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Bikepacking im Burgenland. Der Iron Curtain Trail.

Bikepacking im Burgenland

Natürlich war es seine Idee. Seit Jahren versuchte er sie davon zu überzeugen mitzufahren. Sie zu animieren, als Burgenländerin die eigene Heimat mit dem Fahrrad zu entdecken. Von Nord nach Süd. Entlang des burgenländischen Teils des Iron Curtain Trails, dem Euro Velo 13. Von Kittsee nach Szentgotthárd in Ungarn. Viele Kilometer entlang der österreichischen und ungarischen Grenze. Natürlich hatte er es geplant. Nach ihren Wünschen und Bedürfnissen. Drei Etappen mit einer oder mehrerer Exit-Strategien. Vielleicht, eventuell, eher nicht, aber möglicherweise doch. Ihre Motivation schwankte, je näher die Abfahrt kam. Bikepacking im Burgenland war dann doch ihr Premieren-Abenteuer, bei dem am Ende alles anders kam, als gedacht.

Bikepacking im Burgenland

Ein Radabenteuer direkt vor der Haustür.

Die Originalstrecke des Iron Curtain Trails ist im Burgenland ca. 300 Kilometer lang und eignet sich perfekt zum Radwandern, oder besser gesagt fürs Bikepacking. Start ist Kittsee, das man sehr gut öffentlich erreichen kann. Von Wien zum Beispiel über Parndorf oder von Eisenstadt, mit einem Umstieg. Das war auch ausschlaggebend bei der Planung. Keine Anreise mit dem Auto und auch keine Heimreise. Klimaschonend, versteht sich. Deshalb wurde auch die Option gewählt, von Szentgotthárd in Ungarn über Sopron und dann Wulkaprodersdorf retour zu fahren. Ein ganz spezielles Abenteuer. Aber dazu später.

Radwandern mit dem Zug

Wenn er und sie verreisen, scheiden sich bei der Startzeit nicht nur die Geister, sondern viel mehr Bedürfnisse und vor allem Gewohnheiten. Sie braucht immer etwas Zeit sowie mindestens zwei Frühstücksmöglichkeiten. Da Züge selten ihre Abfahrtszeit flexibel gestalten und warten, kann es schon vorkommen, dass er (der Autor) in seiner Überpünktlichkeit in Anbetracht ihrer Lässigkeit etwas nervös wird. Vor allem dann, wenn er ihr beim Anbringen der Packtasche deshalb unter die Arme greifen muss, weil sie trotz Empfehlung und Aufforderung, es ein paar Mal vor Reiseantritt selbst zu versuchen, nicht nachgekommen ist (und nachkommen wollte). Wer schon einmal eine “Arschrakete” (Sattel-Packtasche) montiert hat, weiß, dass das unter “Druck” gerne etwas länger dauern will. Ende gut, alles fest. Es konnte losgehen. Für alle, die wissen wollen, welche Satteltasche benutzt wurde: Toppeak Backloader 10L. Auf eine Lenkertasche wurde verzichtet.

Grenzenloses Radwandern.

In Kittsee bekommt man schnell einen Vorgeschmack auf das, was der Iron Curtain Trial zu erzählen hat. Nicht unweit des Bahnhofes befindet sich der Grenzübergang zur Slowakei. Trotz Kontrollen kann man problemlos aus- und einreisen. Das war nicht immer so. Diese Freiheit ist Goldes wert und nicht selbstverständlich.

Wer in Kittsee das Bikepacking im Burgenland startet, der kann sich auf einiges freuen. Die ersten Kilometer sind eher flach. Gut zum Einrollen. Je nach Wind kann sich dieses flach ganz schön steil anfühlen. Und der Wind ist hier täglich Freund oder Feind. Auch wenn er nicht bläst. Er weht immer. Am Plan standen zuerst 80 km bis Wallern. Angedacht war eine Aufwärmetappe. Diese wurde aber rasch verlängert und mit Mörbisch am See als Etappenzielort sollte nach 135 km erst einmal Ruhe einkehren. Am Weg dorthin ging es kreuz und quer durch das pannonische Flachland. Vorbei an der östlichsten Gemeinde Österreichs (Deutsch-Jarndorf), den berühmten Pannonia Fields (Nova Rock Areal – 4 Tage nach dem Festival), patrouillierenden Grenzsoldaten mitten in der Pampas und der geschichtsträchtigen Brücke von Andau. Der erste Streckenabschnitt war ein Ausstieg aus dem Alltag und ein Einstieg in die Geschichte des Burgenlandes. Die grüne Grenze, ein Privileg, welches noch ziemlich jung ist.

Trotz des ungünstigen Windes, kamen sie und er gut voran. Einzig die Suche nach durststillender Wasserstellen oder Radlerrastmöglichkeiten gestaltete sich etwas komplizierter. Dafür waren die vielen Fronleichnam-Prozessionen eine willkommene Abwechslung. Blumenkorsi inklusive. Im Burgenland wird Tradition groß gelebt.

Das Abenteuer am Ende der Straße.

Korn, Wein, Gemüse. Der Seewinkel liefert entlang der Strecke einiges an kulinarischen Schmankerln. Namhafte Produzenten sind hier heimisch. Scheiblhofer, Zantho, Perlinger-Gemüse, Erich & Priska Stekovics Paradeiser, Biobauer Göltl, um nur einige zu nennen. Vielleicht hätte er mehr Zeit einplanen sollen, die eine oder andere Jause zu gustieren. Doch der enge Zeitplan war der Wettervorhersage zu schulden. Die Gewitter am Nachmittag waren nämlich fix angesagt, wie das Amen im Gebet.

Auf Genuss wurde trotzdem nicht verzichtet. Der ungarische Teil des Iron Curtain Trails nach der Brücke von Andau bietet nämlich grenzenloses Gravel-Feeling. Genau so stellt man sich das vor. Feinster Schotter und eine unberührte Landschaft. Dahingleiten und das melodische Knirschen des rauen Untergrundes aufsaugen. Bikepacking im Burgenland fängt oft erst am Ende der asphaltierten Straße an.

Flexibles Timing ist alles.

Der Iron Curtain Trail ist perfekt ausgeschildert. Nur in Ungarn muss man sich etwas umorientieren. Hier ist die Beschilderung anders. Die blaue 13 (Euro Velo 13) mit den gelben Sternen erleichtert die Wiedererkennbarkeit. Man soll sich aber entscheiden: GPS Track oder Beschilderung. Denn nicht immer sind beide einer Meinung.

Nach nicht einmal drei Stunden hatten sie und er den Seewinkel hinter sich gelassen. Nahe Apleton wurde nochmals Ungarn “betreten”. Bis Mörbisch. Quasi die Hausstrecke von den vielen Neusiedlersee Umrundungen. Im Winter wie im Sommer. Ein Wechselspiel zwischen perfekt glattem Radweg, Wurzel-Jumping und wieder feinstem Schotter. Danach war Mörbisch in Sicht und die schwarzen Gewitterwolken auch. Bei Kaffee und Kuchen wurden dann der ursprüngliche Plan über Bord geworfen. Warum 20 Kilometer von Zuhause entfernt übernachten? Eben. Ab nach Hause. Welches nach 154 Kilometern erreicht wurde. Duschen, essen, Wäsche waschen und schlafen. Dass sie und er 154 Kilometer weit umsonst das Gepäck mitgeschleppt haben, war zu diesem Zeitpunkt schon ein Thema. Auch der heftige Wolkenbruch, welcher um Bruchteile einer Sekunde vermieden wurde. Flexibles Timing ist alles.

Radwandern im Burgenland

Auf den Spuren der Freiheit.

Tag zwei. Wennschon, dennschon. Also, wer an einem Tag 154 Kilometer fahren kann, der sollte es auch an zwei Tagen hintereinander wollen. Etappenzielort für Tag zwei war also Deutsch-Schützen. Eine Vorreservierung der Zimmer hatte sie nicht für notwendig gehalten, weil laut booking.com ja noch genug Zimmer frei gewesen sind. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen wird.

Der Iron Cutrain Trial wurde in der Siegendorfer Puszta genau dort wieder betreten, wo er tags zuvor verlassen wurde. Wieder Hausstrecke über Schattendorf nach Ungarn. Hier an der Grenze ist der Eiserne Vorhang noch ganz. Zumindest Teile davon. Zum Angreifen.

Sopron selbst wurde umfahren. Schade, denn die Altstadt ist sehenswert. Dafür sollte man sich auch Zeit nehmen. Unbedingt. Wer das nicht tut, ist schnell in Harka und verlässt nach wenigen Kilometern ungarisches Staatsgebiet, um nahe Neckenmarkt wieder österreichischen Boden zu befahren. Willkommen Blaufränkischland, willkommen Mittelburgenland. Ab jetzt wurde es zwischen den Weinbergen hügeliger. Horitschon, Raiding (keep on Raiding!), Kleinwarasdorf, Kroatisch Minihof, Nikitsch Lutzmannsburg und Frankenau waren schnell erreicht und bei Klostermarienberg fing ein Abenteuer im Abenteuer an.

Aufgrund einer fehlenden Beschilderung ging es auf einer gut asphaltierten Straße in den Wald. Als plötzlich die Straße zu einem schmalen Trail voller Wurzeln wurde, kam langsam das Gefühl auf, möglicherweise falsch zu liegen. Die Wette, dass hier noch nie zwei Radwanderer unterwegs waren, hätte jeder locker gewonnen. Nach einigen links rechts Kombinationen im Nirgendwo und einem laut aufschreienden Garmin war mit viel Glück und Zufall die Originalstrecke wieder gefunden. Die Abfahrt nach Köszeg nur mehr eine Draufgabe mit Downhill-Flair. Endlich eine verdiente Pause. Nur wenige Kilometer vor dem Etappenzielort. Etappenzielort, dessen Unterkunft dann doch nicht mehr buchbar war. Sie hatte sich verkalkuliert. Er war nicht erstaunt darüber.

Wenn das Herz vor Freude schottert.

Plan B und C wurden diskutiert. Durchfahren oder woanders stoppen? Durchfahren barg Risiko, denn der Anschluss in Sopron würde wackeln. AB 20 Uhr fährt von hier kein Zug mehr Richtung Wien. Woanders stoppen ja, aber wo. Viel war nicht frei. Weder Bett+Bike, noch radfreundliche Unterkünfte. Einzig booking.com war gewillt, ein Doppelbett anzubieten. Weit im Süden. Sie und er mussten in die Verlängerung. Nach 157 Kilometern war Hagendorf im Süburgenland dank der perfekten Unterstützung eines wohlgesinnten Nordwindes erreicht. Für Tag drei blieben also nur mehr 40 Kilometer übrig. Ein Kindergeburtstag? Er glaubte es und sie vertraute ihm. Der Abend im Südburgenland begann mit Uhudler-Spritzer für sie und Traubensaft für ihn. Dazu regionale Schmankerl und zu guter Letzt Schomlauer Nockerln. Eine Süßspeise aus dem Nachbarland.

Die wohlverdiente Nachtruhe startete anschließend weich gefedert bei offenem Fenster und lautem Zirpen und endet von der Sonne wachgeküsst.

Das Beste kommt immer zum Schluss.

Tag 3. Die Pflicht war getan. Die Kür sollte folgen. Zuerst führte die Route durch das malerische Kellerviertel in Heiligenbrunn, dann noch ein paar Mal perfide auf und ab bis Inzenhof. Mit frischen und ausgeruhten Beinen, war das keine Hexerei. In Inzenhof endet der burgenländische (und österreichische) Teil des Iron Curtain Trail. Wer aber jetzt aufhört (oder Richtung Heiligenkreuz im Lafnitztal abbiegt) verpasst das Beste zum Schluss. Das ist anfangs der idyllische Weg zur St. Emmerichskirche und dann die Weiterfahrt nach Szentgotthárd.

Zuerst war es ein first class Gravel-Genuss durch einen schattigen Wald bei einstelligen Steigungsprozenten. Ein wahrer Bilderbuch-Streckenabschnitt. Wie aus dem Schotterlehrbuch. Dann der verlassene Grenzübergang und die Kirche selbst. An Kitsch kaum zu überbieten. Ein großes Tüpfelchen auf dem i. Ganz großes Kino. Wäre da nicht noch ein letzter Twist gewesen. Eine dramatische Wendung in Form einer steilen Abfahrt und einer anschließenden kaum enden wollenden Steigung. Auf groben Steinen im wohl abgelegensten Teil Ungarns. Nur ein kleines Euro Velo 13 Schild gab ihm die Sicherheit, hier durchzumüssen. Und sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Stein um Stein. Millimeter um Millimeter. Dicke und lästige Gelsen um dicke und lästige Gelsen.

Beiden ging jetzt einiges durch den Kopf. Vor allem die Gewissheit, dass es keine gute Idee gewesen wäre, die Tour am Vortag noch zu Ende zu fahren. Das wäre sich so nie ausgegangen. Wer weiß, wann man beide wieder gefunden hätte.

Ende gut. Burgenland am Rande durchquert.

So unterschiedlich beide sind, so unterschiedlich wurde die Situation angenommen. Er akzeptierte dieses Teilstück als Prüfung und Challenge, während sie etwas vorsichtiger agierte und erst am Ende dieses Irrweges ihr unverwechselbares Lächeln samt gesunder Gesichtsfarbe wiedergewinnen konnte. Ende gut, alle unten. Die letzten Kilometer bis zum Bahnhof in Szentgotthárd waren anschließend unspektakuläres, von Neugier geprägtes Rollen. Nach drei Tagen und mehr als 350 Kilometern war das Abenteuer Bikepacking im Burgenland hier zu Ende.

Der Rest der Geschichte beinhaltet eine knapp zweistündige Zugfahrt nach Sopron, ein Umstieg und eine Weiterfahrt nach Wulkaprodersdorf, um am Ende noch 10 Kilometer mit dem Rad nach Eisenstadt anzuhängen. Ein kleines Detail am Rande. In Sopron gibt es Zugtickets nach Wulkaprodersdorf nicht am gewöhnlichen Schalter, sondern am internationalen Schalter. Eine Glastüre weiter.

#ktrchts

Das war Bikepacking im Burgenland:

Iron Curtain Trail Burgenland: ca 300 km
Start: Kittsee
Ende: Szentgotthárd
Anreise: per Bahn nach Kittsee
Abreise: mit der Bahn über Sopron zurück (Wien, Wiener Neustadt, Eisenstadt …)
Unterkünfte: Bett + Bike oder gastfreundliche Unterkünfte
Burgenland Card: Ab 1 Übernachtung in ausgesuchten Betrieben – beinhaltet auch die BurgenRADland Pannenhilfe
Radauswahl. Gravel
Highlights: Schloss Kittsee, Schloss Halbturn, Brücke von Antau, Sopron, Raiding (Fanz Liszts Geburtsort), Therme Lutzmannsburg, Köszeg, Grenzerfahrungsweg Bildein, Kellerviertel Heiligenbrunn, St. Emmerichskirche

Rennradfahren in Niederösterreich – einmal rundherum.

Rennradfahren in Niederösterreich

Es könnte ein Hobby werden. Oder auch eine Sucht. Eine Sehnsucht. Das Rundherumfahren. Mit dem Rennrad ein Bundesland umrunden. Nach Vienna Roundabout und Burgenland Radlummadum hat sich dieses Mal Niederösterreich aufgedrängt. Solo, unsupported. 620 km und 6.000 Höhenmeter aufgeteilt auf zwei Tage. Tag eins mit dem Alpenvorland rund um Semmering, Adlitzgräben, Kalte Rinne, Höllental, Ochsattel, Kernhof, Gscheid, Annaberg, Wastl am Wald und das Waldviertel rund um das Kleine Yspsertal, Arbersbach, Weitra sowie Gmünd. Dazwischen die blaue Donau. Tag zwei mit noch einmal viel Waldviertel, die tschechische Grenze zu Südböhmen, viel an der Thaya, die Weingegend rund um Retz und dann viel und noch mehr geradeaus zwischen Laa (an der Thaya), Hohenau an der March, Dürnkrut und Hainburg. Rennradfahren in Niederösterreich ist bergig, hügelig und flach. Genau deswegen interessant und schön. Manchmal auch etwas monoton.

Bikepacking und das Rennradlerleben wird langsam.

Rennradfahren in Niederösterreich hat viele Facetten. Ich habe mir jene entlang der Grenzen zu Oberösterreich, Tschechien, Slowakei, dem Burgenland und der Steiermark vorgenommen. Die Strecke war jene des Race Around Niederösterreich. Mit leichten Adaptionen, um von Eisenstadt starten zu können und wieder in Eisenstadt ankommen zu müssen. Ein einfacher Plan: Zwei Mal über 300 km täglich. Mit jeweils 4.000 und 2.000 ungerecht aufgeteilten Höhenmetern. Alles einen Level höher als all das, was ich bisher im Sattel erleben durfte.

Mein Rennesel wurde schnell zum Packesel umgestylt. Der TopPeak Backloader 15L stand ihm gut und stramm. So wenig wie möglich und so viel wie nötig mitzunehmen ist und bleibt beim Bikepacking die Königsdisziplin. Erfahrung zahlt sich dabei immer aus. Der Frühstart war programmgemäß als früher Vogel hingelegt und ein kitschiger Sonnenaufgang begleitete mich ins Abenteuer. Zu Beginn gleich die erste Eingebung. Bikepacking macht das Rennradlerleben langsamer. Und unberechenbar. Zumindest das Handling des Rennrades. Erst als ich das kapiert hatte, kam ich in den Flow und der Pedaldruck wich dem Fahrgenuss.

Mathematik ist anstrengender als Rennradfahren.

600 Kilometer in 2 Tagen sind vor allem eine mathematische Herausforderung. Speziell am zweiten Tag, wo alles wieder bei null anfängt. Was man hatte, zählt dann nicht mehr. Ein harter Schlag. An beiden Tagen löste jeder Blick auf das Garmin-Display im Kopf eine Rechenaufgabe aus. Ich rechnete ständig herum. Kilometer, Höhenmeter, Zeit und Durchschnittsgeschwindigkeit mussten dem Ziel angepasst werden. Tagesziel, welches darin bestand, rechtzeitig bevor das Licht ausgehen würde, die schon im Vorfeld gebuchte Pension in Gmünd und das verdiente Bett in Eisenstadt zu erreichen. Gleichungen waren schon in der Schule meine Stärke und die Gefahr, mich zu verrechnen gering. Für den Fall hatte ich natürlich entsprechende Beleuchtung dabei. Vorne wie hinten.

Ein Highlight bei dieser ganzen Rechnerei war der erlösende psychologische Switch von “erst” zu “nur noch”. Wobei das “nur noch” am zweiten Tag erst bei 99 so richtig Freude aufkommen ließ. Eine schmerzverzerrte Freude.

Neben der vielen Rechnerei beschäftigte sich meine Ratio auch mit der Erfindung vieler Ausreden und Gründe, die Tour vielleicht doch noch zu vereinfachen. Am Anfang war das ein pragmatisches “Umdrehen”, später das Einreden, einen der vielen Bahnhöfe im Land aufzuspüren. Eine Verbindung nach Wien oder ST. Pölten sollte immer und überall zu finden sein. Perverser und unverschämt hingegen der immer wiederkehrende fromme Wunsch nach einem technischen Defekt. Je länger die Tour, desto erfinderischer wurde mein Geist. Es waren also nicht die müden Beine, die mich bremsten, sondern die Monotonie der Gedanken im Kopf.

Verkehrsarm und naturreich. Auch das ist Niederösterreich.

Das Waldviertel glänzt nicht unbedingt mit Abwechslung. Es geht hier auf und ab und dann wieder auf und ab und wenn es nicht auf und ab geht, dann geht es länger auf und ab. So gesehen war das wenig spannend. Also kämpfte ich mich von Lagerhaussilo zu Lagerhaussilo. Diese landwirtschaftlichen Leuchttürme waren stets am Horizont zu erkennen. Noch bevor der Kirchturm der nächsten Ortschaft sein Kirchturmspitze vorauswerfen konnte.

Interessant war auch die Tatsache, dass im Waldviertel 99 % der Orte an der Thaya liegen. An der Thaya hier, An der Thaya dort. Die Thaya selber habe ich nie gesehen. Oder einfach nicht bemerkt. Bemerkt, nein gemerkt habe ich mir hingegen die Autokennzeichen. WN, WB, NK, LF, SB, ME, ZT, GD, WT, HO, HL, MI,  GF, BL und BN – lauter Hirnnahrung. Wobei mir die Aufklärung der Herkunft GF am meisten Hirnschmalz gekostet hatte.

Auf meinem Weg rund um Niederösterreich war ich nicht nur allein unterwegs, sondern mutterseelenallein. Abgesehen von einigen “kritischen” Verbindungsstücken (Orstzentrum Wieselburg, Laa an der Thaya – Staatz, Wiener Neustadt – Neunkirchen) bei denen die LKW die Statik meines Packesels durcheinander gewirbelt haben, konnte ich die motorisierten und menschlichen Begleiterscheinungen auf meiner Nase zählen. Genial war das kleine Yspertal (L7285) bergauf nach Dorfstetten und dann weiter über die B119 nach Arbersbach. Oder die Abfahrt von Wastl am Wald (Cima Coppi der Niederösterreich-Umrundung auf 1.100 Meter Seehöhe) über Puchenstuben und St. Anton an der Jeßnitz nach Scheibbs (B28 und B25). Nicht zu vergessen der Anflug nach Retz von Hofern kommend durch die Weinberge (Reblaus Radweg/Windmühlenweg) oder das zufällige Ansteuern von Braunschlag aka Eisgarn. In Erinnerung bleibt mir auch das Teilstück des Traisental-Radweges hinauf nach Gscheid. Bist du g’scheit, war das steil. Rennradfahren in Niederösterreich. Verkehrsarm, naturreich und serienfilmreif.

Niederösterreich rundherum ist mittendrin.

Man muss sich bei solchen Umrundungen in das Rennradabenteuer einlassen können und man muss es zulassen. Und verlangsamen. Auch beim Bikepacking. Der Weg ist bekanntlich das Ziel. Am Ziel angelangt gehört dann alles der Vergangenheit an. Niederösterreich rundherum war dieses starke Mittendrin. Mittendrin im Abenteuer. Bestehend aus sportlicher Herausforderung und lokaler Neugier. Was ist wo und was ist warum? Lernen und Rennradfahren fürs Leben. Eine bessere Schule gibt es nicht.

Ich hatte Glück mit dem Wetter. Kein einziger Tropfen hat mich erwischt. Und das obwohl rundherum Starkregen und Gewitter gewütet haben. Glück hatte ich auch, keinen Defekt bekommen zu haben. Das Karma hätte zuschlagen können, nachdem im Kopf der Wunsch danach Vater des Gedanken gewesen ist. 

Ich habe auf Holz geklopft, damit nichts passiert und ich bin auf Holz gefahren. Damit eben nichts passiert. Den tschechischen LKW-Fahrer verbuchen wir als Ausnahme. Ein Sattelzug hätte mich in der 90° Kurve fast erdrückt. Dumm (saudumm) von ihm, dass er mich davor noch überholt hatte. Gut für mich, dass man am Bankett auch Radfahren kann. Etwas tief in der Erde, aber immerhin.

Rennradfahren in Niederösterreich hat mir neue Möglichkeiten und Gegenden gezeigt. Plätze, die ich gerne wieder besuchen möchte. Zuerst kommt aber noch Oberösterreich. Eine weitere Challenge. Ich weiß nicht ob ich schon erwähnt habe, dass das Umrunden eines Bundeslandes zum Hobby werden könnte? Und zur Sucht.

ktrchts
#machurlaubfahrrennrad

Track Route Tag 1.
Track Route Tag 2.

Bikepacking – mit dem Rennrad Urlaub machen.

Bikepacking - mit dem Rennrad Urlaub machen

Von Eisenstadt nach Triest. Die ketterechts Rennradreise war diesmal schnell ausgebucht. In 4 Tagen an die Adria. Knapp 500 km und 4.300 Höhenmeter. Natürlich mit vollem Service. Busbegleitung und Gepäcktransport. Dazu Übernachtung, um die müden Beine gut zu betten. Klingt nach Urlaub. Ist es auch. Rennradreisen kann ganz schön bequem sein. Andernfalls muss es aber nicht. Denn es gibt auch die andere Seite. Die abenteuerlichere. Bikepacking – mit dem Rennrad Urlaub machen. Für mich eine Premiere. Aus der Not heraus. Daher war es auch nicht geplant. Aber die Strecke Eisenstadt – Triest wollte und musste besichtigt und abgefahren werden. Siggi war schnell überredet. Der Rest folgt in den nächsten Zeilen.

Mach Urlaub. Fahr Rennrad.

Ich muss gestehen, dass ich Schnapsideen liebe. Wie zum Beispiel in nur zwei Tagen die vier Etappen von Eisenstadt nach Triest in Angriff zu nehmen. Um dann mit Flixbus wieder retour zu fahren. Noch am selben Tag. Mitten in der Nacht. Das hört sich anstrengend an. War es auch. Nicht zwingend das Radfahren. Es war die Busfahrt retour. Wie befürchtet. Aber schön der Reihe nach.

Bikepacking - mit dem Rennrad Urlaub machen

Alles was man braucht in einer Tasche.

Viel hatte ich schon über Flixbus gehört und gelesen. Egal. Wir mussten von Triest zurück nach Wien. Also gab es wenige Alternativen. Halbwegs direkte Verbindungen. Webseite aufrufen, Buchung kurz und schmerzlos tätigen und das war’s. Um 0:55 abfahren und um 8:00 Uhr in Wien ankommen. Nachtbus. Zwei Personen. Zwei Fahrräder. Das war mehr als einem Monat vor dem Abenteuer. Sieben Tage vorher bekam ich von Flixbus eine Nachricht: “Unfortunately due to an operational issue, your bus 907 won’t have bicycle racks and therefore we won’t be able to offer you a suitable alternative for your journey. You will receive a confirmation of cancellation”.

Storniert Flixbus einfach so unsere Buchung. Einfach so. Ohne Alternative. Ihr könnt könnt euch vorstellen, wie schnell ich den “Customer Service” angerufen habe. Anruf ging nach Berlin. Am anderen Ende ein Service Mitarbeiter. Irgendwie haben die mein Problem nicht verstanden und konnten es also auch nicht lösen. Nach gut 60 Minuten dann ein Lichtblick. Einen Tag später gäbe es einen Bus mit Fahrradtransport. Also Reise umorganisieren, Siggi informieren, sein ok einholen und nochmals Service Hotline anrufen. Ein neuer Service Mitarbeiter. Selbe Prozedur. Auch er versteht mein Problem nicht. Lässt sich aber von mir überzeugen, dass es am Sonntag, statt am Samstag einen Flixbus von Triest nach Wien gibt. Mit Fahrradtransport. Ich will umbuchen. Mitarbeiter vergewissert sich noch mehrmals, ob Fahrräder auch transportiert werden. Ich frag auch nochmals nach. Ja. Es geht. Also umgebucht. Fertig.

Rennradreisen mit Flixbus. Ziemlich verflixt.

Keine 30 Minuten später bekomme ich einen Anruf aus UK, London. Ich hebe nicht ab. Vermute irgendwelche Abzocke. Ganze drei Anrufe. Hartnäckiger Abzocker. Dann höre ich die Mobilbox ab. Es war Flixbus. Ich könne doch nicht die Fahrräder mitnehmen. Der umgebuchte Bus hat keinen Radträger. Ich bin ein Vulkan. Kurz vor der Eruption. Sofort werden die sozialen Netze heiß geschrieben. Keine Reaktion. Es ist Samstag. Ich schaue im Flixbus Fahrplan nach. Er bietet für Sonntag eine Verbindung mit Fahrradtransport an. Meine Verbindung.

Also jene, die nicht geht. Darum rufe ich nochmals bei der Service Hotline an. Eine Dame macht mir klar, ich solle mein Ticket nochmals buchen. Das “alte” würde ich zurückerstattet bekommen. Formular ausfüllen und 4 – 6 Wochen warten. Ich erkläre der Damen, dass ich ja ein Ticket habe. Ein gültiges Ticket. Schon bezahlt. Warum also nochmals buchen? Endlich: Nach drei Mitarbeiterinnen und weiteren 60 Minuten Hotline, die Erlösung. Ich bekomme eine Umbuchungsbestätigung. Zwei Personen. Zwei Fahrräder.

Bikepacking - mit dem Rennrad Urlaub machen

Tag 2. Es geht nicht mehr so ganz rund.

Unter uns. Ich war mir nicht sicher ob die Sache jetzt gegessen sei. Und ich nehme es vorweg. Wir wurden von Triest nach Wien mitgenommen. Mit unseren Rädern. Eingepfercht in einem Bus ohne jeglicher Beinfreiheit. Zwischen schnarchenden Mitfahrern und übereinander liegenden Teenagern. An Schlafen war nicht zu denken. Danke. Kann man machen. Flixbus muss man aber nicht. Da sind die 480 km mit dem Rennrad ein Kindergeburtstag.

Ich mache eine Radtour und packe ein.

Bikepacking war für mich eine Premiere. Ich hatte Tagesausflüge mit Rucksack. Ja. Rucksack. entgegen aller Regeln. Aber keine mehrtägige Tour mit Satteltasche. Danke an dieser Stelle an Andi. Er hat mir seinen TopPeak BackLoader 15L geborgt. Kann ich empfehlen. Die Tasche. Den Andi auch. Getüftelt habe ich am Tag davor. Kurz. Intuitiv. Wie immer. Was nehme ich mit? Nicht viel. Nur das Nötigste. Tipps von Siggi, wo denn die Schuhe zu verpacken seien, habe ich dankend entgegen genommen. Also: Ich mache eine Radtour und packe ein: Langarmtrikot, Reserve Baselayer, Zweittrikot, kurze Skinfit Hose, Lange Jogginhose, Turnschuhe, Radmütze, Zahnbürste, Emser Pastillen (Salztabletten), Aspirin und Ladekabel für Garmin und iPhone. Den Rest trage ich nach Bedarf am Körper und am Rad. Ärmlinge, Beinlinge, Windweste und Regenjacke.

Bikepacking - mit dem Rennrad Urlaub machen

Richtig packen will gelernt sein.

Richtig packen will gelernt sein. Geht es doch darum, mit der richtigen Packtechnik dafür zu sorgen, dass das Fahrrad noch fahrbar bleibt. Also Schweres ganz am Anfang verstauen. Der Backloader hat eine wasserdichte Innentasche, die man vakuumisieren kann. Das ist super praktisch. Die Satteltasche muss an der Sattelstütze kompakt sein. Am Besten alles unterm Sattel verstecken. Je kürzer der Rattenschwanz, desto besser lässt sich das Rad steuern. Auch im Wiegetritt. Fest zuziehen ist die zweite goldene Regeln. Die Platin, seltene Erde Regel, lautet sowieso: Nur das Nötigste mitnehmen. Turnschuhe waren Luxus. Es hätten Flip Flops genügt. Wer am Abend nicht auf einen Ball oder ins Sternerestaurant will, braucht eigentlich fast nichts. Wenn das Wetter passt und ein wenig Schweißgeruch nicht als störend empfunden wird.

Als Rennradfahrer wegfahren, als Randonneur ankommen.

Egal wie voll die Tasche ist. Sie ist ein Fremdkörper am Rad. Gewicht und Volumen beeinträchtigen das Fahrverhalten. Ich hatte am ersten Tag nach 280 km Rückenschmerzen. Ich glaube ich habe unbewusst immer versucht das Rad zu stabilisieren. Die fünf Kilo Mehrgewicht spürt man vor allem dann, wenn diese sich schwingend nach links und rechts bewegen. Und in den Kurven. Am Berg sowieso. Watt pro kg kann man vergessen. Von knapp 10 Stunden Fahrzeit bin ich ganze 12 Minuten im Stehen gefahren. Für die Statistik.

Bikepacking - mit dem Rennrad Urlaub machen

Belohnung nach 480 km mit dem Rennrad.

Diese Bikepacking-Erfahrung möchte ich trotzdem nicht missen. Und wer weiß, vielleicht werde ich es wieder machen. Mit Sicherheit sogar. Ich bin als Rennradahrer weggefahren und als Randonneur angekommen. Ein besonderes Gefühl. Frei zu sein. Alles mitzuhaben, was man so braucht. Der Sonnenuntergang in Triest war eine starke Belohnung. Das Schlendern durch die Gassen. In voller Rennraduniform. Die Blicke der Leute. Ja. Ich möchte es wieder tun. Vielleicht noch improvisierter. Langsamer. Entspannter. Länger. Die Schönheit der Länder sind die Straßen, die man mit dem Rennrad fährt. Also: Machet Urlaub. Fahret Rennrad.

ktrchts
#machurlaubfahrrennrad