand. Mein Rat: Punkt 3 befolgen.

5. „Warum tut mir das Knie weh?“ Ja, wenn es nur das Knie wäre. Es schmerzt wahrscheinlich auch der Nacken, der Hintern, der Sitzknochen, der Ellbogen. Keine Panik. Leicht Schmerzen sind am Anfang normal. Und später dann selbstverständlich. Ein Rookie darf nicht vergessen, dass plötzlich Gelenke, Muskeln und Sehnen beansprucht werden, von denen ein Anfänger nicht einmal gewusst hat, dass er diese hat. Ich bin jetzt kein Arzt und kann auch keine Ferndiagnosen machen. Die meisten anfänglichen Schmerzen kommen meistens von einer momentanen Überbelastung. Ein bisschen Ruhe, eine kurze Pause und das Unheil ist wieder verschwunden. Wenn nicht, dann ist vielleicht das Rennrad der böse Übeltäter. Zu klein, zu groß, zu kurz, zu lang. Ein Bikefitting kann Abhilfe schaffen, sofern man als Anfänger dieses nicht bereits beim Kauf des Rennrades über sich ergehen hat lassen. Mein Tipp: Den eigenen Körper kann man nicht an das Rennrad anpassen, das Rennrad aber sehr wohl an den eigenen Körper.

6. „Wie oft muss ich fahren, um besser zu werden?“ Wieder so eine Fangfrage. Ich würde mich einmal fragen, was man als Rookie überhaupt will. Der eine will abnehmen, der eine will fit bleiben, ein anderer wiederum will die Welt entdecken. Und es gibt wohl auch welche, die ein Rennen bestreiten wollen. Mit oder ohne Chancen auf einen Sieg. Es gibt so viele Beweggründe. Welcher ist oder war eurer? Daraus kann man Ziel für die Zukunft erarbeiten. Es geht also nicht um das wie oft, sondern um das wie. Umfang, Intensität, Abwechslung. Simulation. All das stärkt die eigene Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit am Rad. Die Kondition steigt. Und die braucht man. Egal welche Ziel man hat.

7. „Was soll ich essen?“ Wenn ich das wüsste. Regelmäßig, genug und gesund. Vor einer Ausfahrt, während einer Ausfahrt, nach einer Ausfahrt und zwischen den Ausfahrten. Auch ein Rookie-Motor braucht Sprit. Den richtigen Sprit. Je nachdem wie viele PS und wie viel Hubraum man hat bzw. braucht. Benötigt man schnelle Energie oder volle Energiespeicher für längere Ausfahrten. Klingt jetzt nicht unbedingt als Tipp, aber auch in dieser Frage gibt es keine generelle Antwort. Essen was einem schmeckt und gut tut. Heißt, den Magen nicht belastet und die Muskeln gut versorgt. Klingt banal ist es aber nicht. Reis, Kartoffeln, Gemüse, Fisch, Obst und viel Wasser. Davor. Danach. Zwischendurch, also während der Fahrt, Dörrobst (Feigen, Marillen …). Es muss nicht immer ein Power Riegel oder ein Power Gel sein. Sind da und dort sehr hilfreich. Eine Abhängigkeit muss nicht gleich zelebriert werden. Und wer nicht ganz auf Süßes verzichten kann wie ich: Mannerschnitten. Leicht verdaulich und gut. Passen auch in jedes Radtrikot.

8. „Ab wann kan ich wieder Sex haben?“

Noch Fragen? Freue mich. Einfach hier kommentieren oder auf Facebook oder Twitter posten.

Cristian Gemmato aka @_ketterechts

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