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Specialized Allez Sprint Custom – Testbericht

Specialized Allez Sprint

600 Kilometer. Über 16.000 Höhenmeter. Sieben Tage. Genug Zeit, um die ersten Schmetterlinge aus der Kennenlernphase zu vertreiben und herauszufinden, ob ich mich mit dem Specialized Allez Sprint nur auf einen Sommerflirt eingelassen habe oder ob ich bereits die große Liebe fahre.

Der Holzfäller entdeckt den Presslufthammer

Die Dolomiten. UNESCO-Weltkulturerbe. Gibt es einen idealeren Ort, ein neues Rennrad mit null Kilometern zu testen? Wohl kaum. Danke an Mountainbiker am See für die „fünf-nach-zwölf Aufbauaktion“. Ich hätte nicht mehr damit gerechnet. Ein Projekt, welches ich seit Jahren im Kopf habe, war fast vollendet. Ich war bereit für Neues. Mit dem nötigen Feintuning. Und Feingefühl. 

Das Wesentliche vorweg: Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlte sich der Wechsel aufs Specialized Allez Sprint zunächst an, als würde ich vom handgefertigten Jagdgewehr direkt auf einen modernen Karabiner umsteigen. Das Holz hatte Charme, Seele und eine ganz eigene Art, Geschwindigkeit zu erzeugen. Das Allez Sprint hingegen kennt nur eine Richtung: vorwärts. Und zwar sofort.

Testbericht Specialized Allez Sprint

Fluchtinstinkt auf zwei Rädern

Manche Räder wollen überredet werden. Das Allez Sprint nicht. Sobald Druck aufs Pedal kommt, reagiert es wie ein Windhund, der die Leine losgelassen bekommt. Jede Beschleunigung fühlt sich an, als hätte jemand heimlich ein Gummiband gespannt und plötzlich losgelassen. Das Rad besitzt eine beinahe unverschämte Spritzigkeit, die immer wieder dazu verleitet, noch einmal aus dem Sattel zu gehen. Nicht, weil man muss. Sondern weil man wissen möchte, ob es wirklich noch einmal so explosiv anschiebt.

Tut es.

Das Allez Sprint fühlt sich an wie der Wechsel vom handgefertigten Florett zum Samurai-Schwert. Beide sind schnell. Aber nur eines hat permanent das Bedürfnis, irgendetwas anzugreifen.

Bergauf: Wo die PRs wohnen

Die größte Überraschung spielte sich dort ab, wo normalerweise die Ausreden beginnen: am Berg. Trotz eines gewissen Optimierungspotenzials beim Systemgewicht – also Rad plus Fahrer – purzelten die persönlichen Bestzeiten erstaunlich regelmäßig. Die Wattwerte waren dieselben. Die Beine ebenfalls. Nur die Ausreden wurden plötzlich knapp.

Das Allez Sprint klettert nicht wie ein federleichtes Bergwunder, sondern eher wie ein durchtrainierter Rugbyspieler: etwas mehr Masse, aber mit einer Brutalität im Vortrieb, die jede Rampe zusammenschrumpfen lässt. Gerade an steileren Anstiegen entsteht der Eindruck, dass kein Watt verloren geht. Das Rad nimmt jede Kraft an, verarbeitet sie ohne Diskussion und verwandelt sie unmittelbar in Vortrieb. Bürokratie gibt es hier nicht.

Wer jahrelang auf Holzrahmen unterwegs war wie ich, kennt das Gefühl, wenn ein Rad einen gewissen Eigencharakter mitbringt. Das Allez Sprint dagegen wirkt wie ein leistungsorientierter Personal-Trainer. Es diskutiert nicht. Es liefert.

Specialized Allez Sprint im Test

Weniger Reach, mehr Angriffslust

Mit 1,9 Zentimetern weniger Reach als beim Vorgänger hat sich auch die Sitzposition deutlich verändert. Auf dem Papier klingt das unspektakulär. Auf der Straße fühlt es sich an, als wäre ich vom gemütlichen Ledersessel auf den Schleudersitz eines Kampfjets gewechselt.

Meine Position ist kompakter, direkter und aktiver. Das Vorderrad ist deutlich näher bei mir, wodurch jede Lenkbewegung unmittelbarer umgesetzt wird. Das Ergebnis: ich habe ein Rennrad, das ständig bereit wirkt, die nächste Kurve, den nächsten Anstieg oder die nächste Attacke anzunehmen.

Ich sitze darauf und spüre förmlich, wie das Rad sagt: „Wir könnten hier einfach weiterrollen. Aber wir könnten auch angreifen.“

Kurvenräuber mit leichtem Hang zur Nervosität

Besonders beeindruckend ist die Wendigkeit. Wo der alte Rennesel eher ein ICE war, der majestätisch auf seinen Schienen durch die Landschaft gleitet, erinnert das Allez Sprint eher an einen Rallye-Wagen auf einer Alpenprüfung. Ein kurzer Impuls genügt und die Linie wird geändert. Dabei bleibt das Rad erstaunlich spurtreu. Es vermittelt jederzeit Sicherheit und Vertrauen, verlangt aber etwas mehr Aufmerksamkeit als der Vorgänger.

Der direkte Vergleich zum Rennesel zeigt die Unterschiede deutlich: Durch das höhere Gewicht im Bereich des Steuerrohrs lag dieser satter auf der Straße und wirkte in schnellen Kurven noch etwas präziser und stoischer. Während der Rennesel jede Kurve mit der Gelassenheit eines Langstreckenpiloten anflog, nähert sich das Allez Sprint derselben Kurve eher wie ein Kampfpilot im Tiefflug.

Nicht nervös. Aber jederzeit hellwach.

Komfort? Mehr als befürchtet. Viel mehr als erwartet.

Aluminium wird gerne mit Begriffen wie „hart“, „ruppig“ oder „Bandscheibentest“ in Verbindung gebracht. Das Allez Sprint interessiert das herzlich wenig.

Natürlich fährt es sich nicht wie ein Sofa auf Luftfederung. Aber der Custom-Aufbau, die tiefen Carbon-Laufräder und die moderne Reifenbreite sorgen dafür, dass auch lange Tage mit mehreren tausend Höhenmetern nicht zur Leidensprüfung werden. Nach sieben Tagen Dauereinsatz war jedenfalls nicht der Rahmen der limitierende Faktor.

Leider.

Das gefährlichste Detail? Die Motivation.

Die größte Stärke des Allez Sprint lässt sich weder wiegen noch messen. Es ist die Art, wie das Rad seinen Fahrer manipuliert.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche nur ein paar entspannte Grundlagenkilometer sammeln. Das war zumindest der Plan. Doch das Allez Sprint verfolgt eine andere Agenda. Jeder Ortsausgang wird zur Einladung. Jeder Anstieg zur Herausforderung. Jede freie Straße zur Versuchung.

Man sitzt darauf und denkt: “Ach komm, die nächste Kuppe noch.” Zehn Kilometer später fährt man einen persönlichen Rekord.

Das ist vielleicht die größte Qualität dieses Rades. Es vermittelt nicht nur Geschwindigkeit. Es erzeugt Lust auf Geschwindigkeit. Und es macht aus Trainingsfahrten kleine Rennen gegen sich selbst und verwandelt bekannte Strecken plötzlich wieder in Abenteuer.

Specialized Allze Sprint RH 56

Fazit

Das Specialized Allez Sprint ist kein Rad für Menschen, die entspannt durch die Gegend rollen und dabei das Panorama studieren möchten.

Es ist ein Rad für Fahrer, die bei jeder Ortstafel kurz überlegen, ob sie sprinten sollten. Für Fahrer, die „locker rollen“ sagen und zehn Minuten später einen KOM angreifen. Für Fahrer, die eigentlich regenerieren wollten.

Nach vielen Jahren auf Holzrahmen fühlt sich der Wechsel an, als hätte jemand die Handbremse gelöst. Das Allez Sprint ist aggressiv, spritzig, unglaublich motivierend und besitzt eine nahezu unbändige Flucht nach vorne. Es verbindet direkte Kraftübertragung mit erstaunlichem Komfort, hohe Wendigkeit mit genügend Spurtreue und eine Geometrie, die jederzeit nach Angriff statt nach Kompromiss verlangt.

Nach 600 Kilometern und 16.000 Höhenmetern bleibt vor allem eine Erkenntnis: Das Allez Sprint ist vielleicht nicht das leichteste Rad in meinem Fuhrpark. Aber definitiv dasjenige, das sich am leichtesten schnell fahren lässt. 

 

Custom Aufbau

Rahmen: Specialized Allez Sprint RH 56
Rahmenfarbe: Satin Sea Foam/Gloss Dune White
Rahmenmaterial: Aluminum Disc frame with D’Aluisio Smartweld Sprint Technology
Komponenten: Shimano Ultegra Di2 12fach mit Shimano Dura Ace Powermeter
Laufräder: Pancho Rush 50
Sattel: Pro Stealth Carbon
Reifen: Vittoria N.ext 26 mm
Schlauch: TPU
Gewicht: fahrbereit ca 8 kg
Pedale: KEO Blad Carbon

Specialized Tarmac SL7 – ein unverhofftes Date.

Specialized Tarmac SL7

Andere Mütter haben auch schöne Rennräder. Und wenn man die Möglichkeit bekommt eines davon zu daten, dann muss man zuschlagen. So geschehen vergangenes Wochenende. Die Jungs vom Mountainbiker am See fragten mich, ob ich das neue Specialized Tarmac SL7 Expert ausprobieren möchte. Und ob. Schnell war das Rad abgeholt und eingestellt. Größe 56 mit 110er Vorbau. Gut dass ich meine Bikefitting-Daten millimetergenau im Kopf habe. Und einen Inbusschlüssel stets zur Hand. Der Vergleich zum 2017er Modell drängt sich auf. Und natürlich auch die direkte Konfrontation mit dem Rennesel.

Specialized SL7

Das neue Tarmac. Ein Experte auf seinem Gebiet.

„Das neue Tarmac ist darauf ausgelegt, schnell zu fahren, es gibt kein Wenn und Aber – aber es repräsentiert so viel mehr als nur aerodynamische Fähigkeiten.“ So die Specialized Produktwerbung. Schreiben und reden kann man viel. Doch wie sieht die Realität aus? Genau so. Echt. Die ersten 40 km auf dem neuen Specialized Tarmac SL7 vergingen im Nu bei einem Schnitt von 31 km/h teils mit und, teils gegen einen starken und frischen Ostwind. Mit ihm mitzuschwimmen und sich gegen ihn zu stemmen war doppelter Genuss. Das neue Tarmac ist vor allem eines: agil und reaktionsschnell. Blitzschnell nimmt es Fahrt auf und verwandelt die eingesetzte Kraft in Vortrieb um. Sowohl im Sitzen wie auch im Wiegetritt. Wenn man dieser subjektiven Wahrnehmung Glauben schenken darf, dann ist die Specialized-Produktwerbung kein übertriebenes Eigenlob.

 

 

Man muss mit dem neuen Tarmac Specialized SL7 Expert nicht schnell fahren. Das ist nicht notwendig. Man will aber. Womit wohl alles über dieses Rad gesagt bzw. geschrieben ist. Der Rest ist eine Frage des Budgets, des Geschmacks und vor allem der Verfügbarkeit.

Man muss mit dem Tarmac nicht schnell fahren. Man will.

Das für einen Seitensprung zur Verfügung gestellte Tarmac Model war mit einer mechanischen Ultegra Disc Gruppe ausgestattet. Das Fehlen einer Di2 war schon zu spüren. Die Schaltvorgänge waren langsamer und weniger präzise. Logisch. Auch sind die STI-Griffe im Vergleich zur elektronischen Schaltung wahre Monster. Obwohl Sie gut in der Hand liegen.

Am besten gefiel der Specialized Power Expert Sattel. Dieser war schon beim Testen des Venge postiv aufgefallen. Man sitzt so, als wäre man am Rad angeschnallt. Kein Vor- und Zurückrutschen. Egal ob Oberlenker-, Unterlenker- oder Bremshebelhaltung. Interessant auch die Flaschenhalter S-Works Carbon Zee Cage II. Hier wird die Flasche nicht von oben eingeschoben, sondern seitlich. Bis ich das verstanden hatte. Aber das ist eine andere Logik und Geschichte.

Ansonsten weist das Expert Modell mit mechanischer Schaltung keine Besonderheiten auf. Rahmen ausgeschlossen. Der ist und bleibt einer aufs Wesentliche reduzierter Hingucker. Einiges an Traditionellem, viel an Aero sowie die typische Verbindung Sitzstrebe zu Sattelrohr. Die hauseigenen Roval C38 peppen nicht nur die Optik auf. Sie verleihen dem Rad auch ein Minimum an Flex. Denn Komfort sucht man ansonsten vergeblich. Und wird diesen auch nicht finden. Das Tarmac ist eine Prinzessin auf der Erbse. Alles was zwischen Reifen (S-Works Turbo 26 mm ) und Asphalt liegt, wird 1:1 über den Rahmen direkt in Arme und Wirbelsäule übertragen. Nicht ungut, möglicherweise könnte sich das auf längeren Ausfahrten jedoch auswirken.

Soviel Aero wie nötig, soviel Klassik wie möglich.

Der Alulenker passt gut und reicht vollkommen aus. Altbewährte Rundungen. Der spezielle S-Works Tarmac SL7 Vorbau macht ein gutes Gesicht, auch wenn das viele Plastik statt der herkömmlichen Spacer etwas „billig“ ausschaut. Ähnlich wie bei BMC (und mittlerweile fast bei allen Aero Rahmen) werden hier Kunststoffteile kompliziert angeordnet und ineinander verkeilt. Schnell einmal Vorbau erhöhen oder senken wird wohl nichts für Ungeduldige und kann in unfreiwilliges Tetris-Spielen enden. Dass der Vorbau eine integrierte Computerhalterung in der Faceplate haben soll, dürfte entgangen sein. Für Testzwecke wurde die Garmin Original-Halterung für Edge 1000/1030 montiert.

 

Ein Lächeln sagt mehr als 1000 Testberichte.

Eine kleine und amüsante Anekdote steuerte laKetterechts zum Testgeschehen bei. Eingeladen, auch einmal kurz auf das Specialized Tarmac SL7 zu steigen, hat sie dieses nach anfänglicher und routinemäßiger Ablehnung des Probesitzens dann nicht mehr zurückgegeben und mich gezwungen auf ihrem Trek Domane 5.2 die Tour zu Ende zu fahren. Mit 3 bar Luftdruck im Vorderrad, der Ordnung halber erwähnt. Es ist also ein Nachteil, wenn er und sie fast dieselbe Schrittlänge haben.

Und plötzlich war sie schneller. Nicht unbedingt des Rades wegen. Einfach nur weil sie schneller gefahren ist. Sie hätte nicht müssen. Sie wollte. Mit Dauerlächeln im Gesicht und mit Semi-Compact 52/36 Kurbel und 11-30 Ritzel (habe ich ihr erst am Ende der Tour verraten). Auch den Berg hinauf. Locker und flockig.

Einmal mehr zeigt sich damit, dass nicht nur die Beine schneller machen. Rennradfahren ist und bleibt auch Kopfsache.

Fazit Testurteil:

Andere Mütter haben auch schöne Rennräder und es war ein Vergnügen mit einem davon ein Speed-Date gehabt zu haben. Die Testfahrt mit dem neuen Specialized Tarmac SL7 Expert war wie der One-Night-Stand, den man am Morgen danach nicht mehr nach Hause gehen lassen will.

ktrchts
PS: Mehr dieKetterechts gibt es auf Facebook, Instagram und Twitter.

Specialized Tarmac SL7 Expert im Detail

Technische Spezifikationen:

RahmenTarmac SL7 FACT 10r Carbon, Rider First Engineered™, Win Tunnel Engineered, Clean Routing, Threaded BB, 12x142mm thru-axle, flat-mount disc
GabelFACT Carbon, 12x100mm thru-axle, flat-mount disc
LenkerSpecialized Expert Shallow Drop, alloy, 125mm drop x 75mm reach
VorbauTarmac integrated stem, 6-degree
LenkerbandSupacaz Super Sticky Kush
SattelBody Geometry Power Expert, hollow titanium rails
Sattelstütze2021 S-Works Tarmac Carbon seat post, FACT Carbon, Di2 Compatible, 20mm offset
Sattelstütz-klemmeTarmac integrated wedge
Bremse vorneShimano Ultegra R8070, hydraulic disc
Bremse hintenShimano Ultegra R8070, hydraulic disc
SchalthebelShimano Ultegra Disc R8020
UmwerferShimano Ultegra R8000, braze-on
SchaltwerkShimano Ultegra R8000, Shadow Design, 11-speed
KassetteShimano Ultegra R8000, 11-speed, 11-30t
Kurbel-
garnitur
Shimano Ultegra R8000, HollowTech 2, 11-speed
Kettenblätter52/36T
VorderradRoval C 38 Disc, carbon, tubeless-ready, 38mm depth, 24h
HinterradRoval C 38 Disc, carbon, tubeless-ready, 38mm depth, 24h
VorderreifenS-Works Turbo, 120 TPI, folding bead, BlackBelt protection, 700x26mm
HinterreifenS-Works Turbo, 120 TPI, folding bead, BlackBelt protection, 700x26mm
SchläucheTurbo Ultralight, 48mm Presta valve
Gewicht7,67 kg mit Pedalen und 2 Flaschenhaltern
Preisab € 5.599,- inkl. Ust.

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Beeing Specialized – Mein neues Dienstfahrzeug

 

Der Italiener und sein Rennrad. Eine Diva muss es sein. Vorzugsweise mit Campagnolo. Schön, stylisch und vom klingenden Namen her. De Rosa, Basso, Bianchi, Pinarello. Objekte voller Tradition. Mit eigener Geschichte über die Pässe des Giro d’Italia. Eine Religion. Der Italiener und sein Rennrad. Das muss passen. Da gibt es schon Grundsätze. Flexibilität ist da fehl am Platz. Diskussionen über Alternativen werden gekonnt vermieden oder einfach überhört. Italians do it better. Zumindest was den Rahmenbau und den Aufbau von Rennrädern betrifft. Italienische Rennräder sind „Very Specialized“.

Mit neuem Rad auf Rennradreise.

Die Versuchung ist trotzdem groß. Und sie lauert immer und überall. Denn andere Mütter haben auch schöne Rennräder. So gesehen beim Mountainbiker am See. Der Specialized Store in Weiden am See ist eine Brutstätte solcher schöner Söhne und Töchter. Hier bekommst du, was du sonst nirgends bekommst. Wenige bis gar keine Räder sind dort von der Stange. Dass Michael und Mike vor Ort große Fans von Einzelstücken sind, ist kaum zu übersehen und zu überhören. Verbringt man dort einen Vormittag, geben sich Paketdienste die Klinke in die Hand. Alles Kundenbestellungen. Vom Feinsten.

So ist es nicht verwunderlich, dass man auch den Italiener weichklopfte. Nachdem dieser bereits das Specialized Venge Vias Probe reiten durfte, sollte es diesmal ein Tarmac Expert sein. Jahrgang 2017. Mit SRAM eTap. Von der Stange. VP 4.999,- Nicht als Eintagsfliege. Länger. Langfristiger. Es sollte sich eine Beziehung aufbauen. Zwischen dem Italiener und seinem Rennrad. Das nicht italienische. Ob es für Liebe auf dem ersten Tritt reichen wird?

Speciaized Tarmac Expert SRAM eTap

Der Italiener und sein Rennrad. Jetzt fährt er sogar auf eine amerikanische Vollblutamazone ab. Eine von der Stange. Aus dem Karton. Vorerst. Es soll sich erst einmal eingewöhnen bis er ihre Sprache spricht. Dann darf er hoffen. Auf ein Upgrade. Enve Laufräder hat man ihm versprochen. Dann sogar Lightweight Meilenstein. Zu Testzwecken. Zuerst aber gilt es sich auf SRAM eTap statt Campagnolo Record einzulassen. Statt mechanischem Klang bekommt er jetzt elektronische Sound zu Ohr. Eine 53/36 Kurbel wird ihn sicher zu neuen Höhenflügen verhelfen. Exakt 7 kg und 260g brachte das neue Baby ohne Pedale und Flaschenhalter auf die Waage. Zusammengebaut von Willi. Mit akribischer Präzision und stoischer Gelassenheit.

Er geht jetzt fremd. Nein. Er fährt fremd. Den Radsommer lang. Mit dem Specialized zu seinen Rennradreisen. Der Italiener uns sein Rennrad.

ktrchts

Aero Rennrad Specialized Venge ViAS

Aero Rennrad

Frei nach der Devise andere Mütter haben auch schöne Rennräder, habe ich dieses Mal nicht lange gezögert und bin dem Ruf vom Mountainbiker am See gefolgt, als mir angeboten wurde, das Aero Rennrad Specialized Venge ViAS unter die ketterechts Fittiche zu nehmen. Gesehen hatte ich das Rad schon ein paar Mal. Meine Neugier also groß genug, um mich trotz Sturm und Regen mit meinem Pina von Eisenstadt Richtung Weiden am See auf den Weg zu machen.

Andere Mütter haben auch schöne Rennräder.

Specialized Venge ViAS mit Scheibenbremsen, Ultegra Di2, Pirelli P-Zero Drahtreifen 25mm vorne und hinten, Roval Carbonfelgen mit DT-Swiss Naben und ein S-Works Power Sattel. Vor mir stehen 7.499 Aero gebündelte Carbon Euros. Clean, auf das Wesentliche reduziert, bereit das Weite zu suchen und ordentlich getreten zu werden. Kurzer und obligater Espresso im Shop, ein wenig Small Talk mit Mike, ein kurzer Besuch in der Werkstatt zur Einstellung der Sitzhöhe und schon war ich in der freien Wildbahn.

Aero Rennrad

Specialized Venge ViAS

Gleich von Anfang an fühle ich mich nackt ohne Garmin. Mein Edge 1000 muss in die Trikottasche. Der specialized Specialized Lenker ist so specialized, dass herkömmliche Garmin Halterungen nicht passen. Oder Mike hat einfach keine montiert. Fakt ist, dass flach und konvex nicht zu rund passen. Eventuell ganz nahe am Vorbau. Nicht einmal die Halterungen, welche man direkt an die Schrauben des Vorbaus befestigen könnte, würden passen. Das Venge ViAS misst mit eigenen Maßstäben und nicht in der Norm. Alles ist viel breiter angelegt. Aero. Schade eigentlich. Ich hätte gerne Tempo und Watt im Auge. Vor allem bei einer Testfahrt.

Ein Aero Rennrad. Sexy oder doch nicht.

Das Specialized Venge ViAS fühlt sich weich an. Komfort würde der Kenner meinen. Dafür sehr kompakt. Ich fahre einen 56er Rahmen und dieselbe Sattelhöhe wie beim Dogma. Trotzdem sitze ich kürzer. Nicht ungut. Ich mag es so. Im Wiegetritt, klopfe ich mit meinen Knien ab und wann auf den besagten Lenker. Ok. Speichern. Das muss ins Unterbewusstsein. Die Pirelli P-Zero mit 25mm und 7,7 bar zeichnen sich als Komfortspender aus. Das Gesamtpaket Rad, Laufrad, Reifen schluckt Kanaldeckel als gäbe es sie gar nicht. Das stockbockige Dogma mit Carbon-Boras und 10 bar gibt im Vergleich dazu, jede Bodenunebenheit direkt an die Wirbelsäule weiter. Wer es lieber weich hat, findet im Venge ViAS einen Verbündeten.

Ich verschmelze sehr schnell mit dem S-Works Power Sattel. Sitzt, passt. Kann bis an den vordersten Zipfel rutschen und spüre keinen Schmerz. Hätte ich jetzt Aufleger würde ich zum Flug ansetzen. Die Ultegra Bremshebel sind wuchtig, liegen aber trotzdem gut in der Hand. Daumen nach innen, Finger nach außen. Ich habe das Gefühl, dass man hier für alles den richtigen Platz vorreserviert hat. Einzig das elektronische Schalten funktioniert noch nicht. Ich bin ja ein Campagnolo Jüngling und so ein Di2 Dingsda habe ich schon einmal umgebracht. Ein wenig probieren geht über studieren. Die Fehlerquote reduziert sich im Laufe der Ausfahrt.

Seitenwind ist der stärkere Gegenwind.

Das Wetter spielt nicht mit. Es weht ein böiger Wind und immer wieder gehen leichte Regenschauer nieder. Zuerst übe ich ein wenig specializen am Radweg. Schnell ist mir das zu langweilig und ich verlasse diesen in Jois Richtung B50. Dort mache ich am Weg Richtung Winden am See Bekanntschaft mit des Rades Feind Nummer eins. Den Seitenwind. Über das Leithagebirge bläst dieser in einem 90° Winkel zur Fahrbahn mit voller Wucht auf das Venge. Die hohen Laufräder sind eine attraktive Angriffsfläche. Meine Neigung in den Verkehr hinein nimmt skurrile Formen an. Ich surfe. Es fällt mir schwer, mein Geschoss zu kontrollieren. Nach ein paar Kilometern ist der Spuk vorbei. Ich biege rechts ab und setze mich frontal in den Wind. Klingt einfacher, ist es auch.

Aero Renrnad

Shimano Disk-Brake

 

Bergauf überrascht mich die Agilität des Aero Rahmens. Trotz der 25er Reifen und der nicht unbedingt auf Alp d’Huez getrimmten Geometrie. Im Wiegetritt wie auch im Sitzen. Die Übersetzung ist mit 52/36 vorne und 11/28 hinten für burgenländische Verhältnisse optimal. Die Sprünge sind gering und somit lässt sich die Kette problemlos über die volle Bandbreite der Ritzel steuern. Auch 53/28 läuft geräuschlos und ohne Probleme. Trotz müder Beine drücke ich. Das Rad reagiert gut. Eine PB geht sich knapp nicht aus.

Genetisch bedingt auf Speed getrimmt.

So richtig geil wird’s hinunter nach Kaisersteinbruch. Das Venge beschleunigt gut und dank der Scheibenbremsen kann ich in den paar Kurven inklusive der letzten Kehre einen späteren Bremspunkt setzen. Richtig schräg wird es erst im Kurvenscheitel. Die Linie ist gesetzt und die Spur wird treu gehalten. Danach geht es ohne Gegenlenkung weiter. Dieses Rad ist genetisch bedingt auf Speed getrimmt. Es schreit danach. Ich schenke mir nichts und lass es krachen. Strava wird es mir am Ende des Tages mit einer neuen PB bis Wilfleinsdorf danken.

Der Rest ist jetzt nur mehr die Kür. Bruck an der Leitha, Bruckneudort, Parndorf. In der Waldschneise. Seitlich von hinten schiebt es mich nach vorne. Die 52 Zähne werden voll ausgenutzt. Der Griff zum Unterlenker unvermeidlich. Ich starte den Triathlon-Modus. Schwerpunkt vor das Tretlager und Druck nach hinten. Es rauscht. Die Bestie hat den Käfig verlassen. Die freie Wildbahn ist das natürliche Habitat des Aero Rennrades. Ein Wildkatze, die aber leicht zu zähmen ist.

I’am specialized – das Fazit fällt nüchtern aus.

Die postiiven Eindrücke überwiegen nach der ausgiebigen Testfahrt. Geiles Rad. Interessantes Spielzeug mit einer Menge neuer teschnischer und aerodynamischer Teilen. Vielleicht ist das Venge ViAS nicht für jeden Tag und jede Ausfahrt geeignet. Aufgefallen wird damit aber sicher.

Einzig und allein die Bremsen haben Abzüge in der A Note bewirkt. Nach jeder stärkeren Bremsung haben die Shimano Scheiben angefangen zu heulen. Ja. Nach dem Bremsen. Sobald die Bremse ausgelassen worden ist. Wie eine Nachtigall beim Balzen. Lauter und immer lauter. Erst beim Wegfahren oder erneutem Bremsen verstummte das Konzert. Fragt mich nicht warum. Mike bestätigte mir diesen Effekt.

Dass Hinter- und Vorderrad so nahe am Sattelrohr und Unterrrohr liegen würde mich in Sachen Rahmenschaden beunruhigen. Hier ist viel Platz für Rollsplitt und anderen Teilen, welche die Straße freigibt.

Es war eine kurze Liaison. Das Aero Rennrad und ich haben uns respektvoll verabschiedet. Wir hatten Spass. Ob wir uns wiedersehen? Vielleicht. Möglicherweise. Auf alle Fälle gibt es bald ein Date mit dem neuen Specialized Tarmac. Einmal specialized, immer specialized?

ktrchts

Danke nochmals an Mountainbiker am See für die Leihgabe des Rades. Falls das Venge S-Works frei verfügbar wäre: Ihr wisst, wo ich zu finden bin. eTap oder Dura Ace mit Wattmesskurbel ist egal.

PS: Dieser Blogbeitrag erfolgt unentgeltlich. Nein. Ich habe dafür zwei Espresso bekommen.