Danke Ötztaler Radmarathon. Einmal und immer wieder.

Ötztaler Radmarathon

Endlich ist die Mautstelle erreicht. Die letzte Hürde ist geschafft. Das Ziel in Sölden nur mehr wenige Kilometer entfernt. Noch einmal klein machen, ducken und laufen lassen. Aber Achtung. Die Straße ist nass. Die Kurven rutschig. Immer wieder verlege ich meine Bremspunkte in den Kehren auf die wenigen trockenen Stellen. Hier noch abzufliegen, wäre eine absolute Dummheit. Es ist erstaunlich, wie gut die Beine auf einmal wieder laufen. Alle Schmerzen lösen sich auf. Der Druck auf die Pedale katapultiert mich und den Rennesel nach vorne. Sölden zieht mich magisch an. Ein Solo wird vorbereitet. Ruhm und Ehre im Ziel wollen allein genossen werden. Der Windschatten wird negiert. Nix da. Lutschen verboten. Gegenwind? Egal. Vollgas. Unterlenker. Finisher kommen mir entgehen. Menschen entlang der Straße applaudieren. Vorgeschmack auf die Einfahrt ins Ziel. Noch eine letzte Kurve. Die Zeitmatte wird überfahren. Offizielles Ende. Jetzt kommt die Kür. Ab durch den RedBull-Bogen hinein in die Menge. Zum Schluss noch irgendwas für Publikum. Genau „the Dab“ und aus. Danke Ötztaler Radmarathon. Ich bin dein Finisher.

Ötztaler Radmarathon Timmelsjoch
Super Tuck.

Ötztaler Leiden.

Zigfaches Finish. Solide und routinemäßig. Doch es wird von Jahr zu Jahr nicht einfacher. Zumindest für mich. Die Guillotine am Jaufenpass rückt immer näher. Der Spielraum wird jedes Mal enger. Das Zeitlimit ist greifbar nahe. Der Blick auf die Zwischenzeiten der letzten Jahre zeigt es schwarz auf weiß. Und das ist nicht nur den Umleitungen zu schulden. Die Zeit zehrt. Das Alter nagt. Das Gewicht bremst. Mein Gott war ich früher jung. Schnell. Und vor allem leichter. Danke Ötztaler Radmarathon, dass du mir deinen Spiegel vorhältst.

Ötztaler Übersetzungen.

Die Technik ist ein Hund. Meinen ersten Ötztaler bin ich noch mit Heldenkurbel 39/23 gekrochen. Heute reicht meine 36/32 nicht mehr aus, halbwegs schnell kurbelnd über die Berge zu kommen. Ich plagte mich und muckste mich irgendwie nach oben. Meine Stehzeiten sind nicht jene an den Labestationen. Es sind viel mehr die Versuche, in den steilsten Passagen nicht vom Rennrad zu fallen und von der Physik besiegt zu werden. Beim Anblick der leichtfüßig kletternden MitstreiterInnen weichte die anfängliche Anerkennung purem Neid, je fortgeschrittener der Radmarathon war. Wie wär’s mit einer 34/34 beim nächsten Mal?

Ötztaler Linien.

RadfahrerInnen sind gute Zeichner. Das erkennt man an den Linien, die bergab in den vielen Kurven gezirkelt werden. Teilweise. Die Kehren sind aber auch ein Tohuwabohu. Der Ötztaler Radmarathon ist nicht nur Bergfahren. Um in den Steigungen nicht zu sterben, muss man zuerst einmal die gut 100 Kilometer Abfahrten überleben. Mitten in der Meute. Wo Einlenken, Steuern und Antreten in Kurven und aus diesen nicht immer im Einklang und stilistisch einwandfrei aufeinanderfolgen. RadfahrerInnen sind nicht alle gute ZeichnerInnen. Einige mit großem Faible zu abstrakter Kunst und Linieninterpretation.

Hold the line.

Ötztaler Strategien.

Überleben. Nachdem ich es 2021 vergeigt hatte, war die Strategie für 2022 das nackte Überleben. Einfach ins Ziel kommen und in die Geschichtsbücher eingehen. Siehe letzter Punkt. Natürlich habe ich mich die Tage zuvor mit Pansy’s Marschtabelle beschäftigt und mich so “ehrlich” wie möglich einer magischen Zielzeit zu nähern. Die zusätzlichen Kilometer und Höhenmeter der Ausgabe 2022 haben daraus aber reine und unnötige Spekulation gemacht. Danke Ötztaler Radmarathon, dass du kaum Strategien zulässt und immer einen Plan B, C, D … verlangst.

Schön auch, dass ich die Kraft gefunden habe, auch mehrmals stehenzubleiben und die Landschaft zu streamen. Man wird im Alter nicht schneller, aber klüger auf der Suche nach Ausreden, nicht mehr weiterfahren zu wollen, um eine Pause einzulegen.

Ötztaler Wetter.

Wie das Wetter werden sollte, das hatte bis zuletzt niemand gewusst. Am Ende war es aber gar nicht so schlecht, wie letztendlich vorausgesagt. Trotzdem war das Wetter am Renntag wie immer schlechter als die Tage zuvor und am Montag danach. Typisch und wie bestellt (verflucht). Dass es in der Früh Richtung Ötz trocken war, kann als Vorteil gewertet werden. Auch wenn bei nasser Fahrbahn viel mehr Vorsicht das Feld begleitet hätte. Bis Ötz war ich auf jeden Fall weder zu warm angezogen, noch musste ich frieren. Perfekt. Bis in den Anstieg zum Kühtai. Hier hat sich die Wärme zuerst und dann die Hitze an meinem Körper gestaut. Zum Leidwesen meines Flüssigkeitshaushaltes.

Kalt, warm, heiß. Danke Ötztaler Radmarathon, dass du so unberechenbar bist. Dass du den Geist forderst und Entscheidungen verlangst, die ich so nie treffen kann. Weil ich einfach nicht frieren will.

Kalt, warm, heiß … Ötztaler Wetter.

Ötztaler Weisheiten.

Immer kommt es anders als man denkt. Das ist eine ganz spezielle Weisheit beim Ötztaler Radmarathon. Diesmal durfte ich das am Weg zum Brenner erleben. Ich hatte mir vorgenommen, hier nicht zu übertreiben. Das mache ich üblicherweise. Gruppe um Gruppe ließ ich vorbeiziehen. Auch den Organisator des Istria 300. Statt weiter mit ihm zu plaudern. Mein Puls war zu hoch, meine Leistung zu niedrig. Keine gute Kombination. Irgendwas passte zu diesem Zeitpunkt nicht (mehr). Eine unerwartete Systemstörung. Ich musste unter der Europabrücke brutal anhalten. 155 Pulsschläge im Stehen? Und es wurde nicht besser. Brauchte über 10 Minuten für ein Systemreset. Bis ich mich wieder auf den Weg machte, war das halbe Feld vorbeigerauscht. Richtung Brenner war ich dann meine eigene schnelle Gruppe. Einsam und langsam.

Ötztaler Emotionen.

Es sind immer wenige Sekunden. Ganz kurze Augenblicke. Jene Momente, die mich beim Ötztaler Radmarathon für alles entschädigen. Wahrscheinlich spreche ich da für viele. Diese Momente brennen sich ein. Sie gehen mir tief unter die Haut. Sie können sogar Tränen auslösen. Und tun es auch. Emotionen, die nur der Ötztaler Radmarathon hervorzaubern kann. Den Ötztaler Radmarathon fährt man nicht. Man spürt ihn. Er fesselt dich und lässt dich erst Tage später wieder los. Danke Ötztaler Radmarathon. Einmal und immer wieder.

Ötztaler Gänsehaut.

Ötztaler Regeln.

Die einzige Regel, die auf den Ötztaler Radmarathon zutrifft, ist, dass er sich an keine Regeln hält. Noch schlimmer. Er macht seine eigenen Regeln. Heuer neu eine Section Control und eine neutralisierte Zone am Radweg nach der Labe am Brenner. Mit all den damit zusammenhängenden Verboten. Kein Pinkeln, kein Stehenbleiben, keine Pausen, maximal 25 km/h. Ich habe mich daran gehalten (Durchschnittsgeschwindigkeit in diesem Segment 18,7 km/h). Andere weniger. Viel weniger. Viel Platz für Diskussionen gab es auf dem sehr engen Fahrstreifen sowieso nicht.

Eine weitere Regel ist, dass kein Müll weggeworfen werden soll (darf). Nur in den eigens dafür gekennzeichneten Zonen. Das Ende der Wegwerfzone, dürfte vielen nicht einen Hauch von Interesse abgewonnen haben. RadfahrerInnen sind Schweinderln. Leider.

Ötztaler Premieren.

Als erster Mensch überhaupt habe ich den Ötztaler Radmarathon auf einem Rennesel beendet. Mein Rennrad aus Holz verleiht mir diesen Eintrag in die Geschichtsbücher. Es war hart, es war härter und es war einfach Ötztaler Radmarathon.

Danke Ötztaler Radmarathon. Für all diese und jenes. Du gibst mir die Motivation, Jahr für Jahr an mich zu glauben. Solange ich dich schaffe, gehöre ich nicht zum alten Eisen. Ich komme wieder. 9. Juli 2023. Sei mir gnädig.

#ktrchts

Danke für die Empfehlung

1 Kommentare

  1. Come on!
    Soo schlecht warst du doch gar nicht.
    Zumindest warst du bis irgendwo am Timmelsjoch noch vor mir.
    Habe dein Bike bestaunt aber auch nicht mehr genug Puste gehabt, parallel noch ein Gespräch anzufangen.

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