Sportsucht bei Ausdauersportlern – ein Beitrag von Dr. Christian Irsara.

Regeneration beim Rennradfahren

Vorausgeschickt: Dies wird sicher kein „Sport-ist-Mord“-Artikel (nichts läge mir ferner). Fest steht, dass Sport- bzw. Bewegungsmangel in unserer heutigen Gesellshcaft das weitaus größere Problem darstellt als Sportsucht, keine Frage. Trotzdem muss man sich als Sportler, und speziell als Sportarzt, der Thematik widmen, da sie doch mitunter sehr relevant werden kann.

Sportsucht als das unabweisbare Verlangen. 

Annähern muss man sich, wie bei allen Fragen der Biologie/Medizin, aus Sicht der Evolutionsmedizin. Stark vereinfacht: Bereits sehr früh in der Entwicklung des Menschen entwickelte sich das sogenannte Belohnungssystem (mesolimbisches System) in unserem Gehirn. Bestimmte Verhaltensmuster, welche der Aufrechterhaltung der Art dienlich sind, führen zu einer spezifischen Ausschüttung von Botenstoffen (speziell Dopamin) im Gehirn, welche die Emotion Freude signalisieren. Beispiele für solche Verhaltensmuster sind natürlich die Nahrungsaufnahme, sexuelle Aktivität und eben auch intensive/langanhaltende körperliche Bewegung (Stichwort „Endorphinausschüttung“). Jede Sucht, sei sie nun stoffgebunden (Zucker, Nikotin, Alkohol und andere Drogen) oder stoffungebunden (Spielsucht, Sportsucht usw.), beruht zu einem großen Teil auf diesem System. 

„Herr Doktor, muss ich wirklich eine Pause machen?

Da ich aus dem Ausdauersport komme, beziehe ich mich in den folgenden Ausführungen hauptsächlich auf ebendiesen Sportbereich, wobei ich der Meinung bin, dass sich die meisten Überlegungen, wenn auch wahrscheinlich in geringerem Ausmaß, auch auf verschiedenste Sportarten mit anderen oder geringeren Grundanforderungen übertragen lassen. Je intensiver, länger und häufiger trainiert wird (= hoher Energieverbrauch), desto mehr wird Abhängigkeit eine Rolle spielen. 

Definitionen:

  • Sucht: Sucht bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.1
  • Sport: Der Begriff Sport wird je nach Kontext, sehr unterschiedlich benutzt. Z. B. Sport als Wettkampfsport, wobei auch Schach und Motorsport anerkannte Sportarten sind. Oder „ich geh zum Sport“, was sich oft auf relativ zielloses (nicht gleich sinnloses) Bewegen in der Natur oder im Fitnessstudio bezieht. Für diesen Artikel möchte ich Sport als Aktivität definieren, in der der motorische, Arbeit-verrichtende, Energie-„verbrauchende“ Aspekt im Vordergrund steht.

Auch wenn in der Gesellschaft und den Medien sehr gebräuchlich, ist meiner Meinung nach der Begriff „Sportsucht“ somit nicht gut gewählt, besser wäre es z. B. von „Bewegungssucht“ zu sprechen (so ist der Begriff in angloamerikanischen wissenschaftlichen Abhandlungen breiter gefasst und zutreffender: „exercise addiction / exercise dependence“). Nur selten wird man vom Wesen der Sportart selbst abhängig werden (Schach-Sucht, Radsportsucht ob der Schönheit des Fahrrades usw.), vielmehr von den ausgeprägten biochemischen Prozessen vor allem im Gehirn und der arbeitenden Muskulatur, dabei kann das Bedürfnis sportartunabhängig befriedigt werden (z. B. ein laufsüchtiger Ausdauersportler wird relativ problemlos auf Radsport wechseln können, ohne Symptome zu entwickeln, nicht jedoch auf Schach).

Grundsätzlich würde ich, ohne dies wissenschaftlich begründen zu wollen, zwei gegensätzliche Sportler-Typen unterscheiden.

  • Der „Minimalist“: Er versucht mit möglichst geringem Aufwand möglichst viel zu erreichen, sei es eine Leistung im Wettkampf oder ein bestimmtes körperbezogenes Ziel (Körpergewicht, Aussehen). Sehr häufig ist er mit viel Talent gesegnet, weshalb er meist schon zu Schulzeiten in seiner Sport-/Turngruppe zu den Besten gehörte. Er macht bereits früh die Erfahrung, dass er mit relativ wenig Einsatz sportlich viel erreichen kann. Dieser Typus hat zumeist kein Problem damit, das Training, aus welchem Grund auch immer, zu unterbrechen. Er genießt die Auszeit und weiß, dass er bald wieder „der Alte“ sein wird. Aus traditionell-chinesischer (TCM) Sichtweise entspricht der Minimalist am ehesten dem Mitte-/Milz-Typ.
  • Der „Allesgeber“: Dieser versucht immer das maximal mögliche zu trainieren (Trainingszeit, Umfang, Intensität). Dies im Glaube, dass er dadurch sein Ziel am besten oder schnellsten erreiche, oder, nicht seltener, einfach um der Bewegung willen, oder z. B. um am Buffet sündigen zu können. Der „Allesgeber“ ist bei Ausdauersportlern sehr häufig anzutreffen. Meist handelt es sich um normaltalentierte Leute, die durch viel Fleiß und Hingabe oft zu der Leistung der talentierteren „Minimalisten“ aufschließen oder diese sogar übertreffen können. Das entsprechende Gegenstück in der TCM wäre der Lunge-Typ.

Natürlich sind dies zwei Extreme und dazwischen liegt ein ganzes Spektrum an möglichen Zwischenformen. Häufiger begegnet ist mir jedoch der „Allesgeber“, in verschieden starken Ausprägungen, auch ich würde mich sicher nicht zu den „Minimalisten“ zählen. Der „Allesgeber“ ist naturgemäß wesentlich anfälliger, in eine Bewegungssucht zu verfallen.

Nur selten wird in Arzt- oder sportwissenschaftlichen Praxen nach Sportsucht gescreent und die Betroffenen sprechen die Thematik nur äußerst selten an, da es im Wesen der „Süchtler“ liegt, nicht „enttarnt“ werden zu wollen. Es gibt zahlreiche komplizierte und langwierige psychologische Tests zur Abklärung einer Sportsucht. Ein sehr einfacher Test zur groben (auch Selbst-)Einschätzung ist der exercise addiction inventory (EAI), ein sehr kurz gehaltener Fragebogen, welcher wichtige Kriterien einer Abhängigkeit meiner Meinung nach recht gut berücksichtigt (auch wenn ich ihn wie unten genau erläutert modifiziert habe) und folglich dargestellt wird.2 In der Studie, in der der EAIevaluiert wurde, fand sich eine Prävalenz (Häufigkeit) von Sportsucht von 3 % (was sich auch mit anderen epidemiologischen Studien deckt), allerdings wurden in der Studie 200 „Gelegenheitssportler“ aus verschiedensten Sportarten (Teamsportarten, Ausdauersportarten, Kampfsportarten, Fitnessstudio usw.) befragt, was eine deutlich höhere Prävalenz in der spezifischeren Gruppe der „leistungsorientierten (Wettkampf-)Ausdauersportler“ nahelegt.

 Exercise addiction inventory (EAI)

Kriterium
Frage
Zustimmung*
Salienz / Priorität
Sport ist das wichtigste in meinem Leben
1
2
3
4
5
Soziale Konflikte
Zwischen mir und meinem sozialen Umfeld kam es aufgrund meines Trainingspensums bereits zu Konflikten
1
2
3
4
5
Beeinflussung der Stimmung
Ich verwende sportliches Training, um meine Stimmung zu verändern (ein „high“ erleben, vor etwas zu flüchten o.Ä.)
1
2
3
4
5
Toleranz-
Entwicklung
Ich habe über die Zeit mein Trainingspensum erhöht (um o.g. psychischen Effekte zu erzielen)
1
2
3
4
5
Entzugssymptome
Wenn ich eine Trainingseinheit auslassen muss, werde ich launisch und leicht reizbar
1
2
3
4
5
(Rückfall)
(Wenn ich mein Trainingspensum reduziert habe und dann wieder mit dem Training beginne, trainiere ich letztendlich immer gleich häufig und hart wie bereits zuvor)
(1
2
3
4
5)
Einschränkbarkeit / Reduzierbarkeit
Ich plane keine regelmäßigen Regenerationsphasen mit deutlich (!) reduziertem Trainingspensum oder kann diese nicht einhalten
1
2
3
4
5
Selbstschädigung
Ich trainiere weiter, auch wenn ich nicht sollte (Verletzung, Infekt, Erkältung o.a.), oder mache Gebrauch von leistungssteigernden Mitteln / Medikamenten / Methoden
1
2
3
4
5

(In fett die ursprünglichen Kriterien; in Klammer ein meiner Meinung nach etwas missverständliches Kriterium und folglich zwei kursive von mir hinzugefügte Kriterien als Alternative für das Kriterium in Klammer). * 1: stimme überhaupt nicht zu; 2: stimme nicht zu; 3: weder noch; 4: stimme zu; 5: stimme stark zu

Sicher werden sich jetzt viele in einigen der Fragen mehr oder weniger wiederfinden. Der relevanteste Punkt im Fragebogen ist meiner Meinung nach die soziale Problematik („Sport-bedingte“ Vernachlässigung der Freunde oder Familie, Trennungen u.v.a.). Nicht wirklich berücksichtigt wird der sehr wichtige Faktor Selbstschädigung (übermäßiges Training, das zu Verletzungen und auch organischen Problemen führt; diesbezüglich leider auch nicht erwähnt die Selbstschädigung durch Dopingmittel). Schädigung von sich selbst und/oder des sozialen Umfeldes ist für mich ausschlaggebend. Die anderen Punkte, welche zwar eindeutige Kriterien für eine Abhängigkeit sind, haben in meinen Augen etwas weniger (nicht keine!) Gewichtung, da sie sich in einem gewissen milden Ausmaß bei z. B. fast jedem ambitionierten Sportler wiederfinden. So wird die Toleranzentwicklung im EAI mit „Over time I have increased the amount of exercise I do in a day“ abgefragt. Sinnvollerweise habe ich in der obigen Tabelle diese Aussage mit „…um o.g. psychischen Effekte zu erzielen“ erweitert, da die Steigerung der Trainingsumfänge über die Zeit per se ein für jeden ambitionierten Sportler völlig normaler Vorgang ist. Auch der letzte Punkt (Rückfall) kann meiner Meinung nach missverstanden und muss genauer erklärt werden, da nicht beschrieben wird, warum das Trainingspensum reduziert wurde und es z. B. völlig normal ist nach einer Krankheits-bedingten Trainingspause danach wieder das gewohnte Trainingsmuster aufzunehmen. Eine Frage könnte auch lauten: Wenn Sie sich vornehmen für einen Zeitraum (eine Einheit, eine Woche, ein Monat) weniger zu trainieren, schaffen Sie das nicht und trainieren gleich weiter wie vorher (z. B. Planung einer 5-Stunden-Regenerationswoche, welche dann in eine 15-Stunden-Trainingswoche ausartet). Oder man kann stattdessen auch die Frage formulieren: Trainieren sie ungebremst weiter, obwohl sie es eigentlich nicht sollten (z. B. während einer Erkältung oder im verletzten Zustand). Dies würde auch das Kriterium der Selbstschädigung berücksichtigen. Aus diesem Grund hab ich die ursprüngliche Frage des Rückfalls in Klammer gesetzt und die o.g. zwei Fragen in kursiv hinzugefügt.

Wenn sich jetzt übrigens jemand Sorgen macht, weil er gerade in einer Zwangs-Trainingspause ist, und körperliche Entzugserscheinungen verspürt, kann ich ihn dahingehend beruhigen, dass dies eine völlig normale körperliche Reaktion sein und teils, v.a. bei längerer Dauer, sogar erheblich ausfallen kann. Im Vordergrund stehen bei der klassischen Sportsucht sicher die psychischen Entzugssymptome wie gesteigerte Reizbarkeit, Wutausbrüche bis hin zu gröberen Wesensveränderungen.

Sollte man einer oder mehreren der oben angeführten Fragen zustimmen oder sich sonst irgendwie angesprochen fühlen, empfehle ich dies beim Arzt oder Therapeut seines Vertrauens anzusprechen, um eine rechtzeitige tiefergehende Abklärung und gegebenenfalls Behandlung durch Fachkräfte einleiten zu können.

Quellenangaben:

1) Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, http://lexikon.stangl.eu/632/sucht/
 
2) The exercise addiction inventory: a quick and easy screening tool for health practitioners. M D Griffiths et al. Br J Sports Med 2005; 39.

**

Dr. Christian Irsara, Baujahr 1985, Arzt für Allgemeinmedizin, Diplome für Sportmedizin, Notfallmedizin und Akupunktur. Seit dem 16. Lebensjahr Begeisterung für Sport, Sportmedizin, Ernährung, Prävention, Gesundheit und aus diesem Grund Wahl des Medizinstudiums.

„Kette rechts“ war auch schon seit jeher mein Motto, deswegen fühle ich mich mit dieketterechts.com verbunden 

Motto „mit Hausverstand von der Praxis für die Praxis“. Zunächst als Jugendlicher begeisterter Sportkletterer. Ausdauersportler seit 2004 mit Jahresumfängen zwischen 400-1000 Stunden, hauptsächlich Rennrad-Sport. Zwischenzeitlich Abstecher in das Triathlon-Lager. Viel Erfahrung im Krafttraining mit Gewichten. Ötztaler 7:47. Somit sehr viel eigene sportliche Erfahrung in Ausdauer- und auch Kraftsport, sowie jahrelange Interaktion mit Ausdauersportlern, welche ich in Verbindung mit meinem medizinischen Wissen, weitergeben möchte.

1 Kommentare

  1. Ich finde auch die zweite Frage so schwierig. Ich kenne Konflikte mit dem Sozialen Umfeld, die sich aber darauf belaufen dass ich blöde Kommentare bekomme wenn ich in bestimmten Trainignsphasen mal keinen Alkohol trinke, und deswegen seltener bei Partys oder in Kneipen bin. Das ist klar ein Konflikt der auch auf dem Trainings beruht, aber mMn nicht als Indikator für Sportsucht gewertet werden kann.

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