Ötztaler Radmarathon für Rookies. Eine Gebrauchsanleitung.

26. August 2012. Sölden. 6.45 Uhr. Start zum Ötztaler Radmarathon. 235 km und 5.500 Höhenmeter. Leider bin ich heuer nicht dabei. Ich habe bei der „Verlosung“ keinen Startplatz bekommen. Und dafür € 3 bezahlt. Aber das ist ein anderes Thema (bei an die 10.000 Anmeldungen für die Verlosung sind das € 30.000 welche dem Veranstalter in die Kassa fließen).

Als es feststand, dass ich keinen Starplatz bekomme, hätte ich ja noch so ein „Ötztaler Paket“ buchen können. Beispielsweise 5 Tage in einem *****Sterne Hotel a’ € 380,- für das DZ inklusive Startplatz. Das war mir dann aber doch zu teuer. Und meine Theorie, dass die Startplätze doch nicht „verlost“ werden erhärtet. Anscheinend werden rund 1/3 der Startplätze an die umliegenden Hotels für derartige Pakete vergeben. Weitere Startplätze an die Einheimischen und an die Italo-Falange, welche ja die sog. Prestigio Wertung im Ötztal weiter austragen und mit ihrem Besuch fremdenverkehrstauglich untergebracht werden. Aber das wäre jetzt wieder eine ganz andere Geschichte.
Für all jene, welche heuer zum ersten Mal beim Ötztaler Radmarathon starten hier ein paar Tipps von mir. Die anderen wissen ja eh was auf sie zukommen wird.

Jeder sollte sich dessen bewusst sein, dass der Ötztaler Radmarathon ein Rennen über 3 Klimazonen ist. Die erste arktische befindet sich am Start. Temperaturen knapp oder unter dem Gefrierpunkt sind keine Seltenheit – nein, eine Usance. Für die teilweise lebensgefährliche Fahrt hinunter nach Ötz (ca. 40 km mit 4.000 Teilnehmern auf einer sehr kurvigen und abschüssigen Straße) ist also die richtige Kleiderwahl entscheidend. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Letztes Jahr hatte ich zweiteres und meine Hände unterm Arsch verstecken müssen.

Bei der Abzweigung von Ötz in Kühtai empfiehlt es sich schon rechtzeitig auf den richtigen Gang zu schalten. Von Kette rechts auf Kette links in einer 90 Grad Kurve – das muss gelernt sein und ist ohne Kettenschutz Verhüterli am Umwerfer auch noch gefährlich. Und es empfiehlt sich dem zu befürchtenden Stau an sich von überschüssigen Kleidungsstücken befreienden Rennradfahrern zu vermeiden. Entweder indem man ganz vorne mitfährt, mitmacht (also absteigen und gemütlich umziehen) oder einfach wild fluchend und gestikulierend durchfährt. Notiz am Rande: Der Stau erstreckt sich auf einer Länge gut einem Kilometer.

Der Aufstieg zum Kühtai ist dann ideal zum warm werden (auch abhängig von dem was man anhat). Es geht lange nach oben und es ist ratsam hier nicht gleich zu oft und zu genau auf jene zu schauen, die einem überholen. 50% davon sieht man nie mehr wieder. Den Rest verteilt auf den noch kommenden Steigungen. Auch das ausspionieren der Übersetzungen kann zu einem Motivationsloch führen. Wenn dich jemand mit einem 39/21 oder kleiner bei 10% Steigung überholt und du schon bei 34/27 am Limit bist … ich brauche an dieser Stelle nicht zu erwähnen, was dann im Kopf passiert. Auch weil noch 150 km und gute 3.500 Höhenmeter bevorstehen.

Das interessante am Kühtai ist der Abschnitt nach Ochsenboden (bis zu 14%) und die letzten 1 – 2 km. Vorbei am Stausee. Die Berggipfel mittlerweile in der Sonne, sofern diese (ich hoffe es) scheinen wird. Und die Stimmung. Hier säumen viele Zuschauer die Straße. Ein wenig TdF Feelig kommt auf. Ach ja. Wenn man Pech hat, liegt hier oben auf 2.000 Meter Schnee. So wie letztes Jahr. Und in den 90igern. Damals. Ja, damals.

Oben sollte man sich schon mal mit der Abfahrt auseinandersetzen. Es ist eine Speed-Abfahrt. Hier ist es möglich (und ich sage nur hier) einen persönlichen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Meiner liegt hier bei 104 km/h. Aufpassen aber auf die vielen Weideroste und den Kühen. Nicht umsonst heißt es hier Kühtai. Diese Viecher könnten da und dort ganz schon stur mitten in der Fahrbahn verweilen.

Die Abfahrt nach Kematen ist echt zu genießen. Unten aber gilt es eine gute Gruppe zu finden, die dann bis zum Brenner – oder darüber – ein guter Begleiter sein wird. Denn die km zwischen Kematen über Innsbruck und dem Brenner sind die „gefährlichsten“ des Rennens. Flach bis leicht steigend kann man hier sehr viel Kraft liegen lassen. Umsonst. Die Italiener sind hier die gefinkelsten. Die treiben dich und zwingen dich Führungsarbeit zu leisten. Hände weg bzw. zurückfallen lassen. Nur ein Tipp.

Ab dem Brenner beginn dann die zweite Klimazone. Die Alpine. Dazu aber später. Zuerst gilt es zu essen. Das Buffet am Brenner gleich einem Staatsbankett. Und hier sollte für alle genug sein. Nudelsuppe kann ich wärmsten empfehlen bevor es hinunter nach Gossensaß und Sterzing geht. Kein schweres Stück, weil ständig bergab. Wenn der Wettergott mitspielt, kann man die am Start und am Kühtai eingefangenen Frostbeulen wegtauen.

Sterzing ist dann der eigentliche Anfang vom Rennen. Alles bisherige war nur Vorgeplänkel. Der Jaufenpass wartet und die 2. Hälfte der 235 km. Zuerst flach hinein nach Kalch und dann steil hinauf auf den Pass. Was habe ich hier schon selbst gelitten. Kehre für Kehre. Hier gewinnt man oder verliert man. Nicht das Rennen, sondern sich selbst. Wer sich hier aufgibt kommt nicht mehr weit. Und wird durchgereicht. Nach hinten. Aber keine Sorge, hinten kommt noch jede Menge nach. Man wird nie allein sein. Im Wald ist es landschaftlich sehr öde, aber einmal über der Baumgrenze eröffnet sich ein herrliches Panorama. Das gibt Energie für die letzten 3 – 4 km. Ich kann nur empfehlen: Augen auf. Herz auf. Das ganze noch im alpinen Klima. Hier oben kann der Wind ganz schon pfeifen und das Wetter sehr schnell umschlagen. Und schon wären wir wieder beim Thema Bekleidung.

Die Abfahrt nach St. Leonhard in Passeier ist lang und nicht ungefährlich. Besonders Vorsicht ist hier wichtig. Die von hinten Vorbeiraser können ganz schön unangenehm sein. Dassy man hier in Italien ist merkt man an den vielen Carabinieri. Sie sorgen dafür, dass kein Auto zur selben Zeit auf der Strecke ist. Und das ist gut so.

Die 3. Klimazone ist dann in St. Leonhard erreicht. Die subtropische. Hier herrschen meist mehr als 30 Grad im Schatten und an der Mauer von St. Leonhard (kurz nach der Abzweigung zum Timmelsjoch) sind das gefühlte 50 Grad. Die meisten wiederholen hier den Stau von Ötz und verwandeln den Straßenrand in eine Umkleidekabine.

Das Timmelsjoch ist dann die letzte Prüfung. Da muss jeder fahren, was sie oder er noch kann. Mehr kann ich dazu nicht sagen, außer, dass man die letzte große Labe auslassen soll. Hier wird der warme Muskel innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zu Granit. Aber es warten noch die letzten 11 km. Diese sind sonst die Hölle. Eigentlich sind diese sowieso die Hölle. Körperlich wie auch mental. Wer hier stark im Kopf ist, ist auch stark am Rad. Also, noch ein paar Lehrbücher lesen, bevor es in die Wand geht.

Das tropische Klima wandelt sich am Timmelsjoch schnell in arktisches oder wenn man Glück hat in alpines Klima um. 2.300 m.ü.M sind kein Kindergeburtstag. Schnee, Regen, Wind, Orkan – alles habe ich hier schon erlebt. Ich wünsche allen nur die Sonne für die Abfahrt nach Hochgurgl und Sölden. Samt Gegenanstieg. Aber der soll eine Überraschung bleiben. Samt Tunnel.

Wer es bis hier geschafft hat, erfüllt sich seinen Traum. Der Rest ist nur mehr Draufgabe. Volles Rohr Richtung Sölden. Um sich feiern zu lassen.

Notiz am Rande. Die Schnellsten schaffen es unter 7 Stunden. Der Letzte kommt bei Dämmerung so gegen 20.30 Uhr ins Ziel. Ab 19.30 Uhr sind die Straßen wieder komplett für den Verkehr offen.


Cristian Gemmato aka @ketterechts.

3 Kommentare

  1. schöner text, macht gusto. leider is bei mir dieses jahr auch nix bei der verlosung geworden.

  2. hallo,

    schöner eintrag, wären da nicht einige fehler der kategorie schlecht recherchiert…

    die temperaturen unter dem gefrierpunkt in sölden haben wohl seltenheitswert – aber das empfinden sit natürlich subjektiv.

    ochsenboden heißt ochsengarten.

    und die steigung von ochsenbo äh garten rauf geht an die 18%.

    und das timmelsjoch wird nicht gern verniedlicht – 2509m misst es nämlich.

    sg,
    alex

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